Grinsekatze geht ins Netz

Grinsekatze packt aus: Auch ich bin onlinesüchtig.

Hallo. Ich heiße Grinsekatze – und bin onlinesüchtig. Jawohl, ich auch. Und das, obwohl ich als Frau und im stolzen Alter von 47 gar nicht so richtig zur Zielgruppe dieser Sucht gehöre. Ich habe auch einen Job, den ich die meiste Zeit echt toll finde, und ebensolche Freunde im so genannten realen Leben. Trotzdem: Ich bin ganz klar onlinesüchtig, die wesentlichen Kriterien (Eingenommensein vom Internet, Unfähigkeit zur Abstinenz, Toleranzentwicklung, Entzugssymptome) sind nicht zu übersehen.

 
Ich bin nämlich sehr vom Internet eingenommen, halte es sozusagen für die beste Erfindung seit Katzenfutter in Dosen. Freiwillige Abstinenz kommt praktisch nicht mehr vor; wenn ich nicht per Büro-Rechner, Heimat-Laptop oder Unterwegs-Notebook online bin, ist mein internetfähiges Smartphone im Einsatz – und das schalte ich nur in Flugzeugen, beim Arzt und im Theater aus (dort vor allem, damit die Bühnentechniker nicht plötzlich meine Twitter-Timeline auf ihrem Funkkanal haben!). Sonst bestenfalls (und um netten Offlinern einen Gefallen zu tun): lautlos. Toleranzentwicklung, das „Mehr ist mehr“-Gefühl, ergibt sich aus der Menge der morgens abgegebenen Kommentare in sozialen Netzwerken und Blogs, bei denen im Laufe des Tages überwacht werden muss, ob sie ihrerseits wieder kommentiert werden. Über die Entzugssymptome in den Momenten, in denen ich zwangsweise über eine längere Zeit offline sein muss, möchte ich hier nicht sprechen, aber glaubt mir: Es gibt sie und sie sind kein schöner Anblick!
 
Bei den von Fachleuten in Aussicht gestellten negativen sozialen Konsequenzen bin ich nicht ganz sicher. Ich verspüre eigentlich keine, aber vielleicht meine Mitmenschen? Immerhin sind manche von ihnen hochgradig irritiert, wenn z. B. ein gemeinsames Mittagessen damit beginnt, dass ich bei Foursquare einchecke und dabei entweder jubele (weil ich gerade Bürgermeister des öffentlichen Klos am Hauptbahnhof geworden bin) oder fluche (weil mir der Bürgermeistertitel gerade weggeschnappt wurde oder – noch schlimmer – das blöde GPS nicht funktioniert und ich nicht einchecken kann!). Oder weil ich in einer Gesprächspause plötzlich anfange zu kichern, um dann auf Nachfrage zu erklären: „Gnihihi. Der @bako 13 hat heute getwittert: ‚Der Erfinder der Autokorrektur ist ein Armschlauch!‘ Gnihihi!“).
 
Positive soziale Konsequenzen gibt es auf jeden Fall: Nicht nur beim Online-Dating (da aber natürlich auch!) habe ich großartige neue Kontakte geknüpft. Einige davon bleiben online, andere halten auch in mein Offline-Leben Einzug. Bereichern tun mich beide Gruppen gleichermaßen. Leider habe ich noch nicht viele Online-Süchtige meines Alters getroffen; meine Generation dominieren die „Ich nutze das Internet schon beruflich den ganzen Tag, privat will ich diesen Zeitfresser nicht“-Sturköpfe und natürlich die Internet-Ausdrucker (die nur dann zu entschuldigen sind, wenn ihr Geburtsdatum nachweislich vor 1945 liegt). Onlinesucht betrifft größtenteils Personen, die mindestens zehn Jahre jünger sind als ich. Immerhin (!) sind aber die meisten von ihnen Männer, was ja – wenn man das Ganze vom „Online-Dating ist überall“-Standpunkt aus betrachtet – nicht weiter schlimm ist.
 
Mit der Onlinesucht ist einiges anders geworden: Vorbereitungen für Reisen und Ausflüge ins Grüne drehen sich nicht mehr um den Wetterbericht und darum, ob man Gummistiefel, Bikini und/oder Handschuhe mitnimmt, sondern um die Frage, ob es „da“ wohl WLAN gibt und wo ich den Smartphone-Akku aufladen kann (und im Zweifelsfall nehme ich dann mein Netbook mit. Nicht, um online zu gehen oder ein Grinsekatzen-Kapitel zu schreiben, sondern um daran unterwegs den Handy-Akku zu laden). Wenn jetzt jemand sagt, dass diesem Verhalten der Geschmack von Besschaffungskriminalität anhängt, widerspreche ich nicht.
 
Mein Leben hat sich aber auch dahingehend verändert, dass ich kreativer geworden bin. Diese Website gäbe es – logisch! – nicht ohne Internet. Sicher hätte ich meine persönliche Geschichte des Online-Datings auch „ganz normal“ schreiben können – aber dann läge jetzt vermutlich ein weiteres halbfertiges und von niemandem gelesenes Romanmanuskript in meiner Schublade.
 
Vernachlässigt habe ich bisher außer dem Fernsehprogramm nicht vieles, glaube ich. Doch, eins vielleicht: Kochen und essen. Seit ich meine freien Abende gerne im Internet verbringe, habe ich so ganz nebenbei zwei bis drei Kleidergrößen an Umfang verloren. Was aber auch nicht direkt ein Problem darstellt ;-)
 

Mein Fazit: Onlinesucht gefällt mir! Zumindest meine persönliche. Und empfehlen und teilen würde ich sie auch. Mit euch. Wenn ihr denn wollt. Ach ja, und die Kapitel 26 und 27 habe ich auch fertig.

 

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