Grinsekatze geht ins Netz

Grinsekatze feiert: Ein Jahr Online-Dating (Hoch die Tassen!)

In diesen Tagen feiere ich mein einjähriges Online-Dating-Jubiläum. Es ist eigenartig; einerseits kann ich mich noch bestens an meine Gedanken und Gefühle rund um meine Anmeldung im „Funclub“ erinnern (‚“als wäre es gestern gewesen!“), andererseits habe ich den Eindruck, dass mein Leben und ich uns seitdem mehrmals um die jeweils eigene Achse, umeinander und durch den Wolf gedreht haben – und dass fast alles irgendwie ein bisschen anders geworden ist.

 
Vor etwas mehr als einem Jahr lebte ich in dem Glauben, dass ich wahrscheinlich nie wieder einen Mann kennen lernen würde, der mich genug interessiert, um eine wie auch immer geartete Anstrengung zu unternehmen, ihn irgendwie in mein Leben zu integrieren. Das offizielle Ende meiner letzten Beziehung – „aus technischen Gründen“ – lag zu diesem Zeitpunkt eineinhalb Jahre zurück, aus meinem langjährigen Liebhaber war mein bester Freund geworden. Der Schock über diese erzwungene Umstellung war so langsam verarbeitet – und mit „verarbeitet“ meine ich „einer tief sitzenden Erschöpfung gewichen“. Mit Mitte dreißig war ich verliebt, optimistisch und hüpfenden Schrittes in diese Beziehung hineingegangen, zehn Jahre später kam ich wieder raus und fühlte mich schlapp, verbraucht und seltsam getrennt von meinem Gefühlsleben. Schlimm genug an sich, aber das Schlimmste war: Resignation. Ich hatte keine Idee, wie ich die Situation ändern könnte.
 
Obwohl ich, so glaube ich zumindest, in meinem Unglück nicht direkt unauffällig war (ich konnte, wenn auch gefühlsmäßig distanziert, ohne Weiteres darüber sprechen), hat mir aus meinem grundsätzlich empathischen Umfeld niemand jemals vorgeschlagen, es doch mit Online-Dating zu versuchen. Nicht mal die Bekannten und Freunde, die damit tatsächlich schon selbst Erfahrungen hatten!
Warum? Und warum ergeben aktuelle Studien in Deutschland, dass jede/r vierte Erwachsene bereits Erfahrungen mit dem Online-Dating hat, während sich in meinem nicht direkt kleinen Freundes- und Bekanntenkreis gerade mal sechs Personen dazu bekennen?
 
Woher die Idee in meinem Kopf dann plötzlich kam? Keine Ahnung. Ich hab’s auch vorher niemandem erzählt (anders als im Roman hat Claudi sich nämlich nicht auch dort angemeldet- sie hat erst einige Tage später von meiner Aktion erfahren!) , sondern mir heimlich still und leise ein paar Webportale angeschaut, auf denen verschiedene Dating-Sites verglichen wurden, in einige Seiten reingeschaut und mich dann für eine entschieden. Dass dieses Forum von vorneherein einen klaren Schwerpunkt auf Erotik setzt (statt auf Partnerschaft und Dating wie die meisten Portale, die „einen besseren Ruf“ haben), störte mich keineswegs, im Gegenteil. Ich sah mich zu der Zeit nicht als Single, hatte mich emotional noch nicht von meinem Ex-Freund gelöst und war in erster Linie auf der Suche mehr nach einem Bett- als nach einem Lebenspartner.
 
Das Schreiben meines ersten Profiltextes war eine aufregende Sache; die Frage „Wen will ich ansprechen und was muss ich dafür von mir mitteilen (und was lieber nicht?)“ stellt man sich ja im Privatleben sonst nicht häufig! Noch lustiger war die Frage, was für Fotos ich hochlade! Die Bilder, für die ich mich dann entschied, musste ich erst machen, und zwar höchstpersönlich mit der Digicam und dem Selbstauslöser, den ich vorher noch nie benutzt hatte. Reizvolle Klamotten mit der richtigen Dosis Einblick fanden sich auch erst nach längerem Suchen in den Tiefen des Kleiderschranks. Einen ganzen Abend verbrachte ich damit, mich in Szene zu setzen und dabei möglichst verführerisch und nicht zu blöd bzw. billig auszusehen. Erstaunlicherweise waren diese ersten Fotos gar nicht so schlecht. Und die Aktion machte unheimlich Spaß, so dass ich mein Profil schließlich sehr aufgeregt, aber auch sehr optimistisch vervollständigte und ins Netz hochlud! Die ersten Reaktionen (Komplimente für die Fotos und die Texte inklusive) lagen schon am nächsten Morgen vor. Allein die Erfahrung, dass ich, die ich wegen meiner weithin sichtbaren Attribute „schlau, fett und extrem eigensinnig“ mein Leben lang als „schwer vermittelbar“ galt (nämlich nur an Männer mit „special interest“, von denen ich aber wenige getroffen habe und noch weniger selbst attraktiv fand), plötzlich ins Beuteschema mehrerer Männer gleichzeitig passte und sozusagen freie Auswahl hatte, war absolut unbezahlbar.
 
Das Thema dieses Artikels ist ein anderes: Ich möchte hier und jetzt eine Lanze für das Online-Dating brechen. Es ist einfach, es ist bezahlbar und es macht Spaß! Man fängt einfach damit an und entwickelt seine Strategien durch Versuch und Irrtum weiter. Für fast alles gibt es im Zweifelsfall eine zweite oder dritte Chance. Es ist unglaublich gut für das Selbstbewusstsein, als Frau muss man fast nichts tun, um tolle Zuschriften von tollen Männern zu bekommen. Man kommt ganz leicht ins Gespräch mit Menschen, die man im wirklichen Leben niemals getroffen hätte (oder bei denen man nicht auf die Idee gekommen wäre, dass sie vielleicht auch auf der Suche und sogar interessiert sind). Man hat alle Fäden selbst in der Hand und entscheidet individuell, wie viel Engagement und Emotion man ins Suchen, ins Gefundenwerden oder einen speziellen Kontakt investieren möchte.
 
Ich persönlich habe mit ziemlich vielen Männern online korrespondiert. Mit manchen freundschaftlich, mit anderen sehr lustig und mit einigen wenigen eher knapp. Mit bisher sieben Männern hat sich tatsächlich so etwas wie ein echtes und gegenseitiges Interesse entwickelt, mit sechs von diesen sieben Typen habe ich mich dann tatsächlich getroffen. Mit drei von diesen Männern war nach dem ersten Date Schluss (das ist nachzulesen in der Grinsekatze) mit den anderen drei Männern nicht (das ist auch nachzulesen bzw. wird es in Bälde sein). Einer von ihnen hat mir ziemlich den Kopf verdreht – das ist auch ziemlich klasse! Mein Fazit nach einem Jahr lautet also: Ich fühle mich zuversichtlich, lebendig, glücklich, traurig, hysterisch (manchmal alles gleichzeitig!) und bin einfach wieder da! Ich probiere tausend neue Dinge aus, für die ich vor zehn Jahren zu verklemmt und unsicher war. Ich spreche und vor allem: schreibe über alles, was mich bewegt – und vielleicht ist das sogar noch besser als der verdrehte Kopf. Schreiben wollte ich immer, mein Leben lang – und jetzt mache ich es endlich! Das wäre ohne das ganze Material, das mir durch das Online-Dating in den Schoß fällt, vermutlich nicht passiert…
 

Online-Dating ist sicher kein Allheilmittel für jeden Kummer dieser Welt. Mir persönlich hat es eine Möglichkeit eröffnet, mein Leben nach einer ziemlichen Flaute frisch und positiv zu sortieren, mich selbst ein bisschen neu zu erfinden (erst im Netz, dann auch im wirklichen Leben) und ein paar lange vorhandene und nie gelebte Ideen noch mal genauer zu betrachten und zum Teil zu verwirklichen. Zum Feiern meines einjährigen Online-Dating-Jubiläums habe ich also jeden Grund – hoch die Tassen! Und drei neue Kapitel gibt es auch.

 

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