Grinsekatze geht ins Netz

Quitter oder was? Erste Erfahrungsberichte aus dem Twitter-Exil.

Haben Sie auch schon ein neues soziales Netzwerk im Auge, jetzt, wo Twitter uns plötzlich unsere Basis, die frei gewählte, chronologische Timeline entziehen will? Sich gar schon irgendwo angemeldet? Ich (@keinzahnkatzen) auch, gestern, und heute muss ich unbedingt davon erzählen.

Meine Damen und Herren,
liebe alte Freunde bei Twitter,
liebe neue Freunde bei Quitter,

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Gib mir ein Zeichen. Kommas und Bindestriche im zwischenmenschlichen Austausch

Ich gehöre zu einer aussterbenden Spezies. Einer offensichtlich schnell aussterbenden. Ich bin ein Rechtschreib- und Zeichensetzungsjunkie. Ich finde gutgebaute Satzkonstruktionen, die durch sinnvoll und richtig platzierte Satzzeichen gegliedert werden, erotisch stimulierend. Natürlich vor allem auch dann, wenn die Inhalte stimmen, aber ein guter Schreibstil, der unter Nutzung der zur Verfügung stehenden Hilfsmittel, die Texte verständlich, eindeutig und generell lesefreundlich machen, entstanden ist, bereitet mir grundsätzlich Freude.

Lange Zeit hielt ich „eine schlechte Schreibe“ für ein Zeichen fehlender Bildung oder sogar beschränkter Intelligenz. In dieser Hinsicht bin ich mittlerweile, zumindest grundsätzlich, eines Besseren belehrt worden: Gleich zwei mir wichtige Menschen, die mir im Hinblick auf den Intellekt keineswegs unterlegen sind und hervorragend quatschen können, schreiben überraschenderweise wie die Dorfdeppen. Nicht was ihre Inhalte betrifft, aber in so ziemlich jeder anderen Hinsicht: Da finden sich Sätze, die ins Nichts führen (oder die deutlich zeigen, dass der Verfasser sich zwischen zwei möglichen Konstruktionen nicht entscheiden konnte und deswegen – möglicherweise unbewusst – eine Mischform „gewählt“ hat), Kommas, die – soweit überhaupt vorhanden – den englischen Regeln entsprechen, fehlende Bindestriche bzw. jede Menge Leerzeichen, wo sie nicht hingehören. Im privaten Schriftverkehr gerne ergänzt durch Emoticons an jedem Satzende (die dann von der Autokorrektur – auch ein Thema, über das man gar nicht genug weinen kann! – in Smileys umgewandelt werden).
 
Warum? Warum gibt sich jemand, der zu seinem Thema etwas zu sagen hat und dies auch freiwillig tut, so wenig Mühe mit Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung? Oder sind die immer zahlreicher und sichtbarer werdenden Fehler im Umgang mit der Schriftsprache gar nicht in erster Linie die Folge von Nachlässigkeit, sondern gar Programm? Ein interessanter Erklärungsansatz dafür, warum sich zum Beispiel das „Deppenleerzeichen“ mehr und mehr durchsetzt (weil nämlich die „Alleinstellung“ des Produktnamens eine Marketing-Maßnahme ist), findet sich in einem schönen Blog namens „Deppenleerzeichen.de“.
 
Eigentlich glaube ich persönlich aber, dass die angebliche Überzeugung, man könne ein Wort nur dann wirksam hervorheben, wenn man es unverbunden im Satz stehen lässt, eine – vielleicht von Marketing-Fachleuten – vorgeschobene Begründung ist, die vom eigentlichen Problem ablenken soll. Und das liegt eben doch eher in der Nachlässigkeit – und in gewissen Erscheinungen, die beim Verfassen von Texten mit dem mobilen Endgerät (in den meisten Fällen einem Smartphone) nun einmal auftreten. Wer die auf modernen Smartphones üblichen QWERTZ-Tastaturen kennt, weiß, dass hier die Versuchung groß ist, einzelne Wörter unverbunden aneinanderzureihen. Auf der direkt sichtbaren „Haupttastatur“ liegen die Buchstaben, der Punkt und die Leertaste (die größer als alle anderen Tasten ist). Komma, Bindestrich und weitere Satzzeichen finden sich auf einer zweiten Seite, die man über eine Sondertaste nach vorne holen muss. Was manchem Schreiber vielleicht gar nicht bewusst und anderen schlicht zu aufwendig ist („Was ich nicht sehe, brauche ich auch nicht.“).
 
Weitere Komplikationen bietet immer gerne die so geschimpfte Autokorrektur, die eigentlich eher eine Autovervollständigung ist: Mein Smartphone ist nämlich schlau und errät anhand der bereits eingetasteten Zeichen, was ich schreiben möchte. Oder auch nicht. Das ist natürlich toll, wenn es – nach nur drei von mir eingegebenen Buchstaben – mir schon das zwanzig Buchstaben lange Wort vorschlägt, das ich tatsächlich schreiben wollte. Dann genügt nämlich ein weiterer Touch und schon steht dieses Wort im Text. Nicht so toll ist, wenn das Smartphone „mein“ Wort partout nicht erkennen will und mir hartnäckig andere Vorschläge unterbreitet, die so ähnlich aussehen wie das Wort, das ich schreiben wollte. Vor allem, wenn ich – weil gerade unterwegs – nur mit einem Auge auf die Vorschläge schaue, weil ein weiteres Auge verhindern muss, dass ich beim Schreiben gegen eine Mauer laufe. Da kommt es schon mal vor, dass ein falsches Wort in der Nachricht landet („Bei Feueralarm wird das ganze Gebäude ejakuliert.“). Und zumindest bei meiner Tastatur ist es auch noch so, dass die Schreibanwendung in der Standardeinstellung nach dem Wort ein Leerzeichen setzt, sobald ich einen Vorschlag der Autokorrektur annehme. Sollte ich nach dem Wort also noch etwas anfügen wollen (ein weiteres Wort zum Beispiel oder auch nur ein Satzzeichen), muss ich mit der Rücktaste erst das Leerzeichen löschen.
 
Als ich mit dem Online-Dating anfing, besaß ich noch kein Smartphone; Online-Dating bestand für mich aus dem schnellen Prüfen des Posteingangs am Morgen und dem ausführlichen Verfassen von Mails am Abend, beides selbstverständlich unter Zuhilfenahme einer ausgewachsenen PC-Tastatur. Wie vorgestrig von mir! Wenn man den bekannten amerikanischen Studien und weiteren verlässlichen Prognosen trauen darf, ist das mobile Endgerät nicht nur unser aller Zukunft, auch beim Online-Dating, sondern bereits die Realität.
 
Mit diesem Wissen im Hinterkopf wundere ich mich natürlich nicht mehr über Erstkontakt-Mails mit Texten wie „finde dein profil spannend ;-) lust auf ein spontan treffen ? lg uli“ und vermute nicht mehr von vorneherein, wie vor einem Jahr noch, dass der Verfasser eher simpel gestrickt und der deutschen Sprache nicht mächtig ist, sondern ziehe auch in Erwägung, dass vielleicht ein eigentlich durchaus „brauchbarer“ Mann gerade nicht so viel Zeit und/oder Kommunikationsprobleme mit seinem Smartphone hatte. Vielleicht wäre er auch gerne ausführlich auf meinen Profiltext eingegangen, wenn nicht die Autokorrektur ihm die Lust auf Vokabeln wie „melancholisch“ oder „hinreißend“ verdorben hätte (oder wenn er noch fünf Minuten länger in der Supermarktschlange hätte warten müssen). Also schaue ich doch erst aufs Profil, bevor ich dem Bewerber eine freundliche Absage (auch nicht viel länger als eine Zeile, aber immerhin im ganzen Satz) schreibe. Und manchmal finde ich auch das Profil eines Smartphone-Einzeilen-Schreibers gar nicht so uninteressant, so dass ich – in der Hoffnung, dass die nächste Nachricht mit Hilfe einer richtigen Tastatur verfasst wird – etwas ausführlicher antworte. Klappt manchmal, manchmal auch nicht; einige Menschen schreiben aus purer Gewohnheit auf einer PC-Tastatur mittlerweile genauso schlampig wie auf ihrem Smartphone… aber selbst die sind nicht alle hoffnungslos und -obwohl der Rechtschreibjunkie in mir beim Verfassen einer ermutigenden Mail leise weint – manchmal lohnt sich ein tieferer Einblick.
 
Natürlich lässt sich auch etwas Gutes über die allgemeine Entwicklung auf dem Schreibsektor sagen: Bei dezenten und liebevollen Hinweisen auf gewisse Defizite beim Gestalten ihrer Texte sind die reizenden jungen Männer, deren eigentlich gute Mails manchmal mehr Fehler als Sätze enthalten, keineswegs beleidigt. Sie antworten vielmehr auf eine Textnachricht „Ich wusste nicht, was ich dir zum Geburtstag schenken soll… außer vielleicht einer Tüte Kommas (,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,)!“ ganz lässig mit „danke kann ich brauchen ;-)“. Was ja auch seinen Charme hat – auch wenn ich insgeheim davon träume, dass diese jungen Männer mir eines Tages Texte mit Groß- und Kleinschreibung schicken… und richtigen Satzzeichen… vielleicht sogar mal einem Semikolon an passender Stelle…?!?! Das könnte mir nämlich gefallen.
  

Weiterführende Literatur

Ein Erklärungsansatz dafür, warum sich zum Beispiel das „Deppenleerzeichen“ mehr und mehr durchsetzt, findet sich bei deppenleerzeichen.de
 
Neulich erst gelernt: Für das überflüssige und falsche Leerzeichen vor anderen Satzzeichen („Los jetzt !“) gibt es sogar einen Namen: Plenken (eine vermutlich vom englischen „blank“ abgeleitete Wortschöpfung).
 
Mehr Spaß mit der Autovervollständigung: autocompletefail.de
  

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