Grinsekatze geht ins Netz

Es wird Frühling, Männer und Zugvögel kommen zurück. Und: Tweets, die dann doch nicht das Licht der Welt erblickten.

Es wird offenbar Frühling. Die Temperaturen pendeln sich in den letzten Tagen im einstelligen Plusbereich ein und die ersten Krokusse recken todesmutig ihre Köpfchen aus dem nicht mehr steinharten Erdboden. Was ich, weil es gelegentlich draußen richtig hell wird, sogar sehen kann. Schön.

Auch schön ist, dass vermehrt Männer aus dem Winterschlaf erwachen und sich wieder mit den wichtigen Dingen des Lebens beschäftigen (im Allgemeinen Fußball, Frauen, Bier – die Reihenfolge variiert von Typ zu Typ). In den letzten Tagen sind mir schon ganz unterschiedliche Spielarten des „Mannes im Frühlingsrausch“ begegnet und ich habe mal – nur aufgrund meiner eigenen Erfahrungen – eine kleine Typologie erstellt (und erste Vorschläge zur Behandlung der auffälligsten Symptome erarbeitet).

Typ 1: Der verirrte Zeitreisende
Gibt sich nach durchaus ergiebigem Mailen mit Anspruch und viel gegenseitiger Sympathie unendlich viel Mühe, frau schon beim ersten Date auf charmante Weise ins Bett zu kriegen. Hört sich dafür stundenlang ihre mäßig lustigen Geschichten an, zahlt ihre sämtlichen Caipirinhas sowie zuckerfreie Red Bulls und tut geradezu verliebt. Stellt sich im Bett gar nicht mal ungeschickt an, kommt auch – eigenen Aussagen zufolge – voll auf seine Kosten. Verabschiedet sich mit dem Subtext „Dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“… um am nächsten Tag nichts von sich hören zu lassen. Auf Nachfrage dann zwei Tage später der Hinweis, für einen Kontakt mit gelegentlichem Drübersteigen und sonst nichts sei er sich zu schade. Frau unterdrückt nur mühsam den Drang, sich mit einem Tweet

„Irgendwas mit Männern, Sex beim ersten Date, Doppelmoral, Heuchelei und: Ich prangere das an!“

Luft zu machen.
Diesem Typ Mann hilft man am besten, indem man ihm zeigt, wo er seine Zeitmaschine geparkt hat, und ihn in die 60er-Jahre (welchen Jahrhunderts auch immer) zurückschickt.

Typ 2: „Mein Kopfkino hat einen Filmriss“
Mann präsentiert ein ansprechendes Profil, schickt ein Foto, auf dem er ganz attraktiv rüberkommt, freut sich über eine ermutigende Antwort auf seine Erst-Nachricht – und möchte sich am liebsten noch am selben Abend treffen. Das passiert meistens so gegen 23 Uhr am Sonntagabend, wenn frau mit Haarkur und Gesichtsmaske in dicken Socken auf dem Sofa sitzt und die Zeit zwischen Tatort und Schlafengehen mit dem Surfen auf fremden Männerprofilen überbrückt. Auf den freundlichen Hinweis, heute sei es nicht so gut für ein spontanes Treffen, kommen eine enttäuschte Antwort und die nächste Frage: „Dann morgen? Wann passt es bei dir? Wo wohnst du? Ich komme vorbei.“ Frau sagt, freundlich: „Morgen passt es auch nicht. Überhaupt treffe ich mich erst mit Männern, wenn sie mein Interesse ein bisschen geschürt haben. Mach mal ein bisschen Werbung für dich!“ Mann schreibt, leicht verwirrt: „Häh? Und nächste Woche?“ Frau, leicht ungehalten: „Erzähl mir was von dir, was meine Fantasie in Gang bringt!“ Mann, sehr verwirrt und ebenfalls leicht ungehalten: „Ich habe keine Fantasie, wenn ich vor dem Rechner sitze. Dazu müsste ich vor dir sitzen. Sorry.“ Frau schreibt keinen Tweet über

„Männer, die internetsüchtige Frauen anbaggern und dann nicht mal Mails schreiben wollen. In meinem Posteingang. Dauernd.“

Diesem Typ Mann hilft man manchmal sehr effektiv, indem man ihn auf das sogenannte wirkliche Leben und die Möglichkeit, Frauen offline zu treffen (z. B. beim Single-Abend im Supermarkt oder beim Makramee-Kurs in der Volkshochschule), aufmerksam macht.

Typ 3: Der notgeile Draufgänger
Bestimmt ohne eigenes Zutun ist Mann in die Situation geraten, viel zu lange keinen Sex gehabt zu haben. Trotz eines eigentlich ansprechenden Profils und untadeliger Optik macht er nur Komplimente für aufreizende Fotos und liest allerhöchstens das Motto, nicht aber den mehrzeiligen Profiltext einer Frau, bevor er sie anschreibt. Spätestens in der dritten Mail wird er direkt: „Willst du vögeln, du heiße Frau? Ich bin schon viel zu lange ohne Sex.“ Frau überlegt kurz, ob sie im Männerprofil eine Haftanstalt als vorübergehenden Aufenthaltsort überlesen haben könnte. Ein kurzer Chat mit eingeschalteter Webcam zeigt aber, dass Mann sehr wohl ein Heim hat und eben einfach – warum auch immer – an nichts anderes denken kann als an Sex. Mit wem auch immer. Frau verkneift sich einen Tweet

(„Was nicht fehlt: Männer, die bestimmt 100 unanständige Synonyme für Beischlaf kennen – und zu faul sind, mehr als eins davon zu benutzen.“)

und denkt darüber nach, wie sie aus dieser Geschichte möglichst schnell wieder herauskommt.
Frau sollte nicht versuchen, diesem Typ Mann zu helfen. Einfach ignorieren.

Typ 4: Der sympathische Rumschwafler
Ein eigentlich netter Kerl, mit dem man wochenlang Nachrichten schreiben kann, und zwar über jede noch so belanglose Kleinigkeit des Lebens. Mal mehrere Nachrichten täglich, dann wieder ein paar Tage gar nicht. Er ist nicht begriffsstutzig, kann um die Ecke denken, versteht auch sehr dezente Anspielungen – und lässt sich trotzdem nicht aus der Reserve locken. Schreibt total entspannt übers Wetter, über Flora und Fauna, auf Wunsch sogar über An- und Auszügliches und kommt einfach nicht auf den Punkt. Oder irgendeinen Punkt. Frau findet ihn sympathisch, aber leider kein Stück mysteriös. Versucht gar nicht erst, ihn zu irgendeiner deutlichen Äußerung zu drängen, sondern verbucht ihn im Geiste als „Für wenn mal gar kein anderer mehr da ist!“ Nicht mal zu einem Tweet wie

„Was macht man denn mit einem Mann, der über Bienchen und Blümchen redet und auch Bienchen und Blümchen meint? Frage für eine Ungeduldige.“

reicht es.
Diesem Mann muss möglicherweise gar nicht geholfen werden. Oder vielleicht doch; die Medikation sollte aber nur unter Aufsicht eines Facharztes geändert werden.

Typ 5: Der Möchtegern-Pornostar
Baggert per Mail und per Chat wie ein Großer. Nichts ist ihm unständig, sündig und verrucht genug. Alles, was frau tut oder auch nicht tut, löst bei ihm eine – laufend kommunizierte – Dauergeilheit aus, die er kaum noch kontrollieren kann. Da er davon abgesehen einen zugewandten und zivilisierten Eindruck macht und frau nicht grundsätzlich was dagegen hat, dass ein Mann auf ihre Reize reagiert, kommt es relativ bald zu einem Treffen. Für das frau sich – auf seinen Wunsch – in ihre schönste Wäsche und die High Heels kleidet, die er auf ihren Fotos so bewundert hat. Nach der Ankündigung, wie sehr er sich freue, es ihr jetzt richtig besorgen zu können, reißt er sich seine Jeans vom Leibe – und stolziert im knallroten Tanga vor ihr auf und ab. Frau unterdrückt ihren Drang, über diese überraschende Entwicklung zu twittern, und lässt sich statt dessen aufs Bett werfen. Der Tanga fliegt zu Boden und der Mann präsentiert… äh… Frau kneift die Augen zusammen, um besser sehen zu können, und sieht… was Kleines, Weißes, Zusammengerolltes. Denkt: „Bratwurstschnecke!“ Sagt nichts. Zeigt Verständnis. Lässt sich sogar auf sowas wie Kuscheln (igitt!) ein. Stunden später, die Reizwäsche ist längst ausgezogen und das Licht gelöscht, kommt Mann dann endlich doch in Gang. Macht seine Sache noch nicht mal schlecht, wenn auch auf arg emotionale und anhängliche Weise. Macht frau am nächsten Morgen mehr oder weniger einen Antrag – um anschließend auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Frau twittert wieder nicht

(„Hätte ich geahnt, dass dem Typen seine Impotenz so peinlich ist, dass er untertaucht, hätte ich ihm nicht noch die Pfandflaschen mitgegeben.“)

und streicht die vegetarischen Würstchen für die nächsten Wochen vom Speiseplan.
Dieser Typ Mann braucht dringend Hilfe. Von wem auch immer. Man kann auch wirklich gut mit ihm reden. Aber lasst ihn bloß nicht – niemals nicht! – die Jeans ausziehen.

Gut, da ich nicht großkotzig (und/oder wahllos) wirken möchte, höre ich jetzt mal auf. Aber da, wo diese fünf Typen in den letzten Wochen hergekommen sind, lauern noch einige… und es werden täglich und mit jedem Sonnenstrahl mehr. (Auf Wunsch sicher auch in eurem Posteingang.) Es besteht also die Chance, dass diese Serie in Kürze fortgesetzt wird. Für Hinweise und Tipps, was Haltung und Pflege von Männer im Frühlingsrausch angeht, bin ich wie immer empfänglich. Und die unveröffentlichten Tweets suchen auch noch ein schönes Heim.

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