Grinsekatze geht ins Netz

Da ideale Profil – Zielgruppenforschung und die Folgen

Auf jeder guten Dating-Plattform werden neu angemeldete Mitglieder gleich zu Beginn aufgefordert, ihr eigenes Profil zu erstellen, bevor sie die Seite detailliert erforschen. „Das Profil ist dein Aushängeschild“, heißt es da, „nur mit einem aussagekräftigen Profil wirst du Erfolg haben.“ Auch der Erfolg einer Dating-Plattform an sich bemisst sich zu einem nicht unerheblichen Teil aus der Qualität der dort angelegten Profile – je authentischer und interessanter die Benutzer einer Seite sind, desto länger verweile ich als User ja auch dort und klicke mal hier und mal da. Und weil mir die Argumentation einleuchtet, sorge ich – wie viele andere User, überwiegend Frauen – eben auch dafür, dass mein Profil in Text und Bild aktuell, ausführlich genug, fehlerfrei und ansprechend rüberkommt. Und die Männer? Sehen das möglicherweise ganz anders.

Die These
Bei Männern und Frauen sind Wahrnehmungen und Meinungen ja oft eher unterschiedlich, so ganz allgemein betrachtet. Im Hinblick auf Online-Dating schon ganz zu Beginn: Bei kaum einem Thema gehen die Ansichten so sehr auseinander wie bei der Frage, wie das ideale Online-Dating-Profil aussieht.

Anmerkung für Männer: Das war erst die Einleitung; die genauere Betrachtung des Themas hat noch nicht einmal begonnen.

Anmerkung für Frauen: Keine Angst: Der Artikel bleibt nicht so oberflächlich; ich groove mich gerade erst ein.

Für die Männer: Kommt jetzt erst einmal ein Bild, damit sie nicht direkt weiterklicken.
Profilfoto für den Frühling (gefällt Männern aber nicht!)

Die Sachlage
Ich bin eine Frau und möchte mich auf Online-Dating-Seiten mit einem ansprechenden und vor allem authentischen Profil präsentieren, um nach Möglichkeit die richtigen Männer auf mich aufmerksam zu machen. Alles andere wäre auf die Dauer kontraproduktiv. Ich bin eine komplexe, manchmal auch komplizierte Persönlichkeit und habe einiges über mich und meine Gründe für und meine Wünsche an das Online-Dating zu sagen – und das möchte ich auch, zumindest in den Grundzügen, in meinem Profiltext tun. Darüber hinaus möchte ich nicht schwafelig rüberkommen, versuche also üblicherweise, nicht mehr Worte als notwendig zu verbrauchen.

Das Problem
Meine Zielgruppe sind Männer. Das sind – im Allgemeinen – die Mitmenschen mit der kürzeren Aufmerksamkeitsspanne. Praktisch heißt das: Männer landen auf einem Profiltext und schauen sich zunächst die vorhandenen Bilder an. Erst dann entscheiden sie, ob sie den Profiltext überhaupt eines Blickes würdigen. Falls ja, ist noch lange nicht davon auszugehen, dass sie mehr als die ersten drei Sätze lesen. Danach klicken sie entweder direkt wieder weg oder schauen am unteren Ende des Profils, was frau bei Vorlieben und Abneigungen so angeklickt hat. Alles in allem brauchen sie zum Sichten eines durchschnittlichen Frauenprofils und für die Entscheidung, ob sie in irgendeiner Weise Interesse bekunden sollen, maximal 60 Sekunden.

Anmerkung für Frauen: Wirklich, so ist es! Habt ihr mal einem Mann beim Sichten und Bearbeiten seines vollen Online-Dating-Posteingangs zugeschaut? Ich habe! Unglaublich – so eine Effizienz bei der Auswertung der eingegangenen „Bewerbungen“ stünde vielen von uns im Job gut an! Ich sitze da wirklich nur mit offenem Mund daneben und staune.

Um sicher zu sein, habe ich dann bei einem Herrn nachgefragt; es entspann sich – ungefähr – der folgende Dialog:
Ich: „Was gefällt dir denn am besten an meinem Profil?“
Er: „Die Bilder!“
Ich: „Äh, klar. Aber am Profiltext?“
Er: „Äh… die Bilder…?“
Ich: „TEXT! Das sind die kleinen schwarzen Dinger auf weißem Grund!“
Er: „Ach, das… wo bei dir die Smileys fehlen!“
Ich: „Ja, genau. Du kannst doch lesen, oder?“
Er: „Natürlich. Aber ich lese keine so langen Texte.“
Ich: „Aber mein Text ist doch gar nicht so lang.“
Er: „Äh… na ja. Aber okay, er ist witzig. Das ist schon in Ordnung.“
Ich: „Aber du hättest ihn nicht gebraucht…?“
Er: „Nun ja… nicht so ausführlich….“
Ich: „Aber du hast ihn gelesen?“
Er: „Ich glaube. Also, die ersten drei Sätze bestimmt. Kommt danach noch was Wichtiges?“
Ich: „Nein, sicher nicht. Mach dir keine Sorgen. Da steht nur, dass ich mich bei Vollmond in einen Werwolf verwandele und meine Männer im Keller ankette, um ihnen Grimms Märchen vorzulesen.“
Er: „Cool. Wenn du dabei das Outfit von dem dritten Foto trägst… das mit den roten Strümpfen…“

Anmerkung für Männer: Ich suche euch gleich noch ein Foto raus. Habt noch einen kleinen Moment Geduld.

Anmerkung für Frauen: Sich mit Männern zu unterhalten, ist im Wesentlichen nicht anders, als sich mit Katzen zu unterhalten. Oder mit Bäumen. Die hören ja auch nur, was ihnen passt.

Auswertung des kleinen Dialogs
Das Gute: Mein Gesprächspartner zeigt aufrichtiges Interesse und bemüht sich redlich, meine Fragen zu beantworten. Ich werde mir also Mühe geben, ihn nicht zu vergraulen.
Nicht so gut: Ich möchte nicht, dass Männer nur die ersten drei Sätze und damit nur etwa ein Drittel meines Profiltextes lesen.

Lösungsansätze
Erstens: Der Profiltext muss noch knackiger, komprimierter und lesefreundlicher werden. Aber wie? Aufzählungen mit Spiegelstrichen und Smileys sind keine Option. Der Text muss also immer wieder überprüft und nach Möglichkeit gestrafft werden.
Zweitens: Im Web 2.0 werden ausführliche Beiträge von ungeduldigen Lesern gelegentlich mit „TL; DR“ („Too Long; Didn’t Read“) kommentiert. Was wiederum dazu führt, dass vorausschauende Blogger ihre Beiträge mit einer kleinen Zusammenfassung unter dem Schlagwort „TLDR“ ergänzen, die dem eigentlichen (vermeintlich zu langen) Beitrag entweder vorangestellt wird oder ihn abschließt. Das finde ich einen guten Ansatz, der vielleicht auch dafür taugen könnte, ein Online-Dating-Profil „zielgruppentauglicher“ zu machen. Werde ich mal probieren, denke ich.

Anmerkung für Männer:
Einer von diesen Schuhen, mit denen ich nicht laufen kann (aber toll aussehe!).

Anmerkung für Frauen:
Tut mir Leid, Mädels, aber so ist es. Machts was draus!

TLDR – Zusammenfassung für die Ungeduldigen unter uns
Egal wie kurz eine Frau sich fasst, für einen Mann ist ihr Profiltext wahrscheinlich noch immer zu lang. Das inoffizielle Motto des Profils sollte also „Kasse dich furz!“ sein. Oder so ähnlich. Und Bilder braucht das Profil; Faustregel: Ein Bild pro Textzeile. Mindestens.

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