Grinsekatze geht ins Netz

Dating sollte wie Fußball sein. Oder wie Twitter. Auf jeden Fall mit Katzen, Eisbären und Wollmäusen.

Jetzt sind schon vier von meinen sechs Urlaubswochen rum. Wahnsinn. Eigentlich habe ich mich von Anfang an entspannt und erholt gefühlt – und mich nur gelegentlich ein bisschen gewundert, dass ich so viel schlafen und essen muss und irgendwie nichts geregelt kriege. Von meiner To-Do-Liste mit zehn Hauptanliegen habe ich etwa zweidreiviertel Punkte abgearbeitet. Das ist nicht gerade die beste aller möglichen Ausbeuten. Weder habe ich bei schönem Wetter spontan schöne Ausflüge gemacht, noch bei schlechtem Wetter endlich den Keller aufgeräumt. Ich war zwar zweimal bei Ikea, habe aber die Hälfte der notwendigen Kleinigkeiten vergessen – weil ich es nicht geschafft habe, mir einen Einkaufszettel zu schreiben…

Apropos schreiben… auch da fehlt mir im Moment sowas von der nötige Drang. Schrecklich: Ich habe so viele gute Sachen im Kopf, fürs Blog und auch für eine längere Geschichte, aber ich bin einfach zu unkonzentriert und zu lahm, um auch nur halbwegs in Gang zu kommen.

Zwei Dinge gibt es (immerhin), die diesen Sommer trotz aller Erschöpfung echt gut für mich laufen: Twitter und Online-Dating.

Twitter ist großartig, es erfordert keine sehr große Aufmerksamkeitsspanne – 140 Zeichen pro Meldung kriege ich noch gerade so hin. Und ich werde offenbar besser; meine Tweets, die (überraschenderweise) zum größten Teil von Katzen, Eisbären, Wollmäusen und Online-Dating handeln, werden gelesen… und bekommen Sternchen von anderen Twitterern. Gestern hat ein Tweet von mir zum ersten Mal im Laufe nur eines Tages mehr als 50 Sterne bekommen – boah, war ich stolz!
 


 
Das Online-Dating läuft auch super. Echt. In den letzten Wochen habe ich mehr Männer getroffen als in den knapp 40 Millionen Jahren vorher… und dabei hatte ich noch eine Menge Spaß. So langsam habe ich den Dreh nämlich raus: Der ganze Vorgang, bestehend aus Anlocken (oder Anschreiben) von Männern, längerer oder kürzerer Korrespondenz, dem Planen von Verabredungen und dem Date selbst, macht mir erheblich mehr Vergnügen als Mühe – unabhängig davon übrigens, wie erfolgreich die Treffen dann so laufen.

Und die meisten Dates laufen gut. In letzter Zeit erwische ich zunehmend interessante und liebenswürdige Männer (und einige davon sogar in meinem Alter). Die meisten dieser Männer sind, wenn man sie fragt, auf der Suche nach dem, was sich eben ergibt. Damit meinen sie im Allgemeinen, dass sie sich, wenn es nicht unbedingt nötig ist, nicht auf irgendwas, sei es die Frau oder eine bestimmte Vertragslaufzeit, festlegen wollen. Sie wollen in allererster Linie ihr Vergnügen, je nach Veranlagung und Sozialisation mit wechselnden oder auch wiederkehrenden Partnerinnen. Eine festere Bindung schließen sie nicht grundsätzlich aus, suchen aber, so zumindest meine Erfahrung, auch nicht gezielt danach – was passiert, passiert (und wenn es nicht passiert, ist es auch gut).

Ich habe festgestellt, dass sich das mit meinen Wünschen und Vorstellungen ohne Weiteres in Einklang bringen lässt. Ich bin mittlerweile ein glücklicher Single und friste mein Dasein mit den weltbesten haarigen Mitbewohnerinnen, einem ziemlich unterhaltsamen Job nebst fantastischen Kollegen, dem besten Twitter von allen und noch ein paar anderen „Kleinigkeiten“ wie Familie und Freunden, die mein Leben lebenswert machen. Einen festen Freund hätte ich auf die Dauer schon gerne wieder – nicht unbedingt zum Zusammenleben und so, aber schon als regelmäßigen Bestandteil meines Lebens. Und bis sich da einer findet, der gut für mich ist und für den ich gut bin, habe ich Spaß… in wechselnder Besetzung. Je häufiger ich mir die Chance gebe, einen neuen Mann kennenzulernen, desto höher ist doch die Wahrscheinlichkeit, dass sich einer findet, mit dem es nicht beim Kennenlernen bleibt.
 


 
Nicht dass ich viel Ahnung vom Fußball hätte, aber: Wer gar nicht erst aufs Tor schießt, wird das Tor nicht treffen – darauf können wir uns wohl verständigen. Ein Spieler, der aufs Tor schießt, so oft sich eine Gelegenheit ergibt, auch mal spontan und aus einer eigentlich ungünstigen Position heraus, der wird sicher häufig danebenschießen, immer mal wieder gegen die Latte oder den Pfosten knallen, aber auch von Zeit zu Zeit an einem überraschten und sich nicht rührenden Torwart vorbei einen Treffer landen. Und selbst in den Spielen, in denen aus 35 Torschüssen pro Halbzeit kein einziges Tor entsteht, gibt es für Beteiligte und Zuschauer selten Grund zur Langeweile. Wer immer nur seine Defensive sortiert und auf den perfekten Moment zum Angriff wartet, wartet gelegentlich vergebens… und wird dabei immer langweiliger. Und langweilig möchte ich nicht so gerne sein.
 


 
Wenn sich ein Flirt nach dem ersten Date erledigt hat, dann wird eben ein Auswechselspieler von der Bank geholt, kein Problem. Da sitzen zum Glück meistens ein paar gut trainierte Ersatzmänner und warten auf ihren Einsatz. Und einer von ihnen ist vielleicht noch frei für die Saison, passt auf die freie Position und erweist sich als Volltreffer. Das zeigt sich aber erst im Spiel, denn schließlich suche ich keinen netten, harmlosen Mann, der so schnell wie möglich wieder in eine feste Beziehung möchte: Weil er es nicht anders kennt, weil er sich sonst fürchtet und weil er nicht genau weiß, wie die Waschmaschine funktioniert. Das wäre zu wenig. Zu wenig Abenteuer, zu wenig Spaß, zu wenig Torschüsse.

Ich will lieber einen Hallodri, einen Beziehungsphobiker oder einen Spinner. Einen, der nicht immer sofort den Ball abgibt, sondern auch mal losstürmt – auch wenn er dabei ins Abseits gerät.

Vielleicht einen, mit dem man sich in eigentlich eindeutiger Absicht trifft und eigentlich nur als Vorspiel erst noch in der Kneipe vorher einen Wein trinkt… um dann in einer großartigen alkohollastigen und fußballguckenden Unterhaltung zu versacken und das eigentliche Vorhaben komplett aus den Augen zu verlieren.

Oder auch einen, mit dem das Schreiben zur Vorbereitung des ersten Treffens so perfekt ist, dass das Treffen selbst nur ins Auge gehen kann – um dann dranzubleiben, Missverständnisse je nach Tagesform zu vertiefen oder auszuräumen und nach stundenlanger Diskussion doch wieder im Bett zu landen.

Wenn’s sein muss, auch einen, der von Anfang mehr will, der mich in meiner Unentschiedenheit auf einen unbekannte Pfad lockt, um dann, wenn ich auf den Geschmack komme und langsam bereit bin, mich auf mehr einzulassen, einen vorläufigen (oder endgültigen) Rückzieher einzuleiten, weil er plötzlich auch wieder unsicher ist über das, was er will und kann.

Eine solche Erfahrung ist nicht so richtig lustig, führt sie mir doch mit erschreckender Deutlichkeit vor Augen, dass meine Gefühle noch immer oder wieder dicht unter der Oberfläche liegen und dass jedes Match damit enden kann, dass ich heulend auf dem verlassenen Spielfeld sitze und mich frage, was da eigentlich passiert ist. Aber das ist auch gut so, denn mir geht es – bei allem Spaß und der gebotenen Coolness – nicht um Unverbindlichkeit und möglichst viele Kerben im Bettrahmen (wobei: Ja, es stimmt, ich habe inzwischen ein Verzeichnis angelegt, damit ich nicht durcheinander komme!), sondern um ehrlichen Austausch und das sogenannte wirkliche Leben mit allen seinen Facetten.
 


 
Und mal ehrlich: Wer beim Fußball noch nie heulend vor Wut und Selbstmitleid vom Platz gegangen ist, der hat doch auch nicht wirklich erfasst, worum es beim Fußball geht und was daran so toll ist, oder? Oder?

  

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