Grinsekatze geht ins Netz

Ein Regenbogen gegen die Sprachlosigkeit

Seit zwei Tagen ist bei Twitter das Wort „Regenbogen“ in den den Trending Topics (neben Tom Cruise, Fiskalpakt und Kanzlermehrheit). Das fällt auf, ebenso wie die Tatsache, dass viele bekannte Twitterpersönlichkeiten ihre Avatare, also Profilbilder, mit Regenbogen verziert haben. „Aha, ein Mem“, sagen die, die Twitter kennen, „aber warum ein Regenbogen?“

Dieser konkrete Regenbogen ist für eine schwer erkrankte Twitter-Kollegin, @hamtydamti. Ich kenne hamtydamti nicht persönlich, folge ihr nicht einmal; sie wird mir allerdings gelegentlich in meine Timeline retweetet. Sie sagt kluge Dinge und scheint keine Scheu zu haben, sich über ihre Erkrankung und damit verbundene Ängste mitzuteilen. Viel mehr weiß ich nicht von ihr, nur dass sie im Moment nicht aktiv ist, nicht aktiv sein kann offensichtlich. Und dass sie vermisst wird, von ihren Twitter-Freunden, von denen einige auch zu meinen Kreisen gehören. Und von diesen ist das Regenbogen-Mem gestartet worden, an dem sich inzwischen richtig viele deutsche Twitterer beteiligen.
 
Der Regenbogen ist ein Symbol. Für vieles, unter anderem für eine Brücke. Für zwei virtuelle Punkte, während der Regenbogen auch tatsächlich zu sehen ist, wenn auch meistens nur kurz und wenn man auf der richtigen Seite steht. Auf Twitter bzw. in der Welt der sozialen Netzwerke hingegen sind die Endpunkte, nämlich die Benutzeraccounts, sichtbar, während die Verbindung zwischen ihnen möglicherweise rein virtuell und unsichtbar bleibt. Wenn sich also zwei oder (viel) mehr Twitteraccounts mit Hilfe eines gemeinsamen Regenbogens verbinden, dann wird die Verbundenheit auf gewisse Weise sichtbar.
 
Dass dieses Sich-Verbinden den Twitteraccounts wichtig ist, liegt daran, dass diese im Allgemeinen von Menschen betrieben werden. Menschen, die bei, auf und mit Twitter einen Teil ihres Lebens verbringen, sich dort ausdrücken, unterhalten, belustigen, gegenseitig unterstützen und inspirieren. Menschen, die durch 140-Zeichen-Nachrichten Verbindung mit der Welt aufnehmen. Oftmals als Kunstfiguren: Haustiere, Superhelden oder das genaue Gegenteil davon. Manche zeigen sich als die Menschen, die sie vielleicht gerne wären, andere als die, die sie auf keinen Fall sein möchten. Bei einigen Twitterern weiß man so ungefähr, wer oder was hinter dem Benutzernamen steht, bei anderen bleibt dies komplett unklar.
 
Die meisten „Vollzeit-Twitterer“ (und damit meine ich die, die mehr oder weniger ihr ganzes Leben mit- und, auf welche Art auch immer, einbringen) haben keine Probleme, über fast alles zu twittern: Beziehungen, Kinder, Katzen, die Sache mit den Montagen, Bier und Mett und Nutella, Sex bzw. kein Sex, Kopfschmerzen, Geld, Fußball, Tatort, Bergwanderungen, Klogänge und vieles mehr. Wovor Twitterer – wie die meisten anderen Menschen auch – im ersten Moment zurückschrecken, sind zum Beispiel die Themen Tod und Krankheit. Zu groß ist die Sorge, bei dem Versuch, Gedankengänge zu diesen Themen in 140 Zeichen auszudrücken, zu scheitern bzw. banal, sentimental und unzulänglich rüberzukommen. Bevor wir Kalendersprüche oder sentimentale Gemeinplätze twittern, halten wir doch lieber die Klappe. Einerseits. Andererseits: Wir teilen hier doch sonst alles – fühlen wir uns mit einer selbstverordneten Schere im Kopf wohl?
 
Ich jedenfalls nicht. Gar nicht. Ich habe vor ein paar Wochen erst erfahren müssen, wie beschnitten ich mich fühle, wenn ich über etwas Schlimmes, das mein Dasein aktuell fast vollkommen bestimmt, nicht twittern kann bzw. mag. Eine enge und geliebte Kollegin war plötzlich und unerwartet gestorben, einfach so, im Schlaf. Der Schock machte mich für einige Tage sprachlos, ich konnte zunächst nur unter großer Anstrengung kommunizieren, egal worüber. Als der Schock dann langsam durch den Körper hindurchgegangen war, blieb das Gefühl, keine angemessenen Worte zu finden für das, was mich ständig beschäftigte. In meinem sogenannten wirklichen Leben habe ich diese Blockade zum Glück und mit der Hilfe meiner Umwelt schnell überwinden können. Ich habe – aus purer Notwendigkeit – über das Erlebte gesprochen, mit allen, die das wollten und mussten. Wir haben unsere Trauer geteilt und uns gegenseitig getröstet.
 
An der Situation selbst konnte ich natürlich nichts ändern, aber an der allgemeinen Sprachlosigkeit schon. Meine Kollegin war ein Kommunikationswunder, ein menschgewordenes soziales Netzwerk, wenn man so will – und Verstummen aufgrund der vermuteten Unfähigkeit, das Richtige richtig zu sagen, kam mir einfach nur falsch vor. Ich redete und schrieb also drauflos, verbreitete (hastig ergoogelte) Informationen über islamische Trauerfeiern, brachte Unterschriften- und Geldsammlungen ins Rollen, quatschte mit jedem über alles – und ermutigte meine unmittelbaren Kollegen, zum Glück sehr bald mit Erfolg, es ebenso zu machen.
 
Es kommt in solchen Momenten nicht darauf an, die perfekten Worte zu finden. Wichtig ist, überhaupt etwas zu sagen und anderen zuzuhören.
 
Das Feedback auf unsere Anstrengungen war einfach überwältigend. So viele Kollegen wie auf der Trauerfeier habe ich noch nie auf einmal gesehen, glaube ich. Und so ein Gefühl von Gemeinschaft haben wir vorher wohl selten empfunden. Das war, bei aller Traurigkeit, sehr tröstlich und sehr schön.
 
Getwittert habe ich über diese Erfahrungen nicht. Die Kollegin brauchte keine sozialen Netzwerke, sie pflegte ihre Kontakte perfekt mit Hilfe eines alten Nokia-Handys. Es wäre mir falsch vorgekommen, ihre Geschichte bei Twitter zu teilen – auch wenn es mir persönlich sicher viel gebracht hätte und ich einige Tage dort mehr oder weniger stumm bleiben musste.
 
Ich habe sogar überlegt, ob ich in diesem Blogartikel auch über meine Kollegin schreiben kann und soll… aber ich denke, der Regenbogen-Avatar bei Twitter würde ihr gefallen. Weil Regenbögen glitzern und weil das Avatar-Mem so eine einfache Geste ist, die eigene Sprachlosigkeit zu durchbrechen und uns selbst und andere an das zu erinnern, worum es in sozialen Netzwerken im Grunde geht: Menschen das Sich-Verbinden, das Teilen und das Anteilnehmen leichter zu machen.

  

„Beziehungsstatus: Mit Vögeln kenn‘ ich mich nicht so aus!“ – (Warum ich auf einer „verruchten Erotik-Plattform“ mehr Spaß habe als bei einem „harmlosen Flirt-Portal“)

Es kommt mittlerweile häufiger vor, dass Freunde und Bekannte sich mit mir über das Online-Dating unterhalten wollen. Darüber freue ich mich immer, denn ich amüsiere mich ja prächtig mit vielen Männern, die im Internet unterwegs sind, und tausche auch sehr gerne Erfahrungen zu diesem Themenkomplex aus. Hier kommt also mein persönlicher Vergleich verschiedener Dating-Portale (bzw. der erste Teil dieses ausufernden Vergleichs).

Die Erfahrungen meiner Gesprächspartner, vor allem der weiblichen, sind keineswegs immer so erfreulich sind wie meine. Viele berichten gar, dass sie sich nach einer kurzen Testphase bei einer Singlebörse entnervt wieder abgemeldet haben, weil entweder niemand oder nur nicht in Frage kommende Männer (die aber dafür in großer Anzahl) Interesse an ihnen angemeldet hatten. Inzwischen frage ich dann schon immer direkt: „Dann warst du sicher bei einer dieser grundsätzlich kostenlosen Singlebörsen, wo der Schwerpunkt angeblich auf Dating und Beziehung liegt, oder?“ und das trifft meistens sogar zu.
 
Es gibt mehrere sehr mitgliederreiche Dating-Plattformen, bei denen laut Anbieterangaben das Kontakteknüpfen im Vordergrund steht. Man kann sich ohne große Formalitäten und aufwendige Echtheitsprüfungen anmelden und dann sofort loslegen. Entweder mit dem liebevollen Ausfüllen seines Profils oder damit, andere Mitgliederprofile anzusehen und eventuell direkt Kontakte anzubahnen. Das tun viele, vor allem viele Männer, und im Eifer des Gefechts vergessen sie dann auch später gerne, ihr eigenes Profil etwas informativer zu gestalten. Die Frage, ob es Frauen gibt, die auf eine Zuschrift mit einem Text wie „Hallo du, ich finde dich attraktiv. Wollen wir uns mal treffen? Lg der Dings“ von einem Mann ohne persönliche Angaben im Profil und ohne Foto, positiv reagieren, kann definitiv verneint werden. Das scheinen aber viele Männer nicht zu realisieren. Was nervt.
 
Noch mehr nerven tun die Typen, die eine Frau direkt nach der Anmeldung in einem dieser Foren anschreiben oder zum Chat einladen. Direkt nach der Anmeldung – damit meine ich: Bevor die Frau nur ein Wort in ihr Profil schreiben oder ein Bild hochladen konnte. Die Männer sehen also: Einen Benutzernamen, das Alter und den Wohnort. Wie persönlich geschmeichelt kann frau sich mit einer Zuschrift in diesem Moment fühlen? Genau. Von zwei oder drei Seiten habe ich mich aus diesem Grund mehr oder weniger direkt nach der Anmeldung wieder abgemeldet.
 
Vor etwas mehr als einem Jahr, als in mir der Entschluss herangereift war, es mit dem Online-Dating mal zu versuchen, habe ich mich nach einer kurzen Informations- und Testphase (es gibt verschiedene sehr nützliche unabhängige Vergleichsportale) nicht für eins dieser Dating-Portale entschieden, sondern für den Joyclub, eine Seite, die als Erotik-Portal kategorisiert wird. Und diese Entscheidung bisher in keiner Weise bereut.
 
Aus Gründen:

  • Für Frauen gibt es – ohne Altersgrenze, aber mit Echtheitsprüfung – eine kostenlose Mitgliedschaft, mit der man alle wichtigen Funktionen der Seite nutzen kann (für Männer leider nicht, die müssen zahlen, sobald sie aktiv werden möchten).
  • Das Design ist verhältnismäßig ansprechend in rot und schwarz gehalten – und es gibt keine lästigen Werbe-Popups, die sich bei jedem Klicken bemerkbar machen.
  • Es gibt einen kleinen Messenger, der gut funktioniert, und für das Mobiltelefon angepasste Seiten, so dass man die wesentlichen Funktionen der Seite auch von unterwegs nutzen kann.
  • Beim Ausfüllen des eigenen Profils gibt es relativ viele Möglichkeiten zur individuellen Gestaltung – und viele Mitglieder nutzen das ganz kreativ, so dass es durchaus Spaß macht, fremde Profile anzuschauen.
  • Man kann innerhalb des Joyclubs Fotos als Mail-Anhang verschicken (auf Seiten, wo das nicht geht, muss man also für die Männer, die (warum auch immer) kein Foto im Profil haben und von denen man eins sehen möchte, also immer eine Pseudonym-E-Mail-Adresse bereithalten.
  • Es gibt einen gut funktionierenden Privatchat-Bereich, wahlweise mit oder ohne Kamera. Auch dafür muss man keine Kontaktdaten preisgeben.
  • Über den eigentlichen Dating-Bereich hinaus gibt es ein großes Forum und sehr viele Gruppen verschiedener „Interessengemeinschaften“, in denen man viele Informationen findet und auch ohne Stress Kontakte knüpfen kann.
  • Es ist nicht vorgeschrieben, dass man/frau auf seinen/ihren Profilfotos erkennbar sein muss: unkenntlich gemachte Gesichter, Teilfotos (z. B. von Füßen) etc. sind ausdrücklich erlaubt.

Dass der Joyclub von vorneherein einen klaren Schwerpunkt auf Erotik setzt (statt auf Partnerschaft und Dating wie die meisten Portale, die einen besseren Ruf haben), fand ich bei meiner Anmeldung nicht weiter schlimm – ich war ja schließlich nicht auf der Suche nach einem Brieffreund oder einer platonischen Beziehung. Die Möglichkeiten, in meinem Profil anzugeben, wonach ich suche (bzw. für was ich gerne gefunden werden möchte), erschienen mir vollkommen ausreichend. Man kann hier sowohl verschiedene Wünsche (so ziemlich alles zwischen Seelenfreund und Sex) anklicken als auch frei formulieren, was einem wichtig ist.
 
Das Schreiben meines ersten Profiltextes war eine aufregende Sache; die Frage „Wen will ich ansprechen und was muss ich dafür von mir mitteilen (und was lieber nicht?“) stellt man sich ja im Privatleben sonst nicht häufig! Noch lustiger war die Frage, was für Fotos ich hochlade! Die Fotos, für die ich mich entschied, musste ich erst machen, und zwar höchstpersönlich mit der Digicam und dem Selbstauslöser, den ich – lebenslang als wenig fotogen geltend – vorher noch nie benutzt hatte. Halbwegs taugliche Klamotten mit der richtigen Dosis Einblick fanden sich auch erst nach längerem Suchen in den Tiefen des Kleiderschranks. Einen ganzen Abend verbrachte ich damit, mich in Szene zu setzen und dabei verführerisch und nicht zu blöd bzw. billig auszusehen. Erstaunlicherweise waren diese ersten Fotos gar nicht so schlecht. Und die Aktion machte unheimlich Spaß! Schnell noch schwarze Balken vor die Augen montieren und hochladen.
 
Meine früher übrigens legendäre Schüchternheit gegenüber Männern hat sich im letzten Jahr weitgehend verloren; es würde mir jetzt keinen Stress mehr bereiten, von mir aus interessante Männer anzuschreiben (das muss ich bloß kaum noch, weil mir immer genug Männer zuerst schreiben, um mich beschäftigt zu halten!). Zu Beginn meiner Zeit beim Joyclub hätte ich mich das niemals getraut, damals hatte ich noch Angst vor Ablehnung und anderen Peinlichkeiten (völlig überflüssig, wie ich heute weiß – rund 95% der Männer sind zumindest dankbar und gerührt, wenn frau sie anschreibt, und selbst wenn sie nicht wirklich interessiert sind, werden sie auf eine freundliche Zuschrift, mit der eine Frau sich Mühe gegeben hat, mehr als freundlich reagieren).
 
Meinen Profiltext, meine persönlichen Angaben (nicht nur die zum Gewicht), meine Bilder und vor allem mein Motto ergänze und ändere ich regelmäßig. Mein Einstiegsmotto war „Wer immer um den heißen Brei herumredet, fällt selbst hinein!“, war zwischendurch lange „Alles muss, nichts kann! “ und ist jetzt im Allgemeinen von auf Twitter beliebten Formulierungen inspiriert („Beziehungsstatus: Mimimi!“). Das Hochladen eines neuen hübschen Fotos wirkt bei einer eventuellen Flaute im Posteingang auch Wunder, denn neue Mitgliederfotos werden 24 Stunden lang auf der Startseite angezeigt – und ganz offensichtlich von vielen Mitgliedern regelmäßig angeschaut: Ein neues Bild bringt also immer reichlich neue Besucher auf das eigene Profil.
 
Am Rande bemerkt und um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen: Meine Profilfotos sehen mir ähnlich. Sie sind alle von mir selbst mit einer einfachen Digicam und Selbstauslöser gemacht und nicht digital nachbearbeitet (außer mit dem Pornobalken über den Augen). Ich bin auf allen Fotos ziemlich angezogen und in erster Linie darum bemüht, authentisch und sympathisch auszusehen. Fast jugendfrei also. Und vielleicht ein bisschen sexy, aber eher in der Weise, die hoffentlich die männliche Fantasie anregt (und weniger in der Art, die männliche Fantasien befriedigt). Das funktioniert sehr gut und ich bekomme zahlreiche Komplimente – und viele Männer loben ausdrücklich die Tatsache, dass ich ihrer Vorstellungskraft genügend Freiraum lasse.
 
Für meinen Profiltext braucht ein Leser Freude an schrägem Humor und ein gutes Selbstbewusstsein. Die Tatsache, dass ich im Profiltext gerne mal Unsinn verbreite („Gib mir Tiernamen, wenn es dich glücklich macht, aber nenn mich nicht klein! Oder gar nett! „), ohne diesen in irgendeiner Weise durch Emoticons oder Hinweise wie *grins* zu entschärfen, hat sicher schon viele potentielle Interessenten abgeschreckt. Was völlig in Ordnung ist. Man kann es Männern sicher leichter machen – aber warum sollte ich?
 
Es finden sich immer genug Mutige, die mich anschreiben, und viele von denen sind auch durchaus ganz coole Typen, die selbst sehr witzige Texte verfassen und über deren Interesse ich mich freue. Manchmal schreibt man sich dann eine Weile und trifft sich dann. Manchmal schreibt man sich eine Weile und trifft sich dann doch nicht. Manchmal schreibt man sich nur ganz kurz und trifft sich – oder auch nicht. Alles ist möglich und mit jedem neuen Verehrer werden die Karten neu gemischt. Und nur weil die Korrespondenz auf einer Erotik-Plattform stattfindet, befasst sie sich keinesfalls nur mit Sex und dem dringenden Wunsch nach selbigem (das kommt – wenigstens in meinem Posteingang – viel häufiger auf den angeblich harmloseren Dating-Seiten vor), sondern auch mit Essen, Katzen, Internet, Fußball und Tagespolitik (also im Grunde denselben Themen wie bei Twitter…).
 

Mein persönliches Fazit: Da die meisten Männer im Joyclub für ihre Mitgliedschaft bezahlen, geben sie sich definitiv mehr Mühe bei der Kontaktanbahnung als die Kollegen auf den Umsonst-Seiten (auch wenn sie berechtigtermaßen über diese Ungleichbehandlung jammern). Ich würde mal schätzen, dass über die Hälfte der Zuschriften, die ich bekomme, zumindest so seriös ausfällt, dass ich sie gerne beantworte. Das scheint mir eine sehr gute Quote zu sein; auf den anderen Seiten, die ich probiert habe, liegt sie allenfalls bei 10 %, eher niedriger (wahlweise sehr viel niedriger). Ich bekomme nicht mehr Zuschriften, als ich beantworten kann (pro Tag so drei bis fünf Erstzuschriften, würde ich sagen, dazu natürlich noch die Mails von den Männern, denen ich schon mal geantwortet habe). Viele grundsätzlich aktive Mitglieder sind mindestens einmal täglich online; trotzdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass einen eigentlich nie jemand drängelt, wenn man sich mal mit einer Antwort länger als 24 Stunden Zeit lässt. Was auch nicht überall selbstverständlich ist und einiges über den allgemeinen Umgangston und die Atmosphäre im Joyclub aussagt. Meine Erfolgsquote mit den im Joyclub geknüpften Kontakten, finde ich, spricht auch durchaus für sich: Etwa die Hälfte der Männer, mit denen ich mehr als zehn Mails getauscht hatte, habe ich mindestens einmal im sogenannten wirklichen Leben getroffen. Und von diesen Treffen – unabhängig ob dabei dann was rum- und rauskam – habe ich definitiv noch keins bereut.

Gib mir ein Zeichen. Kommas und Bindestriche im zwischenmenschlichen Austausch

Ich gehöre zu einer aussterbenden Spezies. Einer offensichtlich schnell aussterbenden. Ich bin ein Rechtschreib- und Zeichensetzungsjunkie. Ich finde gutgebaute Satzkonstruktionen, die durch sinnvoll und richtig platzierte Satzzeichen gegliedert werden, erotisch stimulierend. Natürlich vor allem auch dann, wenn die Inhalte stimmen, aber ein guter Schreibstil, der unter Nutzung der zur Verfügung stehenden Hilfsmittel, die Texte verständlich, eindeutig und generell lesefreundlich machen, entstanden ist, bereitet mir grundsätzlich Freude.

Lange Zeit hielt ich „eine schlechte Schreibe“ für ein Zeichen fehlender Bildung oder sogar beschränkter Intelligenz. In dieser Hinsicht bin ich mittlerweile, zumindest grundsätzlich, eines Besseren belehrt worden: Gleich zwei mir wichtige Menschen, die mir im Hinblick auf den Intellekt keineswegs unterlegen sind und hervorragend quatschen können, schreiben überraschenderweise wie die Dorfdeppen. Nicht was ihre Inhalte betrifft, aber in so ziemlich jeder anderen Hinsicht: Da finden sich Sätze, die ins Nichts führen (oder die deutlich zeigen, dass der Verfasser sich zwischen zwei möglichen Konstruktionen nicht entscheiden konnte und deswegen – möglicherweise unbewusst – eine Mischform „gewählt“ hat), Kommas, die – soweit überhaupt vorhanden – den englischen Regeln entsprechen, fehlende Bindestriche bzw. jede Menge Leerzeichen, wo sie nicht hingehören. Im privaten Schriftverkehr gerne ergänzt durch Emoticons an jedem Satzende (die dann von der Autokorrektur – auch ein Thema, über das man gar nicht genug weinen kann! – in Smileys umgewandelt werden).
 
Warum? Warum gibt sich jemand, der zu seinem Thema etwas zu sagen hat und dies auch freiwillig tut, so wenig Mühe mit Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung? Oder sind die immer zahlreicher und sichtbarer werdenden Fehler im Umgang mit der Schriftsprache gar nicht in erster Linie die Folge von Nachlässigkeit, sondern gar Programm? Ein interessanter Erklärungsansatz dafür, warum sich zum Beispiel das „Deppenleerzeichen“ mehr und mehr durchsetzt (weil nämlich die „Alleinstellung“ des Produktnamens eine Marketing-Maßnahme ist), findet sich in einem schönen Blog namens „Deppenleerzeichen.de“.
 
Eigentlich glaube ich persönlich aber, dass die angebliche Überzeugung, man könne ein Wort nur dann wirksam hervorheben, wenn man es unverbunden im Satz stehen lässt, eine – vielleicht von Marketing-Fachleuten – vorgeschobene Begründung ist, die vom eigentlichen Problem ablenken soll. Und das liegt eben doch eher in der Nachlässigkeit – und in gewissen Erscheinungen, die beim Verfassen von Texten mit dem mobilen Endgerät (in den meisten Fällen einem Smartphone) nun einmal auftreten. Wer die auf modernen Smartphones üblichen QWERTZ-Tastaturen kennt, weiß, dass hier die Versuchung groß ist, einzelne Wörter unverbunden aneinanderzureihen. Auf der direkt sichtbaren „Haupttastatur“ liegen die Buchstaben, der Punkt und die Leertaste (die größer als alle anderen Tasten ist). Komma, Bindestrich und weitere Satzzeichen finden sich auf einer zweiten Seite, die man über eine Sondertaste nach vorne holen muss. Was manchem Schreiber vielleicht gar nicht bewusst und anderen schlicht zu aufwendig ist („Was ich nicht sehe, brauche ich auch nicht.“).
 
Weitere Komplikationen bietet immer gerne die so geschimpfte Autokorrektur, die eigentlich eher eine Autovervollständigung ist: Mein Smartphone ist nämlich schlau und errät anhand der bereits eingetasteten Zeichen, was ich schreiben möchte. Oder auch nicht. Das ist natürlich toll, wenn es – nach nur drei von mir eingegebenen Buchstaben – mir schon das zwanzig Buchstaben lange Wort vorschlägt, das ich tatsächlich schreiben wollte. Dann genügt nämlich ein weiterer Touch und schon steht dieses Wort im Text. Nicht so toll ist, wenn das Smartphone „mein“ Wort partout nicht erkennen will und mir hartnäckig andere Vorschläge unterbreitet, die so ähnlich aussehen wie das Wort, das ich schreiben wollte. Vor allem, wenn ich – weil gerade unterwegs – nur mit einem Auge auf die Vorschläge schaue, weil ein weiteres Auge verhindern muss, dass ich beim Schreiben gegen eine Mauer laufe. Da kommt es schon mal vor, dass ein falsches Wort in der Nachricht landet („Bei Feueralarm wird das ganze Gebäude ejakuliert.“). Und zumindest bei meiner Tastatur ist es auch noch so, dass die Schreibanwendung in der Standardeinstellung nach dem Wort ein Leerzeichen setzt, sobald ich einen Vorschlag der Autokorrektur annehme. Sollte ich nach dem Wort also noch etwas anfügen wollen (ein weiteres Wort zum Beispiel oder auch nur ein Satzzeichen), muss ich mit der Rücktaste erst das Leerzeichen löschen.
 
Als ich mit dem Online-Dating anfing, besaß ich noch kein Smartphone; Online-Dating bestand für mich aus dem schnellen Prüfen des Posteingangs am Morgen und dem ausführlichen Verfassen von Mails am Abend, beides selbstverständlich unter Zuhilfenahme einer ausgewachsenen PC-Tastatur. Wie vorgestrig von mir! Wenn man den bekannten amerikanischen Studien und weiteren verlässlichen Prognosen trauen darf, ist das mobile Endgerät nicht nur unser aller Zukunft, auch beim Online-Dating, sondern bereits die Realität.
 
Mit diesem Wissen im Hinterkopf wundere ich mich natürlich nicht mehr über Erstkontakt-Mails mit Texten wie „finde dein profil spannend ;-) lust auf ein spontan treffen ? lg uli“ und vermute nicht mehr von vorneherein, wie vor einem Jahr noch, dass der Verfasser eher simpel gestrickt und der deutschen Sprache nicht mächtig ist, sondern ziehe auch in Erwägung, dass vielleicht ein eigentlich durchaus „brauchbarer“ Mann gerade nicht so viel Zeit und/oder Kommunikationsprobleme mit seinem Smartphone hatte. Vielleicht wäre er auch gerne ausführlich auf meinen Profiltext eingegangen, wenn nicht die Autokorrektur ihm die Lust auf Vokabeln wie „melancholisch“ oder „hinreißend“ verdorben hätte (oder wenn er noch fünf Minuten länger in der Supermarktschlange hätte warten müssen). Also schaue ich doch erst aufs Profil, bevor ich dem Bewerber eine freundliche Absage (auch nicht viel länger als eine Zeile, aber immerhin im ganzen Satz) schreibe. Und manchmal finde ich auch das Profil eines Smartphone-Einzeilen-Schreibers gar nicht so uninteressant, so dass ich – in der Hoffnung, dass die nächste Nachricht mit Hilfe einer richtigen Tastatur verfasst wird – etwas ausführlicher antworte. Klappt manchmal, manchmal auch nicht; einige Menschen schreiben aus purer Gewohnheit auf einer PC-Tastatur mittlerweile genauso schlampig wie auf ihrem Smartphone… aber selbst die sind nicht alle hoffnungslos und -obwohl der Rechtschreibjunkie in mir beim Verfassen einer ermutigenden Mail leise weint – manchmal lohnt sich ein tieferer Einblick.
 
Natürlich lässt sich auch etwas Gutes über die allgemeine Entwicklung auf dem Schreibsektor sagen: Bei dezenten und liebevollen Hinweisen auf gewisse Defizite beim Gestalten ihrer Texte sind die reizenden jungen Männer, deren eigentlich gute Mails manchmal mehr Fehler als Sätze enthalten, keineswegs beleidigt. Sie antworten vielmehr auf eine Textnachricht „Ich wusste nicht, was ich dir zum Geburtstag schenken soll… außer vielleicht einer Tüte Kommas (,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,)!“ ganz lässig mit „danke kann ich brauchen ;-)“. Was ja auch seinen Charme hat – auch wenn ich insgeheim davon träume, dass diese jungen Männer mir eines Tages Texte mit Groß- und Kleinschreibung schicken… und richtigen Satzzeichen… vielleicht sogar mal einem Semikolon an passender Stelle…?!?! Das könnte mir nämlich gefallen.
  

Weiterführende Literatur

Ein Erklärungsansatz dafür, warum sich zum Beispiel das „Deppenleerzeichen“ mehr und mehr durchsetzt, findet sich bei deppenleerzeichen.de
 
Neulich erst gelernt: Für das überflüssige und falsche Leerzeichen vor anderen Satzzeichen („Los jetzt !“) gibt es sogar einen Namen: Plenken (eine vermutlich vom englischen „blank“ abgeleitete Wortschöpfung).
 
Mehr Spaß mit der Autovervollständigung: autocompletefail.de
  

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