Grinsekatze geht ins Netz

Quitter oder was? Erste Erfahrungsberichte aus dem Twitter-Exil.

Haben Sie auch schon ein neues soziales Netzwerk im Auge, jetzt, wo Twitter uns plötzlich unsere Basis, die frei gewählte, chronologische Timeline entziehen will? Sich gar schon irgendwo angemeldet? Ich (@keinzahnkatzen) auch, gestern, und heute muss ich unbedingt davon erzählen.

Meine Damen und Herren,
liebe alte Freunde bei Twitter,
liebe neue Freunde bei Quitter,

ich hänge an Twitter, wirklich, sehr sogar. Noch mehr hänge ich aber an den Menschen hinter den Accounts, denen ich folge und die mir folgen. Und wenn diese Menschen sich entscheiden bzw. dazu durchringen, auf eine chronologische, frei gewählte Timeline nicht verzichten zu wollen, und Twitter diese nicht mehr bieten möchte, dann hoffe ich sehr, dass diese Menschen sich ohne größere Verluste auf eine Alternative verständigen und sich dort wiederfinden können.

Deswegen habe ich mich nun gestern – zu Testzwecken und um dort schon mal einen Fuß in der (oder einer) alternativen Tür zu haben – bei quitter.se angemeldet. Das ist eine kleine, unabhängige und in Schweden beheimatete Plattform, deren Web-Nutzerschnittstelle Twitter durchaus ähnlich sieht.

Quitter ist natürlich – noch – kein adäquater Ersatz für Twitter. Vieles sieht bei näherer Betrachtung anders aus, z. B. wurde hier bisher offenbar eher weniger Wert auf Favs und RT (die dort Requeets heißen); man muss seine „Queets“ mühsam in der TL suchen, wenn man überprüfen möchte, ob jemand Sternchen verteilt oder requeetet hat. Nur über Replies und neue Follower kann man sich informieren lassen.

Da ich nun nicht die einzige deutsche Spaßtwittererin war, die sich gestern bei Quitter angemeldet hat, ist der arme kleine schwedische Server gleich mal direkt in die Knie gegangen… die Timeline baut sich nur äußerst schleppend auf und viele Beiträge findet man sowohl in der eigenen wie auch in der öffentlichen TL nur sehr mühsam.

Aus freundlichen Hinweisen technisch erprobter und mit unabhängigen Social Media vertrauten Usern erfuhr, ich dass Quitter nur ein Server aus einem größeren Netzwerk ist und man sich auch auf anderen Servern anmelden und von dort aus quittern kann – ohne Überlastungserscheinungen.

Nun gut, testweise erstellte ich auch ein Profil bei micro.vinilox.eu, das in einem Blogbeitrag http://pastebin.com/kkZR1bA7 als „am twitterähnlichsten“ empfohlen wird. Dort ist aber in der deutschsprachigen Community nicht wirklich was los – und außerdem konnte ich zwar einen Account erstellen, aber keine Einstellungen verändern, so dass ich dort noch nicht einmal einen Avatar einrichten konnte. Auf einen Hilferuf in der öffentlichen Timeline gab es auch nach zwei Stunden keine einzige Reaktion. Hm. Leider kann ich – habe ja keine Einstellungsmöglichkeiten – meinen Account auch nicht löschen, aber das wird wohl irgendwann mal meine erste und einzige Amtshandlung bei Vinilox bleiben.

Also, zurück zu Quitter. Dort tauchen nach und nach einige meiner Twitter-Freunde auf, ich folge jetzt 65 Accounts und mir folgen 60. So weit, so gründerzeitlerisch. Und inzwischen steht zwischen den ganzen Fragen, aus denen man in 48 Stunden wahrscheinlich ganz leicht, ein Handbuch zusammenklöppeln könnte, und den Meldungen darüber, wer jetzt wieder wem folgt, auch ab und zu mal ein ganz normaler „Queet“. Was mich hoffen lässt, denn wegen dieser bin ich ja schließlich da.

Aber was ist, wenn ich aus dem Haus muss und nur mein tapferes Smartphone mich begleitet? Der Google-Playstore hat unter dem Namen Quitter nur eine Nichtraucher-App im Angebot. Aber natürlich gibt es über die Web-Benutzerschnittstelle zahlreiche Emfpehlungen: Zurzeit teste ich auf meinem Androiden parallel die Anwendungen „Mustard“ und „AndStatus“. Beide laufen so halbwegs stabil und sind so hässlich, dass man weinen möchte. Aber was soll’s? Angeblich gewöhnt man sich ja an alles – und was ich wirklich brauche, das nutze ich, auch wenn es mir nicht gefällt. Also, Klobürsten, den Öffentlichen Nahverkehr, die hässlichen Kaffeebecher im Büro und von mir aus auch eine App – sofern sie nicht ständig das ganze Telefon abstürzen lässt (bisher noch nicht). Und vielleicht wird sie ja auch noch schöner.

Im Moment bin ich auf beiden Plattformen, Twitter und Quitter, gleichzeitig aktiv. Für eine gewisse Zeit wird das ja vielleicht funktionieren, auch wenn es etwas mühsam ist, sehr zeitaufwändig und eventuell für die Katz (die aber ihre Verbindung zur Twitterwelt auch nicht verlieren will). Ich freue mich über jeden „normalen“ Tweet/Queet, der nicht mit der Nutzung sozialer Netzwerke zu tun hat – trotzdem brauchen wir natürlich den Austausch über das, was hier gerade läuft, damit jeder für sich entscheiden kann, was sie/er mit den veränderten Gegebenheiten anfangen möchte.

Mal angenommen: Die Trendsetter, die Mehrzahl der Twitterverbindungen, die Lieblingstwitterer, die Mitläufer, die Zögerlichen (die aber nicht vergessen werden wollen), die Schüchternen (die ein „Du musst aber mit uns mitkommen, ohne dich macht es doch keinen Spaß!“ hören möchten), die Neugierigen und Unternehmungslustigen (die eventuelle Zweifel durch gesteigerte Aktivität beseitigen wollen) – das sind wir doch alle irgendwie ein bisschen. Und niemand von uns möchte alleine und ohne eigene und fremde Aktivitäten in einem sozialen Netzwerk herumsitzen.

Also: Sagt was. Fragt was. Probiert was aus. Erzählt, wie es war. Regt was an. Regt euch auf. Habt Spaß. Erzählt, wie es war. Habt keine Angst, alleine zurückzubleiben. Löscht nicht eure Accounts, weil ihr glaubt, es sei den anderen egal. Verschafft euch Gehör. Macht Erfahrungen. Sagt euren Lieblingstwitterern, dass sie euch wichtig sind. Beeinflusst die Entscheidung, was aus dieser Community wird! So oder so.

  

Ist es was Ernstes? Nein, es ist Online-Dating!

Im sogenannten wirklichen Leben dreht sich ja beim Kennenlernen eines eventuellen neuen Partners und wenn es tatsächlich „ernst“ wird, vieles um die Exklusivität. „Warum soll ich denn noch andere treffen, wenn ich dich habe?“ versichert man sich und: „Mit den anderen und mehreren gleichzeitig, das war, bevor ich dich kannte.“ Zweisamkeit ist automatisch auch Ausschließlichkeit. Wer verliebt ist, braucht nur noch das Objekt der Verliebtheit und sonst nichts mehr. Kein Essen, kein Fernsehen, keine Frauen- bzw. Männerabende – und erst recht keine weiteren potenziellen Partner. Für die nächsten drei bis vierundzwanzig Monate zumindest. Wer zu schnell wieder fragt, was es zum Mittagessen gibt, der war gar nicht ernstlich verliebt.

Allein das erklärt, warum ich im Grunde nie eine ernsthafte Beziehung hatte: Ich denke eigentlich immer ans Essen. Sogar beim Sex und wenn dieser sich vorteilhaft entwickelt, geht mir manchmal die Frage durch den Kopf, ob zu Hause noch Brot ist und was ich da wohl draufmachen könnte, wenn ich nachher nach Hause komme. Das tut dem Sex übrigens keinen Abbruch. Wenn in meinem Leben Platz für Romantik ist, dann nach dem Sex, viel später, mit den Katzen und einem Käsebrot in der Küche. Hach.

Da mir nachweislich die sittliche Reife für den Ernst des Lebens in der Liebe fehlt, war ich auch nicht sonderlich beunruhigt, als ich in der Singlebörse lernte, dass Exklusivität und verliebte Ausschließlichkeit gar nicht wünschenswert sind. Zu Beginn meiner Online-Dating-Karriere konzentrierte ich mich eine Weile tatsächlich immer nur auf einen Mann, mit dem ich eine Weile schrieb und dann ein erstes Treffen plante. Zum Teil aus Unsicherheit und weil ich meine peinlichen Anfängerfehler nicht breiter streuen wollte als notwendig, aber zum Teil auch aus „Gründen der Fairness“, in leicht umnachteter Naivität davon ausgehend, dass Männer ebenso verfahren und meine Enthaltsamkeit gutheißen.

Schön blöd, wie ich bald bemerkte. Die Männer, mit denen ich es zu tun bekam, flirteten nicht nur nicht nur mit mir, nein, sie fanden es auch überhaupt nicht schön, wenn ich meine Aufmerksamkeit nur ihnen widmete. Im Gegenteil, sie fühlten sich davon eher eingeengt und unter Druck gesetzt.

„War geil mit uns“, bekam ich zu hören. „und wir müssen uns unbedingt wiedersehen. Aber du siehst doch auch andere Männer zwischendurch, oder?“ „Ja, natürlich“, lernte ich darauf schnell zu erwidern.“Diese Woche noch zwei und für nächste Woche habe ich so viele Anfragen, dass ich noch überhaupt nicht weiß, wie ich die Typen alle treffen soll.“

Was meistens sogar stimmt. Seit mein Singlebörsen-Profil halbwegs ziemlich authentisch ist und somit hinreichend abenteuerlustig rüberkommt, interessieren sich weit mehr Männer für mich als in den vierzig Millionen Jahren vorher. Nicht alle dieser Männer kommen auch mir interessant vor, aber es gibt durchaus eine mit bloßem Auge sichtbare Schnittmenge… man lernt ja dazu, was die zielgruppengerechte Profilgestaltung angeht! Es gibt also Zeiten, in denen ich die gesteigerte Nachfrage unter Einhaltung des Prinzips der seriellen Monogamie nicht befriedigen kann. Entsprechend schreibe ich mittlerweile doch, wenn es sich gerade so ergibt, mit mehreren Männern parallel und plane auch die Dates so, wie sie sich halbwegs sinnvoll umeinander herum gruppieren lassen.

Die Männer machen es ja schließlich genauso. (Vorausgesetzt, sie kriegen auf ihre Zuschriften überhaupt Antworten und es gibt mehr als eine Frau, die sich mit ihnen treffen will.)

Das Mehrfachdating funktioniert auch ganz gut, wenn man nur fest genug an zwei Dinge glaubt:
• Erstens: Dating an sich ist eine gute Sache, macht Spaß und bereichert das Leben, unabhängig vom Ergebnis.
• Zweitens: Falls irgendwann mal der EINE UNTER TAUSENDEN dabei sein sollte, mit dem es wirklich (so wie im wirklichen Leben) passen könnte und mit dem man sich mehr (also etwas fast Ernstes) vorstellen könnte, DANN WERDE ICH DEN SCHON BEMERKEN! UND ER MICH AUCH!

Erstens ist übrigens kein Problem: Dating macht Spaß, ist gut fürs Selbstwertgefühl und trainiert das Feingefühl, die Beckenbodenmuskulator sowie den Sinn für Situationskomik.

Bei Zweitens bin ich nicht ganz so sicher: Ab und zu ist zwischen den Männern, mit denen ich es zu tun bekomme, mal einer dabei, von dem ich denke: „Och, der wäre aber ein ganz guter Fang.“ Um mich sofort selbst zur Ordnung zu rufen: „Fangen? Du willst doch niemanden fangen! Vielleicht noch zähmen, was? Haha. Nimm doch gleich das elendige ‚Wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen!‘ als Motto für dein Singlebörsenprofil – und schau mal, ob dir dann noch einer schreibt!“ Verdammte Schere im Kopf. Aber recht hat sie natürlich. Mit dem „Kleinen Prinzen“ und pseudoromantischen Besitzsanspruchsbegrifflichkeiten kommen wir nicht weiter. – Wo war ich? Keine Ahnung! Und das, GENAU DAS, ist das Problem!

Die Menge macht es. Die Menge macht was? Mich wahnsinnig. Zum Beispiel.

Im Moment habe ich drei Profile bei zwei Singlebörsen. Und denke über ein viertes (bei einer dritten Singlebörse) nach. Jedes Profil hat zwischen drei und fünf „Favoriten“ mit mehr oder weniger regelmäßigem Mail- oder Real-Kontakt. Mal kommt einer dazu oder ein anderer verabschiedet sich. Schizophrene Momente ergeben sich regelmäßig, wenn mich ein Typ, den ich von einem meiner Profile kenne, auf einem anderen auch anschreibt (meistens ohne zu wissen, dass er mich schon kennt). Noch etwas beknackter finde ich mich, wenn ich jemanden, zum Beispiel weil er raucht oder kein Single ist, auf meinem „Ganzjahresprofil“ nicht haben will, ihn aber trotzdem interessant finde und überlege, wie ich ihn elegant an eine meiner Nebenpersönlichkeiten weiterschieben kann…

Aber mein größtes Problem ist die schiere Anzahl von Männern, mit denen ich zu tun habe. Bei jedem einzelnen halte ich es schließlich zu Beginn für möglich, wenigstens ein bisschen, dass er „derjenige welche“ sein könnte – und kann nur hoffen, dass er das dann, gegebenenfalls, auch sein möchte. Also für mich und in diesem Leben. Ohne Erfolgsdruck und ohne Verbiegen. Einfach so, weil es sich ergibt.

Wenn wir davon ausgehen, dass die Männer beim Online-Dating ähnlich vorgehen, hängen an jedem meiner Favoriten um die zehn Frauen, die auch wiederum jeweils mit zehn Männern parallel zu tun haben, die auch wieder… Sie verstehen, worauf ich hinaus will? An jeder meiner Verabredungen sind indirekt also zehn Männer und hundert Frauen beteiligt (oder sind es tausend Frauen und zehntausend Männer?) – und das ist nur bis ins zweite Glied gedacht! Natürlich sind auch Überschneidungen und Mehrfach-Vernetzungen möglich und wahrscheinlich… falls mal jemand ein Organigramm anlegen möchte, kann er sich um die Menschheit verdient machen.

Worum es mir hier gerade geht: Es ist doch kein Wunder, wenn die meisten Dates letztendlich nicht zustande kommen oder jedenfalls nicht unter den gewünschten Umständen, zur selben Zeit, am richtigen Ort und mit zwei Teilnehmern in aufnahmefähigem Zustand!

Viele Männer, mit denen ich diese grundsätzlich-philosophischen Fragen anspreche, haben eine ähnliche Auffassung der Dinge: Eine Beziehung wäre für sie denkbar, aber eben auch nur dann, wenn es wirklich passt. Und bis dahin ist eben Spaß angesagt und alles, was zur Instandhaltung der körperlichen und geistigen Funktionen notwendig ist. Ich kenne Männer meines Alters, die sich „richtig“ verliebt haben, durch Online-Dating und über eine Singlebörse, deren Schwerpunkt im Erotikbereich liegt. Es scheint also möglich zu sein. Aber so richtig wissen, wie man möglichst viele potenzielle Partner kennenlernt, nacheinander oder parallel, ohne dabei entweder komplett hysterisch zu werden oder auf die Dauer abzustumpfen, tun sie auch nicht. Was ich einerseits beruhigend finde… aber eben nur einerseits.

Andererseits gibt es manchmal diese kurzen Momente, in denen ich denke: Lass es doch einfach, es führt doch alles zu nichts. Schreib einfach einen dreibändigen Erotikroman über das, was du alles erlebt hast („Fifty Shades of Haben Sie mich gerade nett genannt?“) und bereite dich auf die dritte Lebenshälfte als Crazy Cat Lady vor. Dann fällt mir wieder ein, dass ich schon seit meinem zwölften Lebensjahr als Crazy Cat Lady gelte und dass es noch so viele erotische Abenteuer gibt, über die ich gern schreiben möchte, aber erst, wenn ich sie auch erlebt habe. Und dann lade ich ein paar neue Fotos in meine Profile hoch, um ein paar neue Kerle anzulocken, bestelle zwei bis vier Paar Schuhe, um meine Nerven zu beruhigen, und hoffe, dass ich es bemerke, wenn bei den bestimmt gleich eingehenden Komplimenten für die Fotos etwas dabei ist, was mein Herz höher schlagen lassen sollte.

  

Was man probieren kann, wenn man etwas Zeit hat: Speed-Dating

Kürzlich loggte ich mich morgens in mein Singlebörsen-Profil ein und hatte keine neue Nachricht im Posteingang. Nicht eine. „Oh, da war wohl in der Nacht der Server down“, dachte ich, „gut, dass ich keine dringenden Flirtgeschäfte zu erledigen hatte. Sicher ist die Seite gerade erst wieder online und keiner der Männer, die mir dringend schreiben wollen, hat es mitgekriegt.“ Nichts Böses ahnend loggte ich mich aus und ging arbeiten. Um am Abend immer noch vor einem leeren Postfach zu sitzen. Am nächsten Morgen, in den Ecken des elektronischen Briefkastens bildeten sich bereits Spinnenweben, dämmerte es mir dann: „Verdammt. Ich habe die Singlebörse durchgespielt!“

In der Tat bestätigte ein kurzer Einsatz der Suchfunktion mit meinen voreingestellten Parametern meine Vermutung: Ich kenne mittlerweile alle Männer, die theoretisch meinem Beuteschema entsprechen! Nicht alle persönlich (nicht mal annähernd), aber ich habe mir die Profile angesehen und die meisten haben auch mein Profil schon einmal in Augenschein genommen. Und dann hatten wir entweder Kontakt oder auch nicht. Denn manchmal „passt“ es ja nur theoretisch und praktisch denkt man „Och nö, bitte nicht!“. Die Typen mindestens ebenso häufig wie ich – ich war immer „special interest“ und nicht massentauglich. Und das ist auch völlig in Ordnung. Es gab aber definitiv keine bisher übersehenen Profile mehr, die bei mir den starken Wunsch ausgelöst hätten, Kontakt herzustellen. Und – so lallte ein leises und fast nicht mehr verständliches Echo in meinem Postfach – offenbar auch keine Männer, die mich bisher übersehen hatten und trotzdem unbedingt Kontakt mit mir wollten.

Was tun? Männer anschreiben, die mich eigentlich nicht interessieren? Lieber nicht. Mal wieder eine andere Singlebörse ausprobieren? Im Prinzip ja, aber welche? Bei den meisten war ich ja schon einmal angemeldet und dann schnell – aus Gründen – wieder weg. Im sogenannten wirklichen Leben versuchen, Männer kennenzulernen? Haha. Ha… ha.

Mal was anderes versuchen? Warum nicht? Das Konzept des Speed-Datings fand ich schon immer clever und interessant. Sieben Frauen, sieben Männer und jeder hat sieben Minuten mit jedem, um rauszufinden, ob sich ein ausführlicheres Kennenlernen lohnen könnte. Basierend auf der Annahme, dass wir Menschen grundsätzlich innerhalb von Minuten (oder noch schneller wissen), ob wir unser Gegenüber interessant und attraktiv finden. Zwar konnte ich mir nicht wirklich vorstellen, bei einer solchen Gelegenheit einen Mann (oder gar mehrere) zu treffen, mit denen ich mir irgendwas vorstellen kann – mein Geschmack ist schließlich auch sehr speziell – aber mal ausprobieren wollte ich das doch gerne. Schon um zu sehen, wie ich mit so einer Situation klarkomme, ob ich mich wohlfühle und so zeigen kann, wie ich bin. Oder wie ich sein möchte, je nachdem…

Eine kurze Recherche ergab, dass es in Hamburg verschiedene Anbieter für Speed-Dating-Veranstaltungen gibt, sie unterscheiden sich nicht groß voneinander, was Aufmachung, Verfahrensweisen und Kosten anging. Ich entschied mich für den größten bzw. in der Suchmaschine zuerst genannten Anbieter, weil dort noch eine kurzfristige Anmeldung für das kommende Wochenende möglich war. Dieser Veranstalter bietet Speed-Dating regelmäßig jeden Sonntag in einer zentral gelegenen Location an, Kostenpunkt: 19 Euro. Die Teilnehmer werden nach Alter in drei Gruppen einsortiert – klar, dass ich mich für die Senioren anmelden musste. Auf der Website ist zu sehen, ob eine Veranstaltung, schlecht, normal oder sehr gut besucht sein wird… theoretisch. Praktisch drücken das gelbe Männchen und das gelbe Frauchen, die eigentlich ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis und genügend Anmeldungen symbolisieren sollen, vielleicht eher das Wunschdenken der Veranstalter aus. Jedenfalls wurde die Veranstaltung am Freitagabend um eine Woche verschoben, weil sich nicht genügend Teilnehmer angemeldet hatten.

Pech, dachte ich, ausgerechnet wenn ich mal Zeit habe, kann kein anderer. Na ja, dann eben nächsten Sonntag – immerhin leitet der Veranstalter ja jetzt „eine geeignete Marketingmaßnahme“ ein. Umso überraschender, dass auch am nächsten Wochenende nicht genügend Anmeldungen vorlagen. Ebenso am Sonntag darauf und… schneller Vorlauf bitte… sechs Wochen später, ich sage gerade zu meinen Kollegen: „Bestimmt wird das Speed-Dating wieder abgesagt, dann kann ich am Sonntagabend!“, da bekomme ich eine Bestätigungsmail des Veranstalters! Also doch! Und nun?

Unnötig zu erwähnen, dass sich im Laufe der sechs Wochen doch wieder die eine oder andere Mail in mein Singlebörsen-Postfach verirrt hat; ich bin eigentlich wieder ganz gut im Geschäft. Und außerdem ist dieser Sonntag der letzte vor meinem sechswöchigen Urlaub und ich bin abends mit meinen Kollegen verabredet. Aber jetzt von mir aus das Speed-Dating absagen bzw. verschieben? Wer weiß, wann das nächste Mal eine Veranstaltung zustande kommt? Und überhaupt: Je weniger nötig ich das Ganze habe, desto weniger nervös bin ich. Also los.

Am Sonntagabend ziehe ich also, für meine Verhältnisse eher dezent aufgebrezelt, in das angegebene Lokal, so ein Multifunktions-Ketten-Dings, das von allem ein bisschen und nichts richtig bietet. Essen würde ich hier ungern, aber darum geht es ja heute nicht. Ich bin, eine gute Viertelstunde vor Beginn, die erste Teilnehmerin und treffe den „Love Angel“, eine sympathische junge Frau, die die Mistress of Ceremonies gibt, noch allein an. Sie zeigt mir „unseren Bereich“ im Restaurant, fünf Zweiertische in einer Ecke. Mit sieben Männern und sieben Frauen ist also wohl trotz aller geeigneten Marketingmaßnahmen nicht zu rechnen.

Ich sichere mir einen Randplatz auf der Bank („Die Damen dürfen sitzen bleiben, die Herren werden nach jeweils sieben Minuten aufgefordert, einen Tisch weiter zu rücken.“) und suche dann die Nebenräume auf. Ohne Spinat zwischen den Zähnen und andere kleine Pannen im Outfit flirtet es sich doch leichter. Als ich zurückkomme, sind bereits ein Herr und zwei weitere Damen eingetroffen. Der Herr, ein nicht unattraktiv aussehendes Exemplar und sichtlich nervös, sitzt an meinem Tisch und hantiert mit Sichthüllen und Zetteln. Offenbar ein Perfektionist. Ich habe zwar, wie erbeten, mein eigenes Schreibwerkzeug dabei, bin sonst aber weitgehend unvorbereitet. Der „Bewertungsbogen“ kommt vom Veranstalter, so war es angekündigt, und ich habe mich gegen einen schriftlichen Fragenkatalog entschieden. Ein Gegenüber bei Bedarf einschüchtern kann ich auch ohne solche Hilfsmittel, da bin ich sicher.

Während weitere Teilnehmer beiderlei Geschlechts eintreffen und ein etwas arroganter Kellner unsere Getränkebestellungen aufnimmt, entwickeln sich schon die ersten Gespräche. Natürlich nur unter den aufgeschlosseneren Teilnehmern – und denen, bei denen sich Nervosität durch Sabbeln entlädt. Mein Gegenüber hantiert noch immer eher einsilbig mit seinen Utensilien, aber am Nachbartisch hat ein Typ Platz genommen, der nach eigener Aussage sehr nervös ist, sich davon aber nicht in seinen kommunikativen Bedürfnissen einschränken lässt. Lustiger Typ, aber mir zu klein, glaube ich. Und außerdem spricht er etwas, das sich anhört wie ein Schwabe, der von einer Sächsin großgezogen wurde. Seufz. Klar, dass er damit aus der engeren Wahl schon rausfällt, bevor der offizielle Teil des Abends überhaupt begonnen hat. Sagt er sogar selbst.

Die weiblichen Teilnehmer an dieser Veranstaltung sind bereits vollzählig, alle mehr oder weniger in meinem Alter und auf ihre Weise attraktiv, zum Glück auch alle sehr unterschiedlich. Eine kleine Pummelige, eine mit Wischmopp auf dem Kopf (mit Haarschleife drin!) und sehr hübscher Figur, eine mit Schalfransenfummelzwang und eine, die eigentlich nur Erika Mustermann heißen kann. Keine, die mir Komplexe einflößt, und keine, die mir leid tut. Fast wie im wirklichen Leben.

Unser Love Angel ergreift nun das Wort, begrüßt uns und erklärt noch einmal kurz die Spielregeln. Jeder von uns hat sich bei der Anmeldung ein Pseudonym ausgesucht, mit dem soll er sich seinen Gesprächspartnern jetzt vorstellen und später dann für die Auswertung auf der Website des Veranstalters einloggen. Der offizielle Ablauf geht nämlich so, dass wir uns jetzt mit jedem potenziellen Partner sieben („Na ja, da wir heute nur vier Männer und fünf Frauen haben, können wir das auch auf jeweils zehn Minuten erweitern!“) Minuten unterhalten und dann schnell – natürlich unter dem richtigen Pseudonym – Notizen machen. Im Anschluss an die Veranstaltung loggt man sich dann auf der Website ein, geht in seinen „persönlichen Bereich“ und findet da die Pseudonyme wieder. Man entscheidet sich, ob und wem man seine Kontaktdaten geben möchte, und klickt die Namen entsprechend an. Oder auch nicht. Nur wenn das angeklickte Pseudonym auch an weiterem Kontakt interessiert ist, werden tatsächlich Kontaktdaten weitergegeben. Wenn ich jemanden nicht anklicke und er mich, werde ich darüber nicht informiert, und umgekehrt natürlich auch nicht. Klingt fair, finde ich.

Dann geht es los. Vier Männer und fünf Frauen – der Love Angel betätigt sich als Platzhalter und ersetzt den fehlenden Mann – beginnen, sich ihre Pseudonyme zuzubrüllen. Der Lärmpegel steigt in Sekundenschnelle. Mein Pseudonym ist „Kurvenstar“ – warum, erklärt sich ja wohl von selbst. Dachte ich. Der gut vorbereitete Mann mir gegenüber trägt dies gewissenhaft auf seiner selbst erstellten Fragetabelle ein und stellt mir die erste Frage: „Bist du aus Hamburg?“ Gefolgt von: „Darf ich dich fragen, in welcher Branche du arbeitest? Vollzeit oder Teilzeit?“

Ich gebe bereitwillig Auskunft, frage auch gelegentlich zurück: „Und du?“, schrecke aber davor zurück, das Gespräch an mich zu reißen. Nachher sind unsere zehn Minuten um und er hat die Frage, ob ich lieber hart- oder weichgekochte Eier esse, noch nicht stellen können. Und daran scheitert dann möglicherweise unsere junge Liebe! Langweile mich aber, obwohl ich den Typen nett und auch nicht unpfiffig finde, ob seiner Vorgehensweise ein bisschen. Aber wahrscheinlich liegt das daran, dass er ganz klar etwas anderes sucht als mich. Was will ein alleinerziehender Vater, der sich für Sport begeistert und Musik, obwohl aktiv ausgeübt, als Hobby bezeichnet, denn wohl mit mir, der durchgeknallten Kuh ohne Übergangsjacke, anfangen???

Tatsächlich sind wir erst in der Mitte des Fragenkatalogs, als das Signal ertönt („Ich habe keine Klingel, also klopfe ich mal auf den Tisch!“) und mein Gesprächspartner mir untreu werden muss, um einen Tisch weiter zu ziehen. Mir gegenüber nimmt ein großer, schlaksiger Typ mit ohne Haare Platz, der sich gleich mit seinem Vornamen vorstellt und sein Pseudonym („Anfangsbuchstabe und Geburtsdatum“) erklärt. Er ist kein Speed-Dating-Novize und macht einen etwas resignierten Eindruck. Bricht dann schier zusammen, als ich ihm erkläre, dass Sport, außer vielleicht Ritter Sport, in meinem Leben keinen Platz hat und unter keinen Umständen in Frage kommt. Es tut mir ja auch leid, aber soll ich bei so einer wichtigen Frage lügen?

Der dritte Partner ist ein untersetzter Außendienstler, der ganz offensichtlich so eingeschüchtert von meiner Ausstrahlung ist, dass er nur mit Mühe auf meine Gesprächsangebote reagiert. Und dabei habe ich ihm gar nichts getan. Wir plaudern über Urlaub im Grünen und sind beide sehr erleichtert, als auf den Tisch geklopft wird. Er verschwindet grußlos in einer Staubwolke, äh, am Nebentisch.

Zwischendurch bin ich auch mal diejenige, die keinen Mann abkriegt und sich stattdessen mit dem Love Angel unterhalten darf. Auch sehr nett, so rein von der Qualität unseres Austauschs her gedacht, wäre sie die Partnerin der Wahl. Aber sie hat offensichtlich, ebenso wie ich wohlgemerkt, kein Interesse an Frauen.

Zum Schluss kommt der sächselnde Schwabe, der am Nebentisch gestartet war, zu mir. Nachdem wir noch einmal geklärt haben, dass wir uns nichts zu sagen haben, unterhalten wir uns sehr entspannt und fröhlich über völlig unwichtige Sachen. Der Typ ist eigentlich recht cool und bringt mich sogar so zum Lachen, so dass wir auch nach dem offiziellen Ende unserer zehn Minuten noch weiterplaudern, schon, weil es jetzt nicht mehr drauf ankommt. Zwei der Männer rennen direkt raus, noch vor dem Love Angel, der uns dann auch mit einem „Wenn ihr noch mögt, könnt ihr euch natürlich weiter unterhalten. Ich verabschiede mich dann, absichtlich aber nicht mit ‚Bis zum nächsten Mal!'“ verlässt.

Der gut Vorbereite ist auch noch da, sitzt aber mit dem Rücken zu meinem Tisch, unterhält aber – keine doofe Idee! – seine derzeitige Dame mit Kartentricks! Die restlichen Frauen unterhalten sich gegenseitig. Der Schwabe verabschiedet sich als nächster, ich gebe ihm zwei Minuten Vorsprung und gehe dann auch.

Kurz nach neun stehe ich wieder auf der Straße und kann gleich weitergehen zu der Abschiedsparty, auf der ich meine Kollegen treffen will. Alles in allem bin ich ganz zufrieden mit dem Verlauf des Abends, habe mich ziemlich entspannt gefühlt. Was aber auch damit zu tun hat, dass mir kein Mann gegenüber gesessen hat, bei dem ich gedacht hätte: „Obacht, der könnte es sein. Reiß dich zusammen und gib alles… aber auf gar keinen Fall zu viel!“

Die Auswertung des Speed-Datings wird bis morgen warten müssen. 48 Stunden haben wir offiziell Zeit – „Denkt daran, die anderen warten ja auf eure Bewertung!“ Muss mir auch überlegen, was ich da eingeben will. Möchte ich einen der Herren wiedersehen? Glaube ich, dass einer der Herren mich wiedersehen will? Was ist, wenn mich niemand wiedersehen will? Wenn ich keinen anklicke, bleibt mir diese Schmach erspart – aber will ich auf diese Weise sicher gehen?

Noch mal einen Schritt zurück. Im Grunde ist es so, wie ich es erwartet hatte: Keiner der vier Männer passt wirklich in mein Beuteschema. Keiner gefällt mir rein, was Äußerlichkeiten und Sympathie angeht, so unglaublich gut, dass ich alles versuchen würde, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Von allen sexuellen Fragen, die an diesem Abend komplett außen vor blieben, mal abgesehen… glaube aber auch nicht, dass in der Hinsicht einer in mein Beuteschema passt. Sie machen alle einen eher braven Eindruck, auch was die Erotik angeht.

Rein optisch gefällt mir Kandidat 1 am besten. Bin aber fast sicher, dass er nicht an mir interessiert ist, der sucht eher eine berechenbare Größe und nicht so eine durchgeknallte Tussi wie mich. Kandidat 2 und 3 kann ich vernachlässigen, die spielen nicht in meiner Liga, das steht auch fest. Kandidat 4 sollte nicht so viel reden, sagt er (tut er aber trotzdem), war jedoch am unkonventionellsten und am wenigsten fixiert auf schnelle Ergebnisse. Würde ich mal denken. Schon allein, um ihm zu sagen, dass das Gespräch mit ihm das netteste des Abends war, würde ich ihm meine Kontaktdaten geben wollen.

Am nächsten Morgen gehe ich in meinen „persönlichen Bereich“ auf der Website des Veranstalters, klicke auf „Auswahl der Teilnehmer“ und finde die vier Pseudonyme von gestern vor. Klicke kurzentschlossen auf die Kandidaten 1 und 4. Nichts passiert. Okay… mal sehen, wo die Ergebnisse aufscheinen. Weiter unten auf der Seite eine Zwischenbilanz: Zwei von vier Teilnehmern haben bereits ihre Bewertung abgegeben, null von vier Teilnehmern wollen dich wiedersehen, Erfolgsbilanz: Nullkommanull Prozent.

Oh. Ganz so unfreundlich müsst ihr mir das doch nicht sagen, oder? Ich klicke noch etwas ziellos auf der Seite rum, aber mehr Informationen gibt es nicht. Zwei von vier Teilnehmern haben ihre Bewertungen bereits abgegeben. Wenn das die Kandidaten 2 und 3 waren, ist es ja völlig unerheblich, ob sie mich wiedersehen wollen, denn ich habe sie ja nicht als wiedersehenswürdig markiert. Insofern spricht nichts gegen die Annahme, dass sie mich auf jeden Fall wiedersehen wollten. Wenn diese Bewertungen aber von den Kandidaten 1 und 4 stammen, dann wird meine Erfolgsbilanz bei nullkommanull bleiben, egal, was die Herren 2 und 3 zu sagen haben. Das muss ich nicht gut finden, oder? Egal, im Moment kann ich nichts tun und zur Panik gibt es noch fast keinen Grund!

Ich konzentriere mich auf meinen ersten Urlaubstag (und das Date, das ich am Abend – auf ganz normale Weise über die Singlebörse verabredet – habe) und bemühe mich, nicht weiter an das Speed-Dating zu denken. Bin umso erfreuter, am Nachmittag eine E-Mail mit „Es gibt eine Übereinstimmung“ zu erhalten. Natürlich ohne weitere Angaben, dafür muss ich mich wieder auf der Website einloggen. Es ist Kandidat 4, dessen E-Mail-Adresse mir jetzt feierlich übergeben wird. Schön, ich freue mich. Nicht, dass ich jetzt Zeit dafür hätte, oder dass ich wüsste, was ich mit dem Typen soll. Aber immerhin. Meine Erfolgsbilanz steht jetzt bei fünfundzwanzig Prozent.

Anmerkung 1: Bei Redaktionsschluss (Dienstag, 16 Uhr) liegen auf der Website weiterhin nur drei von vier Bewertungen vor. Die vorgegebenen 48 Stunden sind ja bald um. Hoffentlich ist keiner der Kandidaten auf der Rückreise vom Speed-Dating verhaftet worden.

Anmerkung 2: Von Kandidat 4 habe ich noch nichts gehört. Aber natürlich habe ich ihm auch nicht geschrieben. Vielleicht reicht ja uns beiden der Gedanke, dass wir es könnten…

Anmerkung 3: Ich esse weder hart- noch weichgekochte Eier. Omelette oder Pfannkuchen finde ich gut, alles andere ist in meinen Augen Verschwendung.

  

Dating sollte wie Fußball sein. Oder wie Twitter. Auf jeden Fall mit Katzen, Eisbären und Wollmäusen.

Jetzt sind schon vier von meinen sechs Urlaubswochen rum. Wahnsinn. Eigentlich habe ich mich von Anfang an entspannt und erholt gefühlt – und mich nur gelegentlich ein bisschen gewundert, dass ich so viel schlafen und essen muss und irgendwie nichts geregelt kriege. Von meiner To-Do-Liste mit zehn Hauptanliegen habe ich etwa zweidreiviertel Punkte abgearbeitet. Das ist nicht gerade die beste aller möglichen Ausbeuten. Weder habe ich bei schönem Wetter spontan schöne Ausflüge gemacht, noch bei schlechtem Wetter endlich den Keller aufgeräumt. Ich war zwar zweimal bei Ikea, habe aber die Hälfte der notwendigen Kleinigkeiten vergessen – weil ich es nicht geschafft habe, mir einen Einkaufszettel zu schreiben…

Apropos schreiben… auch da fehlt mir im Moment sowas von der nötige Drang. Schrecklich: Ich habe so viele gute Sachen im Kopf, fürs Blog und auch für eine längere Geschichte, aber ich bin einfach zu unkonzentriert und zu lahm, um auch nur halbwegs in Gang zu kommen.

Zwei Dinge gibt es (immerhin), die diesen Sommer trotz aller Erschöpfung echt gut für mich laufen: Twitter und Online-Dating.

Twitter ist großartig, es erfordert keine sehr große Aufmerksamkeitsspanne – 140 Zeichen pro Meldung kriege ich noch gerade so hin. Und ich werde offenbar besser; meine Tweets, die (überraschenderweise) zum größten Teil von Katzen, Eisbären, Wollmäusen und Online-Dating handeln, werden gelesen… und bekommen Sternchen von anderen Twitterern. Gestern hat ein Tweet von mir zum ersten Mal im Laufe nur eines Tages mehr als 50 Sterne bekommen – boah, war ich stolz!
 


 
Das Online-Dating läuft auch super. Echt. In den letzten Wochen habe ich mehr Männer getroffen als in den knapp 40 Millionen Jahren vorher… und dabei hatte ich noch eine Menge Spaß. So langsam habe ich den Dreh nämlich raus: Der ganze Vorgang, bestehend aus Anlocken (oder Anschreiben) von Männern, längerer oder kürzerer Korrespondenz, dem Planen von Verabredungen und dem Date selbst, macht mir erheblich mehr Vergnügen als Mühe – unabhängig davon übrigens, wie erfolgreich die Treffen dann so laufen.

Und die meisten Dates laufen gut. In letzter Zeit erwische ich zunehmend interessante und liebenswürdige Männer (und einige davon sogar in meinem Alter). Die meisten dieser Männer sind, wenn man sie fragt, auf der Suche nach dem, was sich eben ergibt. Damit meinen sie im Allgemeinen, dass sie sich, wenn es nicht unbedingt nötig ist, nicht auf irgendwas, sei es die Frau oder eine bestimmte Vertragslaufzeit, festlegen wollen. Sie wollen in allererster Linie ihr Vergnügen, je nach Veranlagung und Sozialisation mit wechselnden oder auch wiederkehrenden Partnerinnen. Eine festere Bindung schließen sie nicht grundsätzlich aus, suchen aber, so zumindest meine Erfahrung, auch nicht gezielt danach – was passiert, passiert (und wenn es nicht passiert, ist es auch gut).

Ich habe festgestellt, dass sich das mit meinen Wünschen und Vorstellungen ohne Weiteres in Einklang bringen lässt. Ich bin mittlerweile ein glücklicher Single und friste mein Dasein mit den weltbesten haarigen Mitbewohnerinnen, einem ziemlich unterhaltsamen Job nebst fantastischen Kollegen, dem besten Twitter von allen und noch ein paar anderen „Kleinigkeiten“ wie Familie und Freunden, die mein Leben lebenswert machen. Einen festen Freund hätte ich auf die Dauer schon gerne wieder – nicht unbedingt zum Zusammenleben und so, aber schon als regelmäßigen Bestandteil meines Lebens. Und bis sich da einer findet, der gut für mich ist und für den ich gut bin, habe ich Spaß… in wechselnder Besetzung. Je häufiger ich mir die Chance gebe, einen neuen Mann kennenzulernen, desto höher ist doch die Wahrscheinlichkeit, dass sich einer findet, mit dem es nicht beim Kennenlernen bleibt.
 


 
Nicht dass ich viel Ahnung vom Fußball hätte, aber: Wer gar nicht erst aufs Tor schießt, wird das Tor nicht treffen – darauf können wir uns wohl verständigen. Ein Spieler, der aufs Tor schießt, so oft sich eine Gelegenheit ergibt, auch mal spontan und aus einer eigentlich ungünstigen Position heraus, der wird sicher häufig danebenschießen, immer mal wieder gegen die Latte oder den Pfosten knallen, aber auch von Zeit zu Zeit an einem überraschten und sich nicht rührenden Torwart vorbei einen Treffer landen. Und selbst in den Spielen, in denen aus 35 Torschüssen pro Halbzeit kein einziges Tor entsteht, gibt es für Beteiligte und Zuschauer selten Grund zur Langeweile. Wer immer nur seine Defensive sortiert und auf den perfekten Moment zum Angriff wartet, wartet gelegentlich vergebens… und wird dabei immer langweiliger. Und langweilig möchte ich nicht so gerne sein.
 


 
Wenn sich ein Flirt nach dem ersten Date erledigt hat, dann wird eben ein Auswechselspieler von der Bank geholt, kein Problem. Da sitzen zum Glück meistens ein paar gut trainierte Ersatzmänner und warten auf ihren Einsatz. Und einer von ihnen ist vielleicht noch frei für die Saison, passt auf die freie Position und erweist sich als Volltreffer. Das zeigt sich aber erst im Spiel, denn schließlich suche ich keinen netten, harmlosen Mann, der so schnell wie möglich wieder in eine feste Beziehung möchte: Weil er es nicht anders kennt, weil er sich sonst fürchtet und weil er nicht genau weiß, wie die Waschmaschine funktioniert. Das wäre zu wenig. Zu wenig Abenteuer, zu wenig Spaß, zu wenig Torschüsse.

Ich will lieber einen Hallodri, einen Beziehungsphobiker oder einen Spinner. Einen, der nicht immer sofort den Ball abgibt, sondern auch mal losstürmt – auch wenn er dabei ins Abseits gerät.

Vielleicht einen, mit dem man sich in eigentlich eindeutiger Absicht trifft und eigentlich nur als Vorspiel erst noch in der Kneipe vorher einen Wein trinkt… um dann in einer großartigen alkohollastigen und fußballguckenden Unterhaltung zu versacken und das eigentliche Vorhaben komplett aus den Augen zu verlieren.

Oder auch einen, mit dem das Schreiben zur Vorbereitung des ersten Treffens so perfekt ist, dass das Treffen selbst nur ins Auge gehen kann – um dann dranzubleiben, Missverständnisse je nach Tagesform zu vertiefen oder auszuräumen und nach stundenlanger Diskussion doch wieder im Bett zu landen.

Wenn’s sein muss, auch einen, der von Anfang mehr will, der mich in meiner Unentschiedenheit auf einen unbekannte Pfad lockt, um dann, wenn ich auf den Geschmack komme und langsam bereit bin, mich auf mehr einzulassen, einen vorläufigen (oder endgültigen) Rückzieher einzuleiten, weil er plötzlich auch wieder unsicher ist über das, was er will und kann.

Eine solche Erfahrung ist nicht so richtig lustig, führt sie mir doch mit erschreckender Deutlichkeit vor Augen, dass meine Gefühle noch immer oder wieder dicht unter der Oberfläche liegen und dass jedes Match damit enden kann, dass ich heulend auf dem verlassenen Spielfeld sitze und mich frage, was da eigentlich passiert ist. Aber das ist auch gut so, denn mir geht es – bei allem Spaß und der gebotenen Coolness – nicht um Unverbindlichkeit und möglichst viele Kerben im Bettrahmen (wobei: Ja, es stimmt, ich habe inzwischen ein Verzeichnis angelegt, damit ich nicht durcheinander komme!), sondern um ehrlichen Austausch und das sogenannte wirkliche Leben mit allen seinen Facetten.
 


 
Und mal ehrlich: Wer beim Fußball noch nie heulend vor Wut und Selbstmitleid vom Platz gegangen ist, der hat doch auch nicht wirklich erfasst, worum es beim Fußball geht und was daran so toll ist, oder? Oder?

  

Ein Regenbogen gegen die Sprachlosigkeit

Seit zwei Tagen ist bei Twitter das Wort „Regenbogen“ in den den Trending Topics (neben Tom Cruise, Fiskalpakt und Kanzlermehrheit). Das fällt auf, ebenso wie die Tatsache, dass viele bekannte Twitterpersönlichkeiten ihre Avatare, also Profilbilder, mit Regenbogen verziert haben. „Aha, ein Mem“, sagen die, die Twitter kennen, „aber warum ein Regenbogen?“

Dieser konkrete Regenbogen ist für eine schwer erkrankte Twitter-Kollegin, @hamtydamti. Ich kenne hamtydamti nicht persönlich, folge ihr nicht einmal; sie wird mir allerdings gelegentlich in meine Timeline retweetet. Sie sagt kluge Dinge und scheint keine Scheu zu haben, sich über ihre Erkrankung und damit verbundene Ängste mitzuteilen. Viel mehr weiß ich nicht von ihr, nur dass sie im Moment nicht aktiv ist, nicht aktiv sein kann offensichtlich. Und dass sie vermisst wird, von ihren Twitter-Freunden, von denen einige auch zu meinen Kreisen gehören. Und von diesen ist das Regenbogen-Mem gestartet worden, an dem sich inzwischen richtig viele deutsche Twitterer beteiligen.
 
Der Regenbogen ist ein Symbol. Für vieles, unter anderem für eine Brücke. Für zwei virtuelle Punkte, während der Regenbogen auch tatsächlich zu sehen ist, wenn auch meistens nur kurz und wenn man auf der richtigen Seite steht. Auf Twitter bzw. in der Welt der sozialen Netzwerke hingegen sind die Endpunkte, nämlich die Benutzeraccounts, sichtbar, während die Verbindung zwischen ihnen möglicherweise rein virtuell und unsichtbar bleibt. Wenn sich also zwei oder (viel) mehr Twitteraccounts mit Hilfe eines gemeinsamen Regenbogens verbinden, dann wird die Verbundenheit auf gewisse Weise sichtbar.
 
Dass dieses Sich-Verbinden den Twitteraccounts wichtig ist, liegt daran, dass diese im Allgemeinen von Menschen betrieben werden. Menschen, die bei, auf und mit Twitter einen Teil ihres Lebens verbringen, sich dort ausdrücken, unterhalten, belustigen, gegenseitig unterstützen und inspirieren. Menschen, die durch 140-Zeichen-Nachrichten Verbindung mit der Welt aufnehmen. Oftmals als Kunstfiguren: Haustiere, Superhelden oder das genaue Gegenteil davon. Manche zeigen sich als die Menschen, die sie vielleicht gerne wären, andere als die, die sie auf keinen Fall sein möchten. Bei einigen Twitterern weiß man so ungefähr, wer oder was hinter dem Benutzernamen steht, bei anderen bleibt dies komplett unklar.
 
Die meisten „Vollzeit-Twitterer“ (und damit meine ich die, die mehr oder weniger ihr ganzes Leben mit- und, auf welche Art auch immer, einbringen) haben keine Probleme, über fast alles zu twittern: Beziehungen, Kinder, Katzen, die Sache mit den Montagen, Bier und Mett und Nutella, Sex bzw. kein Sex, Kopfschmerzen, Geld, Fußball, Tatort, Bergwanderungen, Klogänge und vieles mehr. Wovor Twitterer – wie die meisten anderen Menschen auch – im ersten Moment zurückschrecken, sind zum Beispiel die Themen Tod und Krankheit. Zu groß ist die Sorge, bei dem Versuch, Gedankengänge zu diesen Themen in 140 Zeichen auszudrücken, zu scheitern bzw. banal, sentimental und unzulänglich rüberzukommen. Bevor wir Kalendersprüche oder sentimentale Gemeinplätze twittern, halten wir doch lieber die Klappe. Einerseits. Andererseits: Wir teilen hier doch sonst alles – fühlen wir uns mit einer selbstverordneten Schere im Kopf wohl?
 
Ich jedenfalls nicht. Gar nicht. Ich habe vor ein paar Wochen erst erfahren müssen, wie beschnitten ich mich fühle, wenn ich über etwas Schlimmes, das mein Dasein aktuell fast vollkommen bestimmt, nicht twittern kann bzw. mag. Eine enge und geliebte Kollegin war plötzlich und unerwartet gestorben, einfach so, im Schlaf. Der Schock machte mich für einige Tage sprachlos, ich konnte zunächst nur unter großer Anstrengung kommunizieren, egal worüber. Als der Schock dann langsam durch den Körper hindurchgegangen war, blieb das Gefühl, keine angemessenen Worte zu finden für das, was mich ständig beschäftigte. In meinem sogenannten wirklichen Leben habe ich diese Blockade zum Glück und mit der Hilfe meiner Umwelt schnell überwinden können. Ich habe – aus purer Notwendigkeit – über das Erlebte gesprochen, mit allen, die das wollten und mussten. Wir haben unsere Trauer geteilt und uns gegenseitig getröstet.
 
An der Situation selbst konnte ich natürlich nichts ändern, aber an der allgemeinen Sprachlosigkeit schon. Meine Kollegin war ein Kommunikationswunder, ein menschgewordenes soziales Netzwerk, wenn man so will – und Verstummen aufgrund der vermuteten Unfähigkeit, das Richtige richtig zu sagen, kam mir einfach nur falsch vor. Ich redete und schrieb also drauflos, verbreitete (hastig ergoogelte) Informationen über islamische Trauerfeiern, brachte Unterschriften- und Geldsammlungen ins Rollen, quatschte mit jedem über alles – und ermutigte meine unmittelbaren Kollegen, zum Glück sehr bald mit Erfolg, es ebenso zu machen.
 
Es kommt in solchen Momenten nicht darauf an, die perfekten Worte zu finden. Wichtig ist, überhaupt etwas zu sagen und anderen zuzuhören.
 
Das Feedback auf unsere Anstrengungen war einfach überwältigend. So viele Kollegen wie auf der Trauerfeier habe ich noch nie auf einmal gesehen, glaube ich. Und so ein Gefühl von Gemeinschaft haben wir vorher wohl selten empfunden. Das war, bei aller Traurigkeit, sehr tröstlich und sehr schön.
 
Getwittert habe ich über diese Erfahrungen nicht. Die Kollegin brauchte keine sozialen Netzwerke, sie pflegte ihre Kontakte perfekt mit Hilfe eines alten Nokia-Handys. Es wäre mir falsch vorgekommen, ihre Geschichte bei Twitter zu teilen – auch wenn es mir persönlich sicher viel gebracht hätte und ich einige Tage dort mehr oder weniger stumm bleiben musste.
 
Ich habe sogar überlegt, ob ich in diesem Blogartikel auch über meine Kollegin schreiben kann und soll… aber ich denke, der Regenbogen-Avatar bei Twitter würde ihr gefallen. Weil Regenbögen glitzern und weil das Avatar-Mem so eine einfache Geste ist, die eigene Sprachlosigkeit zu durchbrechen und uns selbst und andere an das zu erinnern, worum es in sozialen Netzwerken im Grunde geht: Menschen das Sich-Verbinden, das Teilen und das Anteilnehmen leichter zu machen.

  

Die Katze auf dem heißen Schwebebalken – Nur weil ich über meine Witze lache, sind sie noch lange nicht komisch!

Ich gehöre zu den Menschen, denen man einen eher individuellen Sinn für Humor nachsagt. Das hat zum Beispiel damit zu tun, dass ich regelmäßig – und oft in krassem Missverhältnis zu der Mühe, die ich mir damit mache, mich so klar wie möglich auszudrücken – immer mal wieder missverstanden werde. Auf Twitter und in diesem Blog ebenso wie im sogenannten wirklichen Leben. Was ich umwerfend und zum Brüllen komisch finde, bringt manchmal niemanden in meinem Umfeld zum Lachen. Das war schon immer so und wird sich vermutlich auch zu meinen Lebzeiten nicht mehr ändern.

Diesen Tweet fand offenbar keiner witzig… außer mir!

Ebenso wird meine Sichtweise auf die verschiedenen Aspekte des Online-Datings gelegentlich missinterpretiert. Was sicherlich damit zu tun hat, dass diese Sicht von zwei sehr unterschiedlichen Hauptbestandteilen genährt wird. Nämlich
1) von dem schlichten und ernsthaften Wunsch, auf diese Weise Männer ausfindig zu machen, die mir ohne Dating-Plattform aller Wahrscheinlichkeit nach nicht begegnen würden, und festzustellen, ob es unter ihnen vielleicht einen gibt, den ich toll finde und der das wiederum nicht schrecklich findet;
2) von der Hoffnung, dass bei dieser Suche der Weg zu einem nicht unerheblichen Teil das Ziel sein kann. Wohl wissend, dass die für mich geeigneten Männer nicht gerade an jeder Ecke warten und dass der Findungsprozess sich noch etwas hinziehen kann (mal davon abgesehen, dass es keine Erfolgsgarantie gibt), halte ich es für nicht nur legitim, sondern geradezu für lebenswichtig, Freude an dem zu haben, was ich da tue.

Diese zwei Komponenten bestimmen mein Vorgehen beim Online-Dating in gleicher Weise wie mein Schreiben über das Thema. Der Grinsekatzen-Roman, der sich ja mehr oder weniger als ein Online-Tagebuch meiner Anfänge auf diesem Gebiet präsentiert, ist noch ganz stark von der ersten Komponente, der Suche nach dem passenden Partner, bestimmt und zum Teil mit viel Emotion und wenig Abstand geschrieben worden. Die als Einleitung zu den Roman-Kapiteln veröffentlichten und mehr noch die späteren Artikel in diesem Blog hingegen finden ihre Inhalte und auch ihre Perspektive überwiegend durch die zweite Komponente: Seit meine Beschäftigung mit dem Grinsekatzen-Roman (zunächst einmal) abgeschlossen ist, greife ich unterschiedliche Aspekte des Online-Datings auf, die mir persönlich wichtig sind und zu denen ich etwas zu sagen habe. Mal mit mehr, mal mit weniger Emotion und mal mit mehr, mal mit weniger Humor.


Nicht witzig? Echt nicht?

Gemein ist allen Artikeln in diesem Blog der „therapeutische Hintergrund“ meines Schreibens – so wie übrigens auch mein Online-Dating selbst zu Beginn so eine Art selbstverordnete Therapie darstellte. Was Männer, Liebe und Sexualität anging, war ich schlicht total planlos, bevor ich auf die hervorragende Idee kam, es mit dem Online-Dating zu probieren. Meine langjährige Beziehung war aufgrund der Erkrankung meines Freundes und der Nebenwirkungen seiner Therapie zu einer „Freundschaft minus“ geworden. Ziemlich lange war ich darüber so sehr im Schock, dass ich nichts vermisste… oder zu vermissen meinte. Dann nahm ich allmählich wieder Bedürfnisse meinerseits wahr – und hatte zunächst keine Idee, wie ich damit umgehen sollte. Bis ich mich beim Joyclub anmeldete… daraufhin hatte ich endlich wieder konkrete Probleme…

Die Sache ist nämlich die: Wenn ich mich aufs Online-Dating auch emotional einlasse, werde ich früher und/oder später auch mal enttäuscht und verletzt. Es fühlt sich schon eigenartig an, wenn ein interessanter Mann mir ein paar Tage oder Wochen lang schreibt, mir Komplimente macht und dann plötzlich ohne Abschied aus meiner Kontaktleiste verschwindet. Wenn ich aber sogar ein Treffen mit diesem interessanten Mann verabrede, dieses Treffen tatsächlich stattfindet, für beide Seiten erfolgreich verläuft und der Mann sich anschließend trotzdem nie wieder meldet (und auf eine eventuelle Nachfrage meinerseits gar nicht oder höchst abwehrend reagiert), fühlt sich das nicht nur eigenartig, sondern ziemlich mies an. Und sobald eine Online-Dating-Geschichte vom virtuellen ins sogenannte wirkliche Leben überführt wird, ist eine Abfuhr – Überraschung! – genauso schlimm wie im wirklichen Leben.

Und noch einer, über den keiner gelacht hat…

Wenn ich mich aufs Online-Dating aber nicht emotional einlasse, sondern immer schön meine Distanz wahre (zu den Männern ebenso wie zu meiner Gefühlswelt), dann wird das Ganze sehr schnell sehr beliebig. Wenn mir die Männer sowieso egal bleiben, egal wie toll sie sind, dann müssen sie ja auch gar nicht so toll sein. Hauptsache, es gibt keine Tage, an denen mein Posteingang leer bleibt und mir niemand Komplimente macht. Lieber ein paar Männer mehr als weniger in der Warteschleife; dann ist es auch nicht so schlimm, wenn mal einer wegbleibt. Aber ist es wirklich eine gute Idee, sich online ausführlich mit Männern auszutauschen, von denen man genau weiß, dass man, träfe man sie in einer Kneipe oder im Supermarkt, nach fünf Minuten aus der Unterhaltung aussteigen würde, weil es einfach nicht passt? Es bleibt ja meistens nicht beim Schreiben, früher oder später fragen die meisten Herren nach einem Date. Und dann? Sagen: Ach, du bist überhaupt nicht mein Typ, ich habe dir nur immer diese ausführlichen und lustigen Mails geschrieben, weil mein Fernseher kaputt ist? Oder sich treffen mit einem Mann, der nicht passt, und ihm dann sagen: Du bist genau, wie ich erwartet habe – nämlich der Falsche für mich? Oder mit dem falschen Typen bedeutungslosen Sex haben?

Ich fürchte, man stumpft in dieser Hinsicht schneller ab, als man gemeinhin so denkt. Ich auf jeden Fall. Nicht erstrebenswert. Und außerdem habe ich mit dem Online-Dating angefangen, um wieder mit meinem Gefühlsleben am selben Strang zu ziehen – es kann also nicht Sinn der Sache für mich sein, mich grundsätzlich emotional nicht auf das, was ich mache, einzulassen. Da ich mich andererseits aber auch nicht ständig prophylaktisch in einem Mann verlieben will, mit dem sich dann doch nicht viel ergibt, um anschließend unglücklich sein zu können, gilt es, einen Mittelweg zu finden. Die Männer im Großen und Ganzen ernst zu nehmen und manchmal sogar mich selbst. Aber nicht so ernst, dass ich nicht auch die komischen und skurrilen Momente zu schätzen wüsste, die sich auch in den schönsten und romantischen Momenten unweigerlich ergeben.

Ach, Menno!

Einen Mittelweg, auf dem ich einerseits offen für mein Gefühlsleben (und vielleicht sogar für die Gefühle meines Gegenübers) sein kann und andererseits nicht hilf-, schutz- und distanzlos meinen Emotionen ausgeliefert bin. Das ist gar nicht so einfach. Ich muss für jeden Mann, mit dem ich zu tun habe, meine Position neu und individuell bestimmen. Klappt mal besser, mal weniger gut. Was dabei hilft: Spaß daran zu haben. An dem, was ich erlebe, und daran, wie ich das Erlebte verarbeite. An den Sachen, die gut laufen, und auch an den Sachen, die überhaupt nicht gut laufen. Nach einem vergurkten Date nach Hause kommen und denken: „Na warte, darüber werde ich schreiben! Du wirst dich wundern!“ Nach einem geglückten Date nach Hause kommen und denken: „Na warte… oh, Moment, darüber sollte ich wohl besser nicht schreiben! Wie wunderbar.“

Und dabei sollen Witze mit Tieren doch immer gehen…

Für mich funktioniert es so. Wenn ich das Online-Dating einerseits ganz ernst nehme und andererseits immer nach den Aspekten (vor allem) meines Daseins Ausschau halte, über die ich mich lustig machen kann, dann kann der sorgsam erarbeitete Mittelweg sogar ein Schwebebalken sein, von dem ich – voller Freude – gelegentlich kopfüber abstürze: Der therapeutische Effekt bleibt erhalten. Und die Freude an dem, was ich da mache, auch. Selbst wenn mal wieder niemand über meine Witze lacht.

Da ideale Profil – Zielgruppenforschung und die Folgen

Auf jeder guten Dating-Plattform werden neu angemeldete Mitglieder gleich zu Beginn aufgefordert, ihr eigenes Profil zu erstellen, bevor sie die Seite detailliert erforschen. „Das Profil ist dein Aushängeschild“, heißt es da, „nur mit einem aussagekräftigen Profil wirst du Erfolg haben.“ Auch der Erfolg einer Dating-Plattform an sich bemisst sich zu einem nicht unerheblichen Teil aus der Qualität der dort angelegten Profile – je authentischer und interessanter die Benutzer einer Seite sind, desto länger verweile ich als User ja auch dort und klicke mal hier und mal da. Und weil mir die Argumentation einleuchtet, sorge ich – wie viele andere User, überwiegend Frauen – eben auch dafür, dass mein Profil in Text und Bild aktuell, ausführlich genug, fehlerfrei und ansprechend rüberkommt. Und die Männer? Sehen das möglicherweise ganz anders.

Die These
Bei Männern und Frauen sind Wahrnehmungen und Meinungen ja oft eher unterschiedlich, so ganz allgemein betrachtet. Im Hinblick auf Online-Dating schon ganz zu Beginn: Bei kaum einem Thema gehen die Ansichten so sehr auseinander wie bei der Frage, wie das ideale Online-Dating-Profil aussieht.

Anmerkung für Männer: Das war erst die Einleitung; die genauere Betrachtung des Themas hat noch nicht einmal begonnen.

Anmerkung für Frauen: Keine Angst: Der Artikel bleibt nicht so oberflächlich; ich groove mich gerade erst ein.

Für die Männer: Kommt jetzt erst einmal ein Bild, damit sie nicht direkt weiterklicken.
Profilfoto für den Frühling (gefällt Männern aber nicht!)

Die Sachlage
Ich bin eine Frau und möchte mich auf Online-Dating-Seiten mit einem ansprechenden und vor allem authentischen Profil präsentieren, um nach Möglichkeit die richtigen Männer auf mich aufmerksam zu machen. Alles andere wäre auf die Dauer kontraproduktiv. Ich bin eine komplexe, manchmal auch komplizierte Persönlichkeit und habe einiges über mich und meine Gründe für und meine Wünsche an das Online-Dating zu sagen – und das möchte ich auch, zumindest in den Grundzügen, in meinem Profiltext tun. Darüber hinaus möchte ich nicht schwafelig rüberkommen, versuche also üblicherweise, nicht mehr Worte als notwendig zu verbrauchen.

Das Problem
Meine Zielgruppe sind Männer. Das sind – im Allgemeinen – die Mitmenschen mit der kürzeren Aufmerksamkeitsspanne. Praktisch heißt das: Männer landen auf einem Profiltext und schauen sich zunächst die vorhandenen Bilder an. Erst dann entscheiden sie, ob sie den Profiltext überhaupt eines Blickes würdigen. Falls ja, ist noch lange nicht davon auszugehen, dass sie mehr als die ersten drei Sätze lesen. Danach klicken sie entweder direkt wieder weg oder schauen am unteren Ende des Profils, was frau bei Vorlieben und Abneigungen so angeklickt hat. Alles in allem brauchen sie zum Sichten eines durchschnittlichen Frauenprofils und für die Entscheidung, ob sie in irgendeiner Weise Interesse bekunden sollen, maximal 60 Sekunden.

Anmerkung für Frauen: Wirklich, so ist es! Habt ihr mal einem Mann beim Sichten und Bearbeiten seines vollen Online-Dating-Posteingangs zugeschaut? Ich habe! Unglaublich – so eine Effizienz bei der Auswertung der eingegangenen „Bewerbungen“ stünde vielen von uns im Job gut an! Ich sitze da wirklich nur mit offenem Mund daneben und staune.

Um sicher zu sein, habe ich dann bei einem Herrn nachgefragt; es entspann sich – ungefähr – der folgende Dialog:
Ich: „Was gefällt dir denn am besten an meinem Profil?“
Er: „Die Bilder!“
Ich: „Äh, klar. Aber am Profiltext?“
Er: „Äh… die Bilder…?“
Ich: „TEXT! Das sind die kleinen schwarzen Dinger auf weißem Grund!“
Er: „Ach, das… wo bei dir die Smileys fehlen!“
Ich: „Ja, genau. Du kannst doch lesen, oder?“
Er: „Natürlich. Aber ich lese keine so langen Texte.“
Ich: „Aber mein Text ist doch gar nicht so lang.“
Er: „Äh… na ja. Aber okay, er ist witzig. Das ist schon in Ordnung.“
Ich: „Aber du hättest ihn nicht gebraucht…?“
Er: „Nun ja… nicht so ausführlich….“
Ich: „Aber du hast ihn gelesen?“
Er: „Ich glaube. Also, die ersten drei Sätze bestimmt. Kommt danach noch was Wichtiges?“
Ich: „Nein, sicher nicht. Mach dir keine Sorgen. Da steht nur, dass ich mich bei Vollmond in einen Werwolf verwandele und meine Männer im Keller ankette, um ihnen Grimms Märchen vorzulesen.“
Er: „Cool. Wenn du dabei das Outfit von dem dritten Foto trägst… das mit den roten Strümpfen…“

Anmerkung für Männer: Ich suche euch gleich noch ein Foto raus. Habt noch einen kleinen Moment Geduld.

Anmerkung für Frauen: Sich mit Männern zu unterhalten, ist im Wesentlichen nicht anders, als sich mit Katzen zu unterhalten. Oder mit Bäumen. Die hören ja auch nur, was ihnen passt.

Auswertung des kleinen Dialogs
Das Gute: Mein Gesprächspartner zeigt aufrichtiges Interesse und bemüht sich redlich, meine Fragen zu beantworten. Ich werde mir also Mühe geben, ihn nicht zu vergraulen.
Nicht so gut: Ich möchte nicht, dass Männer nur die ersten drei Sätze und damit nur etwa ein Drittel meines Profiltextes lesen.

Lösungsansätze
Erstens: Der Profiltext muss noch knackiger, komprimierter und lesefreundlicher werden. Aber wie? Aufzählungen mit Spiegelstrichen und Smileys sind keine Option. Der Text muss also immer wieder überprüft und nach Möglichkeit gestrafft werden.
Zweitens: Im Web 2.0 werden ausführliche Beiträge von ungeduldigen Lesern gelegentlich mit „TL; DR“ („Too Long; Didn’t Read“) kommentiert. Was wiederum dazu führt, dass vorausschauende Blogger ihre Beiträge mit einer kleinen Zusammenfassung unter dem Schlagwort „TLDR“ ergänzen, die dem eigentlichen (vermeintlich zu langen) Beitrag entweder vorangestellt wird oder ihn abschließt. Das finde ich einen guten Ansatz, der vielleicht auch dafür taugen könnte, ein Online-Dating-Profil „zielgruppentauglicher“ zu machen. Werde ich mal probieren, denke ich.

Anmerkung für Männer:
Einer von diesen Schuhen, mit denen ich nicht laufen kann (aber toll aussehe!).

Anmerkung für Frauen:
Tut mir Leid, Mädels, aber so ist es. Machts was draus!

TLDR – Zusammenfassung für die Ungeduldigen unter uns
Egal wie kurz eine Frau sich fasst, für einen Mann ist ihr Profiltext wahrscheinlich noch immer zu lang. Das inoffizielle Motto des Profils sollte also „Kasse dich furz!“ sein. Oder so ähnlich. Und Bilder braucht das Profil; Faustregel: Ein Bild pro Textzeile. Mindestens.

Triff mich im wirklichen Leben! – Von der ersten Mail zum ersten Date

Beim Online-Dating wird uns ja – und das aus guten Gründen – dazu geraten, immer mehrere Eisen im Feuer zu haben und nicht gleich alles auf eine Karte zu setzen. Dass das wirklich sinnvoll ist, musste ich auch erst lernen. Zumindest, solange man sich noch „nur schreibt“ – und frau sollte davon ausgehen, dass Männer das auch so machen: Es kommt immer mal wieder vor, dass ich mit einem Typen einen sehr unterhaltsamen Mailkontakt habe, der dann plötzlich abreißt, statt in ein meinerseits bereits angedachtes Treffen zu münden. Das hat nicht unbedingt was Schlimmes zu bedeuten, sondern im Allgemeinen nur, dass der Mann sich wahrscheinlich gerade mit einer anderen Frau trifft, die er parallel zu mir angeschrieben hatte. Oft hat sich das dann nach dem ersten Date schon wieder erledigt; dann schreibt er mir wieder… meistens so, als hätte es nie eine Unterbrechung gegeben.

Seit ich das selbst so oder ähnlich handhabe, ist es kein Problem mehr für mich. Ergiebiger Briefverkehr mit verschiedenen Männern ist, solange die Anzahl (der Männer) im einstelligen Bereich bleibt, eher unproblematisch, wenn man ein halbwegs gutes Gedächtnis mitbringt und am besten gar nicht erst anfängt, den verschiedenen Männern voneinander abweichende biographische Details zu erzählen.

In den allermeisten Fällen folgt auf eine erfreuliche und sich in die richtige Richtung entwickelnde Korrespondenz der Moment, in dem einer der beiden Korrespondenten (in meinem Leben meistens der Mann) ein Treffen im sogenannten wirklichen Leben vorschlägt. Was ja eine gute Sache ist – aber in dem Moment ist dann der Punkt erreicht, an dem man – zumindest ich mache das so – kurz innehalten und überlegen sollte: Dass ich mit mehreren Männer gleichzeitig Mails wechseln kann, weiß ich schon. Dass ich mich mit einem Mann verabreden und gleichzeitig mit mehreren anderen Männern schreiben kann, halte ich für sehr wahrscheinlich. Was ich aber lieber nicht ausprobieren möchte, ist, mit mehreren neuen Männern gleichzeitig erste Dates zu planen und durchzuführen. Ein bisschen Exklusivität ist mir dann doch wichtig, wenigstens für die paar Tage, die normalerweise zwischen der Zeremonie des Verabredens, dem ersten Date selbst und der sich normalerweise anschließenden Entwarnung für die anderen Männer, die – wissentlich oder auch nicht – in der Warteschleife hängen.

Den meisten Mailpartnern erzähle ich nicht, dass ich kurz davor oder gerade dabei bin, mich mit einem anderen Mann (der vielleicht gar nicht attraktiver ist, aber frecher, und deshalb früher gefragt hat) zu verabreden. Will die Herren und unsere Unterhaltung nicht mit so komplizierten Inhalten belasten – und außerdem (siehe oben) hat sich die Sache häufig ja mit dem ersten Date auch schon wieder erledigt.

Wenn Männer mich zu Beginn unseres Schriftwechsels fragen, wonach ich suche, sage ich üblicherweise, dass ich mir eine „Freundschaft plus“ vorstellen kann. Der freundschaftliche Aspekt ist mir wichtig, unabhängig davon, wie eng ein Kontakt bzw. eine Verbindung dann wird. Das „Plus“ ist fast noch wichtiger: Platonische Freunde habe ich nämlich schon. Die logische Konsequenz eigentlich: Ohne „Plus“ keine Freundschaft. Was für mich bedeutet, dass in dem einem Treffen vorausgehenden Mailaustausch die Frage, ob man miteinander guten Sex haben kann und (wiederholt) haben möchte, durchaus im Vordergrund stehen darf.

Auf dieser Grundlage bin ich absolut offen auch für eine raffinierte Anmache per Mail. Jemand, der schreibend (und ohne dabei primitiv zu werden) mein Kopfkino zum Rattern bringt, hat auf jeden Fall gute Karten, wenn er mir dann zeitnah ein Treffen im sogenannten wirklichen Leben vorschlägt.

In einem guten Flirt per E-Mail werden dieselben Stationen durchlaufen wie bei einem direkten persönlichen Kennenlernen: Man interessiert sich für jemanden, fühlt sich von ihm/ihr angezogen und tauscht sich aus, letztendlich in der Absicht, gemeinsamen Grund zu finden. Worüber, das ist individuell verschieden: Kochrezepte, gemeinsame Hobbies, Tagespolitik, sexuelle Wünsche und Vorlieben… das Wohlgefühl darüber, eine Übereinstimmung gefunden zu haben, kann sich auf allen möglichen Gebieten einstellen. Und von diesem Punkt aus sucht man dann weitere Gemeinsamkeiten – oder Unterschiede, die eventuell sogar noch mehr Reibungswärme erzeugen. Meist früher als später entsteht dann auch der Wunsch, dem Menschen am anderen Ende des Internets persönlich zu begegnen und herauszufinden, ob man sich auch ohne Tastatur und Monitor verständigen kann und will.

So ein Treffen nach einem vielversprechenden Online-Vorspiel kann großartig sein – oder total ernüchternd. Wahr ist, dass es bisher noch nicht gelungen ist, ein Verfahren zu entwickeln, mit dem man einigermaßen sicher prognostizieren kann, ob es beim ersten Date funken wird oder eben nicht. Wahr ist auch, dass die ersten fünf gemeinsam verbrachten Minuten uns in dieser Hinsicht im Allgemeinen Klarheit verschaffen. Und das unabhängig davon, wie perfekt der E-Mail-Austausch vorher verlaufen ist. Ich sehe einen Mann, höre seine Stimme, berühre seine Hand oder umarme ihn zur Begrüßung – und meine innere Stimme sagt: „Ach ja, das könnte was sein! Schüttel noch mal die Haare und mach den Schal ab, so dass er dir in den Ausschnitt gucken kann!“ oder: „Um Gottes willen! Musstest du nicht noch ganz dringend ein Buch in die Bücherei zurückbringen?“

Ist das nicht ein Argument gegen eine lange Korrespondenz? Wozu ist es gut, dass ein Mann nach drei Wochen fleißigem Mailen weiß, wie meine Katzen heißen, wenn ich doch nach einem ersten Blick weiß, dass ich nichts von ihm will? Hätte ich mich da nicht direkt nach einem Blick auf sein Profilfoto (und ein, zwei Mails, die mich hinsichtlich der Frage beruhigen, ob er vielleicht ein Vollpfosten, ein Hochstapler oder ein Triebtäter sein könnte) mit ihm verabreden sollen? Hätte das nicht, statt gesteigerter Erwartung auf der Grundlage eines harmonischen Mailwechsels und der folgenden Enttäuschung, den Ball etwas flacher halten können? Klar, im Nachhinein kann man das so sehen.

Weiterhin gilt: Auch bei Männern, die sich schließlich in einem Treffen als „richtig“ erweisen, kann die vorhergehende Korrespondenz wenig erhellend verlaufen und Frauen, die sehr viel Wert aufs Schreiben legen, durchaus entmutigen. Manche Männer haben einfach keinen Spaß daran, sich schriftlich allzu ausführlich zu äußern. Das heißt nicht zwangsläufig, dass sie nichts zu erzählen haben, wirklich nicht – aber das erfährt man eben erst, wenn man ihnen in der Realität gegenüber sitzt. Ist mir schon mehrmals passiert. Ich folge in solchen Fällen – ein grundsätzlich gutes Gefühl bei wenig greifbaren Belegen dafür, dass ein Mann ein Glückstreffer sein könnte – meinem Bauch (der bei ein bisschen Motivation sehr wohl in der Lage ist, Daumen hoch oder Daumen runter zu sagen). Hat durchaus schon geklappt und manche Männer, die keine tollen Mails schreiben, sind live und offline interessante und unterhaltsame Überraschungen. Auch in diesem Fall kann und sollte frau sich eine lange Wartezeit bis zum ersten Date sparen.

Im Zweifel entscheide ich, wenn es um die Frage „Treffen: Ja oder Nein“ geht, für den Mann, der sich ins Zeug legt: Wenn er immerhin glaubt, dass aus uns was werde könnte – auch wenn ich mir da noch nicht so sicher sein sollte – lasse ich mich schon mal zu einem Treffen überreden. In einem solchen Fall aber lieber früher als später, damit sich bis zum Treffen möglichst keine großen Erwartungen aufbauen. Auf beiden Seiten, versteht sich.

Träumen tue ich übrigens von einem Mann, mit dem ich mir ganz lange ganz vorzügliche Mails schreibe. In denen wir nicht über Kochrezepte und Hobbies reden müssen, sondern über alles und nichts. Eben das, was so in meinem und seinem Kopf rumgeistert. Dazu gehören natürlich, wenn es denn gut läuft, auch unsere erotischen und sonstigen Fantasien und Wünsche – die vielleicht überhaupt, durch die Korrespondenz inspiriert, überhaupt erst in den Vordergrund des Bewusstseins vordringen. Ein Mann, der bei mir schon bei dem grundsätzlichen Gedanken, ihn zu treffen, eine Gänsehaut und Schweißausbrüche verursacht: Aus Begeisterung und sich steigernder Lust, aber auch vor Angst, dass sich in einer Offline-Begegnung zeigen könnte, dass doch nichts zwischen uns laufen wird. Wer weiß denn, ob eine Offline-Begegnung mit dem mithalten kann, was mein Kopfkino mir vorher an Ideen und Erwartungen ins Bewusstsein gespült hat? Ein Zurück zum fantasieanregenden Schreiben gibt es nicht (zumindest ist mir kein Fall bekannt, in dem auf ein enttäuschendes Treffen eine nennenswerte Fortsetzung des Schriftverkehrs gefolgt wäre).

Leider kann es wirklich passieren, dass man sich dann offline gegenseitig nicht toll findet, auch wenn man online total ineinander verknallt war. Ein Mittel dagegen gibt es, soweit ich weiß, nicht, auch wenn es nicht unbedingt wahrscheinlich ist, dass auf eine wirklich perfekte Korrespondenz eine komplette Enttäuschung im sogenannten wirklichen Leben folgt. Ein Restrisiko bleibt – aber ein erstes Treffen, bei dem man einer Internet-Bekanntschaft gegenübersteht und denkt: „Wow, du bist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe – aber auch ganz anders! Ich glaube, du bist toll. Und außerdem finde ich dich wahnsinnig sexy!“… Das ist einfach eine unbezahlbare Erfahrung!

Es wird Frühling, Männer und Zugvögel kommen zurück. Und: Tweets, die dann doch nicht das Licht der Welt erblickten.

Es wird offenbar Frühling. Die Temperaturen pendeln sich in den letzten Tagen im einstelligen Plusbereich ein und die ersten Krokusse recken todesmutig ihre Köpfchen aus dem nicht mehr steinharten Erdboden. Was ich, weil es gelegentlich draußen richtig hell wird, sogar sehen kann. Schön.

Auch schön ist, dass vermehrt Männer aus dem Winterschlaf erwachen und sich wieder mit den wichtigen Dingen des Lebens beschäftigen (im Allgemeinen Fußball, Frauen, Bier – die Reihenfolge variiert von Typ zu Typ). In den letzten Tagen sind mir schon ganz unterschiedliche Spielarten des „Mannes im Frühlingsrausch“ begegnet und ich habe mal – nur aufgrund meiner eigenen Erfahrungen – eine kleine Typologie erstellt (und erste Vorschläge zur Behandlung der auffälligsten Symptome erarbeitet).

Typ 1: Der verirrte Zeitreisende
Gibt sich nach durchaus ergiebigem Mailen mit Anspruch und viel gegenseitiger Sympathie unendlich viel Mühe, frau schon beim ersten Date auf charmante Weise ins Bett zu kriegen. Hört sich dafür stundenlang ihre mäßig lustigen Geschichten an, zahlt ihre sämtlichen Caipirinhas sowie zuckerfreie Red Bulls und tut geradezu verliebt. Stellt sich im Bett gar nicht mal ungeschickt an, kommt auch – eigenen Aussagen zufolge – voll auf seine Kosten. Verabschiedet sich mit dem Subtext „Dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“… um am nächsten Tag nichts von sich hören zu lassen. Auf Nachfrage dann zwei Tage später der Hinweis, für einen Kontakt mit gelegentlichem Drübersteigen und sonst nichts sei er sich zu schade. Frau unterdrückt nur mühsam den Drang, sich mit einem Tweet

„Irgendwas mit Männern, Sex beim ersten Date, Doppelmoral, Heuchelei und: Ich prangere das an!“

Luft zu machen.
Diesem Typ Mann hilft man am besten, indem man ihm zeigt, wo er seine Zeitmaschine geparkt hat, und ihn in die 60er-Jahre (welchen Jahrhunderts auch immer) zurückschickt.

Typ 2: „Mein Kopfkino hat einen Filmriss“
Mann präsentiert ein ansprechendes Profil, schickt ein Foto, auf dem er ganz attraktiv rüberkommt, freut sich über eine ermutigende Antwort auf seine Erst-Nachricht – und möchte sich am liebsten noch am selben Abend treffen. Das passiert meistens so gegen 23 Uhr am Sonntagabend, wenn frau mit Haarkur und Gesichtsmaske in dicken Socken auf dem Sofa sitzt und die Zeit zwischen Tatort und Schlafengehen mit dem Surfen auf fremden Männerprofilen überbrückt. Auf den freundlichen Hinweis, heute sei es nicht so gut für ein spontanes Treffen, kommen eine enttäuschte Antwort und die nächste Frage: „Dann morgen? Wann passt es bei dir? Wo wohnst du? Ich komme vorbei.“ Frau sagt, freundlich: „Morgen passt es auch nicht. Überhaupt treffe ich mich erst mit Männern, wenn sie mein Interesse ein bisschen geschürt haben. Mach mal ein bisschen Werbung für dich!“ Mann schreibt, leicht verwirrt: „Häh? Und nächste Woche?“ Frau, leicht ungehalten: „Erzähl mir was von dir, was meine Fantasie in Gang bringt!“ Mann, sehr verwirrt und ebenfalls leicht ungehalten: „Ich habe keine Fantasie, wenn ich vor dem Rechner sitze. Dazu müsste ich vor dir sitzen. Sorry.“ Frau schreibt keinen Tweet über

„Männer, die internetsüchtige Frauen anbaggern und dann nicht mal Mails schreiben wollen. In meinem Posteingang. Dauernd.“

Diesem Typ Mann hilft man manchmal sehr effektiv, indem man ihn auf das sogenannte wirkliche Leben und die Möglichkeit, Frauen offline zu treffen (z. B. beim Single-Abend im Supermarkt oder beim Makramee-Kurs in der Volkshochschule), aufmerksam macht.

Typ 3: Der notgeile Draufgänger
Bestimmt ohne eigenes Zutun ist Mann in die Situation geraten, viel zu lange keinen Sex gehabt zu haben. Trotz eines eigentlich ansprechenden Profils und untadeliger Optik macht er nur Komplimente für aufreizende Fotos und liest allerhöchstens das Motto, nicht aber den mehrzeiligen Profiltext einer Frau, bevor er sie anschreibt. Spätestens in der dritten Mail wird er direkt: „Willst du vögeln, du heiße Frau? Ich bin schon viel zu lange ohne Sex.“ Frau überlegt kurz, ob sie im Männerprofil eine Haftanstalt als vorübergehenden Aufenthaltsort überlesen haben könnte. Ein kurzer Chat mit eingeschalteter Webcam zeigt aber, dass Mann sehr wohl ein Heim hat und eben einfach – warum auch immer – an nichts anderes denken kann als an Sex. Mit wem auch immer. Frau verkneift sich einen Tweet

(„Was nicht fehlt: Männer, die bestimmt 100 unanständige Synonyme für Beischlaf kennen – und zu faul sind, mehr als eins davon zu benutzen.“)

und denkt darüber nach, wie sie aus dieser Geschichte möglichst schnell wieder herauskommt.
Frau sollte nicht versuchen, diesem Typ Mann zu helfen. Einfach ignorieren.

Typ 4: Der sympathische Rumschwafler
Ein eigentlich netter Kerl, mit dem man wochenlang Nachrichten schreiben kann, und zwar über jede noch so belanglose Kleinigkeit des Lebens. Mal mehrere Nachrichten täglich, dann wieder ein paar Tage gar nicht. Er ist nicht begriffsstutzig, kann um die Ecke denken, versteht auch sehr dezente Anspielungen – und lässt sich trotzdem nicht aus der Reserve locken. Schreibt total entspannt übers Wetter, über Flora und Fauna, auf Wunsch sogar über An- und Auszügliches und kommt einfach nicht auf den Punkt. Oder irgendeinen Punkt. Frau findet ihn sympathisch, aber leider kein Stück mysteriös. Versucht gar nicht erst, ihn zu irgendeiner deutlichen Äußerung zu drängen, sondern verbucht ihn im Geiste als „Für wenn mal gar kein anderer mehr da ist!“ Nicht mal zu einem Tweet wie

„Was macht man denn mit einem Mann, der über Bienchen und Blümchen redet und auch Bienchen und Blümchen meint? Frage für eine Ungeduldige.“

reicht es.
Diesem Mann muss möglicherweise gar nicht geholfen werden. Oder vielleicht doch; die Medikation sollte aber nur unter Aufsicht eines Facharztes geändert werden.

Typ 5: Der Möchtegern-Pornostar
Baggert per Mail und per Chat wie ein Großer. Nichts ist ihm unständig, sündig und verrucht genug. Alles, was frau tut oder auch nicht tut, löst bei ihm eine – laufend kommunizierte – Dauergeilheit aus, die er kaum noch kontrollieren kann. Da er davon abgesehen einen zugewandten und zivilisierten Eindruck macht und frau nicht grundsätzlich was dagegen hat, dass ein Mann auf ihre Reize reagiert, kommt es relativ bald zu einem Treffen. Für das frau sich – auf seinen Wunsch – in ihre schönste Wäsche und die High Heels kleidet, die er auf ihren Fotos so bewundert hat. Nach der Ankündigung, wie sehr er sich freue, es ihr jetzt richtig besorgen zu können, reißt er sich seine Jeans vom Leibe – und stolziert im knallroten Tanga vor ihr auf und ab. Frau unterdrückt ihren Drang, über diese überraschende Entwicklung zu twittern, und lässt sich statt dessen aufs Bett werfen. Der Tanga fliegt zu Boden und der Mann präsentiert… äh… Frau kneift die Augen zusammen, um besser sehen zu können, und sieht… was Kleines, Weißes, Zusammengerolltes. Denkt: „Bratwurstschnecke!“ Sagt nichts. Zeigt Verständnis. Lässt sich sogar auf sowas wie Kuscheln (igitt!) ein. Stunden später, die Reizwäsche ist längst ausgezogen und das Licht gelöscht, kommt Mann dann endlich doch in Gang. Macht seine Sache noch nicht mal schlecht, wenn auch auf arg emotionale und anhängliche Weise. Macht frau am nächsten Morgen mehr oder weniger einen Antrag – um anschließend auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Frau twittert wieder nicht

(„Hätte ich geahnt, dass dem Typen seine Impotenz so peinlich ist, dass er untertaucht, hätte ich ihm nicht noch die Pfandflaschen mitgegeben.“)

und streicht die vegetarischen Würstchen für die nächsten Wochen vom Speiseplan.
Dieser Typ Mann braucht dringend Hilfe. Von wem auch immer. Man kann auch wirklich gut mit ihm reden. Aber lasst ihn bloß nicht – niemals nicht! – die Jeans ausziehen.

Gut, da ich nicht großkotzig (und/oder wahllos) wirken möchte, höre ich jetzt mal auf. Aber da, wo diese fünf Typen in den letzten Wochen hergekommen sind, lauern noch einige… und es werden täglich und mit jedem Sonnenstrahl mehr. (Auf Wunsch sicher auch in eurem Posteingang.) Es besteht also die Chance, dass diese Serie in Kürze fortgesetzt wird. Für Hinweise und Tipps, was Haltung und Pflege von Männer im Frühlingsrausch angeht, bin ich wie immer empfänglich. Und die unveröffentlichten Tweets suchen auch noch ein schönes Heim.

Der Kuss der Katzenfrau (oder: Prinz Pfiffig und die Folgen unbedachten Online-Datings)

Völlig fiktives Auftragswerk für einen erkälteten Freund: Die Geschichte von Prinz Pfiffig, der sich auszog, um das Fürchten zu lernen. Und seither als verschollen gilt. Teil 1.

 
„Pfiffig“, sagte die Katzenfrau drohend, wobei sie versuchte, ihr Grinsen zu unterdrücken, „du hast dich hier gerade in eine ziemlich schwierige Lage gebracht!“
 
Der Prinz war sich nicht ganz sicher, ob hier jetzt noch geblödelt wurde oder vielleicht auch nicht. Die Tatsache, dass die zahnlosen Katzen sich kleine Halloween-Vampirgebisse in den Mund geklemmt hatten, mit denen sie ihn fast furchterregend anbleckten, ließ ihn eigentlich ersteres vermuten. Andererseits hatte die Frau mit den unanständig hohen Absätzen noch ihre eigenen Zähne, soweit er das beurteilen konnte – und ihre Aura hatte gerade ein recht beunruhigendes dunkles Lila angenommen.
 
„Diese verdammten Limetten sind uralt und steinhart“, schimpfte die Katzenfrau, während sie ärgerlich im Kühlschrank wühlte. „Und ich habe vergessen, Bier kalt zu stellen, weil ich dachte, dass wir Caipirinhas machen. Was sollen wir denn jetzt trinken? Tee vielleicht?“
 
Der Prinz dachte kurz, dass Tee vielleicht gar keine so schlechte Idee wäre. Zusammen mit Schokolade und einer Wärmflasche vielleicht… damit ließen sich doch die meisten hormonell bedingten… äh…. Schwankungen… bei Frauen günstig beeinflussen. Wieder einmal dachte er heftig darüber nach, ob es eigentlich wirklich eine gute Idee gewesen war, die Katzenfrau nach Hause zu begleiten, nur weil sie mit diesen absurd hohen Absätzen natürlich umgeknickt war und nur noch humpeln konnte. (Wobei er den Gedanken, dass sie diese Schuhe seinetwegen angezogen hatte, ja eigentlich ganz anregend fand.)
 
„Äh… hm…“, räusperte er sich, „vielleicht könnten wir…“ Er verstummte, als er aus dem Augenwinkel sah, wie sich zwei kleine dunkle Gestalten im Schatten des Sofas näher an ihn heranschlichen. „Äh… sind diese Katzen eigentlich gefährlich?“
 
„Nur wenn du allergisch bist“, erwiderte die Katzenfrau, ohne dem Prinzen und seiner ungemütlichen Situation viel Beachtung zu schenken, während sie weiterhin im Kühlschrank wühlte. „Magst du Kalte Muschi?“
 
„Wieso kalt?“ fragte Prinz Pfiffig verwirrt. „Die haben doch Fell.“
 
Die Katzenfrau humpelte jetzt vom Kühlschrank herüber, ließ sich neben Pfiffig auf das – eher schmale – Sofa fallen und drückte ihm eine Flasche in die Hand. „Hier: Kalte Muschi. Cola mit Rotwein. Die Alternative wäre Hustentee. Prost.“
 
Sie knallte ihre Flasche gegen seine und nahm einen kräftigen Zug. Pfiffig warf einen Blick in ihr Dekolleté, dachte etwas wie „Nun ja, vielleicht lohnt es sich ja doch, die Unterhaltung fortzusetzen…“, schnüffelte dezent am Flaschenhals und nippte dann vorsichtig. „Uahh…“, stöhnte er, „das schmeckt ja wie Knüppel auf den Kopf!“
 
„Einfach weitertrinken“, empfahl ihm die Katzenfrau, „man gewöhnt sich schnell dran. Und dann überlegen wir uns in aller Ruhe, welche DVD wir anschauen können. Magst du lieber was Lustiges oder was mit Action?“
 
Pfiffig musste nicht lange überlegen. „Eher was Lustiges“, sagte er. „Oder etwas, was die Katzen beruhigt.“ Er warf einen weiteren nervösen Blick auf die etwa einen Meter vor ihm starr auf dem Couchtisch thronende Katze, die ihn mit ihren Plastikvampirzähnen anlächelte. Von der anderen Katze, die unter dem Tisch saß, sah er im Halbdunkel nur die leuchtenden Augen, die ihn schon seit Minuten ohne Blinzeln fixierten. „Sind die irgendwie auf Drogen oder so?“
 
Die Katzenfrau warf einen Blick auf das unheimliche Tier. „Wäre möglich, dass sie wieder am Baldrian geschnüffelt haben“, sagte sie, „aber das ist nicht gefährlich. Meistens. Wahrscheinlich warten sie nur darauf, dass du endlich irgendwas ausziehst, damit sie es anprobieren können. Was hältst du von Der weiße Hai?“
 
„Wie irgendwas ausziehen?“ Pfiffig bemühte sich um einen lässig-entspannten Ton, auch wenn er sich dabei nicht gerade sehr überzeugend vorkam. „Und wieso der Weiße Hai? Wolltest du nicht was Lustiges suchen?“ Er nahm noch einen kräftigen Schluck aus der Cola-Rotwein-Muschi und begann zu überlegen, wo die Katzen wohl ihre Baldrian-Vorräte aufbewahrten (nur so für alle Fälle, versteht sich).
 
„Ich finde den Weißen Hai lustig“, unterbrach die Katzenfrau seine Überlegungen. „Schade, dass die große Musical-Szene von dem blöden Fisch unterbrochen wird. Du könntest ihnen wenigstens deine Schuhe überlassen, wenn du schon deine Hose nicht ausziehen willst. Die Alternative wäre Mamma Mia!“
 
In der Tat hielt sie die Mamma-Mia-DVD in der Hand und starrte mindestens so provokativ wie die Katze im Halbschatten.
 
„Nein, bitte nicht ABBA!“ stammelte Prinz Pfiffig, dem plötzlich der Angstschweiß ausbrach. „Der weiße Hai ist ein prima Film und ich habe damals im Kino bei den Szenen, bei denen ich mir nicht die Augen zuhalten musste, auch sehr gelacht. Bestimmt! Und was wollen die Katzen mit meinen Schuhen? Und mit meiner Hose?“
„Nichts Schlimmes“, versicherte die Katzenfrau. „Nur dran schnüffeln und, wenn ihnen dein Geruch gefällt, ein bisschen drauf sabbern. Sind eben Mädels. Du bekommst sie aber unversehrt zurück, wenn du gehst. Falls du irgendwann gehst… “ Sie hatte die DVD in den Player geschoben und humpelte, in jeder Hand eine Fernbedienung haltend, zurück zum Sofa. Wieder hatte er einen prima Einblick in ihren Ausschnitt. Der schon über einige Unbill hinwegtrösten konnte, wenn nur etwa die Hälfte des Inhalts echt war. Wonach es auf ihren Fotos definitiv ausgesehen hatte.
 
„Also gut“, fasste sich Pfiffig ein Herz, „ich ziehe meine Schuhe aus, wenn du auch was ausziehst. Und damit meine ich nicht die Schuhe! “ Ohne Blinzeln begegnete er ihrem überraschten Blick. „Sondern deinen BH.“
 
„Meinen BH?“ Nun sah die Katzenfrau doch etwas überrascht aus. Pfiffig, der sich zwang, ihr weiter direkt in die Augen zu starren, meinte sogar, so etwas wie ein nervöses Zucken der linken Augenbraue wahrzunehmen. „So einer bist du also!“
„Genau“, gab Pfiffig zurück. „So einer bin ich. Was hast du denn gedacht? Und warum hättest du dich sonst mit mir treffen wollen?“ Er setzte sich aufrecht hin (nicht leicht bei dem ausgeleierten Sofa), legte ganz und gar nicht unauffällig seinen Arm auf die Sofalehne und der Katzenfrau die Hand auf die ihm abgewandte Schulter.
 
„Das stimmt natürlich.“ Die Katzenfrau betrachtete ihn halb amüsiert, halb zweifelnd. „Das war ursprünglich durchaus so geplant.“ Sie begann, an ihrem schwarzen Oberteil herumzunesteln. „Ich war mir nur nicht so sicher, was du eigentlich willst.“
 
Vom Sichersein war Prinz Pfiffig in diesem Moment auch weit entfernt, aber er beschloss blitzschnell, dass er das jetzt nicht thematisieren wollte. Stattdessen griff er der Katzenfrau frech in den Ausschnitt und zupfte an ihrem BH-Träger. „Was ist nun mit dem Ausziehen?“
 
„Wenn ich meinen BH ausziehen will, muss ich vorher mein Oberteil ausziehen“, gab sie zu bedenken. „Das wären dann schon zwei Teile.“
 
„Tja“, erwiderte Prinz Pfiffig scheinbar unbeeindruckt. „Ich habe ja auch zwei Schuhe.“
 
„Also gut“, sagte die Katzenfrau und zog sich ihr schwarzes Oberteil über den Kopf. „Du hast es nicht anders gewollt. Jetzt ziehst du aber auch den ersten Schuh aus.“
 
Pfiffig bemühte sich, nonchalant zu bleiben trotz des Anblicks, der sich ihm bot. Sie hatte vollkommen recht, er hatte es definitiv nicht anders gewollt: Ihr schwarzer Satin-BH war mindestens eine Größe zu klein und ihr Dekolleté wirklich spektakulär. Aus dem Augenwinkel sah er, wie sein Schuh von einer eigentlich ziemlich kleinen schwarz-braun gemusterten Katze davongeschleift wurde, aber das war ihm im Augenblick gerade ziemlich egal. „Den BH kannst du ruhig noch einen Moment anbehalten“, sagte er ganz lässig. „Und starte doch mal den Weißen Hai, damit es nicht langweilig wird.“
 
Genialer Schachzug, Pfiffig, alter Prinz, gratulierte er sich stumm, als er ihren verblüfften Gesichtsausdruck sah. Wortlos stand sie auf, nahm die Fernbedienung vom Sessel, setzte sich wieder neben ihn und schaltete den Fernseher ein. Über ihre Schulter hinweg konnte Pfiffig sehen, wie ein Mann, der auf der anderen Seite der Straße im zweiten Stockwerk am Fenster rauchte, sich ziemlich weit vorbeugte und sich bemühte, an dem Baum vor dem Fenster der Katzenfrau vorbeizuschauen. „Ist was mit deinem Nachbarn?“
 
Die Katzenfrau sah nicht mal hin, sondern erwiderte nur: „Der hat es nicht leicht zu Hause. Darf nur am Fenster rauchen und ist zu doof zum Spannern, weil er offenbar nicht im Dunkeln rauchen kann und immer das Licht im Fenster einschaltet, so dass die meisten Frauen hier im Haus einfach die Vorhänge zuziehen, wenn er kommt.“
 
„Aber du nicht?“ erkundigte sich Pfiffig und griff sich, von hinten an ihrer Schulter herumstreichelnd, wieder den BH-Träger, schob ihn ein Stückchen zur Seite und zog mit dem Finger die Einkerbung nach, die er in ihrer weichen, blassen Haut hinterlassen hatte.
 
„Ach was“, sagte die Katzenfrau. „Warum sollte ich? Der will doch nur gucken. Und so wie er nicht im Dunkeln rauchen kann, mag ich nicht im Dunkeln rumknutschen. So, was ist jetzt mit deinem zweiten Schuh?“
 
„Jetzt, wo gerade der Hai die Schwimmerin holt?“ Pfiffig starrte gebannt auf den Bildschirm. „Boah, diese Musik! Gruselig.“ Er packte die Schulter der Katzenfrau fester und zog sie näher an sicher heran. Und hatte verstärkt den Eindruck, dass sie sich das nicht nur gefallen ließ, sondern sich auch – total unauffällig – so drehte, dass er ihren BH-Verschluss direkt unter der Nase hatte. Eher provokativ sozusagen. Sie beschwerte sich auch nicht, als er zwei Finger unter das stramm sitzende Rückenteil ihres BHs schob, um einen besseren Zugriff auf den Verschluss zu haben. Auf dem ein Gewicht von etwa einer Tonne zu lasten schien. Schnell war Pfiffig klar, dass hier einhändig nichts zu machen war. Die Brüste der Katzenfrau waren groß – ganz im reizvollen Gegensatz zu ihrem BH.
 
Die Katzenfrau saß halb neben, halb vor Pfiffig auf dem Sofa und beobachte interessiert das Geschehen auf dem Bildschirm. „Jetzt kommt gleich Quint, der alte Haifischjäger“, sagte sie. „Den finde ich großartig.“ „Natürlich“, erwiderte Pfiffig, in der Hoffnung, nicht in eine weitere absurde Diskussion verwickelt zu werden, die ihn jetzt gerade überhaupt nicht interessierte. Die Gelegenheit schien günstig zu sein: Die Katzen waren – mit seinem linken Schuh – im Nebenzimmer verschwunden, zu hören waren nur leise Schlurf- und Kaugeräusche. Der stalkende Nachbar hing bis zum Bauch aus seinem Fenster und zündete sich eine neue Zigarette an. Der BH-Verschluss lag in Pfiffigs erstaunlich ruhigen Händen, denen man nicht ansah, was in sich in seinem Inneren gerade alles so abspielte.
 
Eine kleine Handbewegung, ein Klicken – und schon war es passiert. Schwarzer Satin gab den Weg frei, zwei große weiße Brüste bahnten sich ihren Weg in die Freiheit. Hübsche Brüste noch dazu, kuschelig-weich und der Schwerkraft noch so halbwegs trotzend.
 
„Na sowas“, bemerkte die Katzenfrau. „Na sowas“, gab Pfiffig nonchalant zurück. Fast ohne Mühe schaffte er es, seinen Blick von den Druckstellen des BHs auf weicher Haut abzuwenden und der Katzenfrau ins Gesicht zu sehen. Sie lächelte recht entspannt, aber Pfiffig konnte sich des Eindrucks nicht erwehrend, dass ihre Wangen rötlicher waren als vorher und dass ihre Augen einen gewissen Glanz angenommen hatte, der ihm durchaus gefiel.
 
„Und jetzt?“ fragte die Katzenfrau. Pfiffig musste nicht lange überlegen. „Was hältst du vom Küssen?“ „Küssen finde ich gut“, sagte die Katzenfrau und sah ihn erwartungsvoll an. Noch immer saß sie halbwegs vor ihm auf dem Sofa. „Dann komm her! “ forderte er sie auf. „Bin doch schon da! “ erwiderte sie, schloss die Augen halb und hielt ihm ihre Lippen hin.
 
Pfiffig griff die Katzenfrau an beiden Schultern, während er sie küsste, und versuche, sie gleichzeitig zu drehen und an sich heranzuziehen. Sie musste lachen, weil sie dabei fast vom Sofa rutschte, hörte aber nicht mit dem Küssen auf. Pfiffig, immer hilfsbereit und in dem Versuch, sich nützlich zu machen, griff nach ihrer Hüfte. Erwischte aber nur ihren kurzen Rock, weil sie gleichzeitig auch versuchte, sich wieder aufrecht hinzusetzen. Dabei bemerkte Pfiffig, was er schon viel früher, als sie in der Kneipe stolperte, gesehen hatte: Die Katzenfrau trug einen ziemlich kurzen Rock und ein aufreizendes Ensemble aus Strapsgürtel und Strümpfen, hatte aber in der Eile offensichtlich vergessen, einen Slip anzuziehen. Was Pfiffig durchaus sympathisch fand. Die Katzenfrau folgte seinem verblüfften Blick, lachte noch mehr und fiel endgültig, Pfiffig mit sich ziehend, vom Sofa. Boing.
 
Von draußen hörte Prinz Pfiffig ein weiteres Boing und einen Schmerzensschrei. Saß aber jetzt mit dem Rücken zum Fenster und war auch anderweitig beschäftigt mit dem Sortieren eigener und fremder Gliedmaßen. Der Ruf „Holt mal einen Krankenwagen, hier ist einer mit einem Fernglas in der Hand aus dem Fenster gefallen!“ war ihm gerade verhältnismäßig egal. Vor ihm auf dem Fußboden lag eine leicht derangierte, sich aber offensichtlich bestens unterhaltende Katzenfrau. Auf dem Bildschirm schlug gerade wieder der weiße Hai zu, schreiende Menschen überall. Von der Straße her war das sich nähernde Lalülala eines Krankenwagens zu hören.
 
„Hörst du“, murmelte die Katzenfrau verträumt und machte eine zerstreute Handbewegung zum Fenster und in Richtung Tumult draußen, „sie spielen unser Lied.“

 

Alles frei erfunden, versteht sich. Fortsetzung folgt bei Gelegenheit.

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