Grinsekatze geht ins Netz

Ich bin nicht dick. Ich bin eine Wuchtbrumme.

Ich kann mich noch nicht so richtig entscheiden, ob ich diesen Artikel mit dem Satz „Ich bin eigentlich fast mein Leben lang dick!“ oder mit „Ich habe ja im letzten Jahr ziemlich viel abgenommen!“ beginnen soll. Beides stimmt. Was aber definitiv nicht stimmt, ist, dass in jeder dicken Frau eine dünne darauf wartet, endlich befreit zu werden. In mir zum Beispiel steckte eine Wuchtbrumme, die es jetzt endlich an die Oberfläche geschafft hat.

 

Die dünne Frau ist ein Mythos, ein ziemlich vergänglicher.
 
Ich kenne viele glückliche dicke Frauen. Keine von ihnen ist besonders glücklich darüber, dick zu sein, aber sie alle haben festgestellt, dass der Stress, den die ständige Sorge darüber, nicht irgendeinem Schönheitsideal zu entsprechen, und die daraus resultierenden Versuche, das Gewicht zu kontrollieren, schwerer wiegen als die positiven Effekte der (meist vorübergehenden) Gewichtsreduzierung.
 
Die meisten von ihnen sind früher oder später an den Punkt gekommen, an dem sie beschlossen haben, dass sie sich davon nicht den Tag oder gar ihr Leben versauen lassen wollen. Weil’s nämlich niemandem hilft. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass dieser Moment, in dem eine Frau denkt: „Okay, ich bin dick. Das ist an sich unpraktisch genug, denn meine Jeans sehen unangezogen aus wie Viermannzelte und angezogen schlicht so, wie Jeans nicht aussehen sollten. Außerdem fangen meine Knie und mein Rücken an, sich zu beschweren. Und meine Sitznachbarn im Flugzeug hassen mich (aus Gründen). Ich esse gern und oft zu viel. Ich kriege es nicht hin, dauerhaft abzunehmen – nennt mich willensschwach! Das alles macht mich nicht zu einem schlechteren Menschen. Ich möchte mein Leben nicht damit verbringen, heimlich zu essen und möglichst unauffällig aufzutreten.“
 
Der Satz, den wir unseren ignoranten kleinen Brüdern und impertinenten Schulfreundinnen jahrelang mit Inbrunst vor den Latz knallen – „Ja, ich bin dick. Aber ich kann abnehmen – und du wirst dann immer noch doof sein.“ – dieser Satz entspricht leider nicht den Tatsachen. Wir können nicht einfach unsere Willenskraft zusammenkratzen und abnehmen. Bestenfalls reicht die Energie für eine Periode des Entsagens und Verkneifens; in dieser Zeit wird so viel Druck aufgebaut, dass an ein Halten des mühsam ertrotzten geringeren Gewichts nach dem Abschluss der Diät gar nicht zu denken ist. Zu komplex sind die Zusammenhänge zwischen Sehnsucht, Hunger, Selbstablehnung und dem dringenden Bedürfnis, „sich selbst etwas Gutes zu tun“ – an jeder Station des selbstgebauten Teufelskreises gibt es mindestens eine Möglichkeit, falsch abzubiegen und prompt einen Fress-Flash zu kriegen.
 
Viele von uns stellen – vor allem in jüngeren Jahren – fest, dass sie genau die Jungs/Männer, die sie selbst interessant und attraktiv finden, nicht kriegen. Dafür zeigen aber Typen Interesse, mit denen wir nicht mal zusammen im Supermarkt gesehen werden wollten (Welche Sechzehnjährige freut sich schon, wenn man sie „Rasseweib“ nennt?). Auf diese Weise sozialisiert, kommt uns der Gedankengang „Wer an mir Interesse zeigt, kann ja nicht alle Tassen im Schrank haben – also will ich auf keinen Fall was von ihm!“ zumindest zeitweise ganz logisch vor.
 
Wenn wir ganz viel Glück haben, ändert sich das irgendwann mit den Jahren und wir kommen an den Punkt, an dem wir a) mit unserer Figur und uns halbwegs im Reinen sind und b) nicht grundsätzlich jedem Mann, der Interesse an uns zeigt, einen Rubens-Fetisch unterstellen. Zum Beispiel weil wir merken, dass wir erfolgreich und beliebt sind (und dazu noch eine unwiderstehlich dreckige Lache haben und keine Angst davor, dass man auch mal über uns lacht). Oder weil uns ein einziger toller Mann glaubhaft versichert, dass er uns unabhängig von unserer Körbchengröße großartig findet. Oder weil wir merken, dass wir zumindest versuchen können, unsere Essstörung unabhängig von vielen anderen offenen Fragen zu betrachten.
 
Eine Kombination dieser Erkenntnisse und noch ein paar andere Kleinigkeiten haben es bei mir im Laufe des letzten Jahres tatsächlich geschafft, dass ich ohne besondere Anstrengung ganz gut abnehmen konnte. Keine Ahnung, wieviel – ich besitze keine Waage – aber ungefähr drei Kleidergrößen. Dünn bin ich damit noch lange nicht, aber ich passe – nach einer langen Zeit in den verhassten Übergrößen – jetzt wieder in normale Klamotten. Und werde – aus Gründen! – versuchen, diesen Winter ausschließlich kurze Röcke zu tragen (auch wenn es Gefrierbrand am Hintern geben sollte); die Jeans, die ich letzten Winter getragen habe, mag ich nämlich nicht mehr sehen. Das ist aber auch schon die größte mit dem Gewichtsverlust einhergehende Veränderung. Ansonsten bin ich derselbe Mensch, dieselbe Frau wie vorher. Vielleicht etwas couragierter, aber im Wesentlichen ganz genau die, die ich war. Sexy war ich auch vorher schon, wenn auch vielleicht nicht so offensiv sexy. Kar, dass die tollen Typen, mit denen ich so zu tun habe, vor allem meine Kurven mögen – seit ich als Arbeits-Hypothese in den Raum gestellt habe, dass ich eine Wuchtbrumme bin und dass das eben so gehört. Die Männer finden das gut und lustigerweise machen sie sich höchstens Sorgen, dass ich zu dünn werden könnte! Was natürlich ballaballa ist und sehr charmant.
 
Diät ist nicht nur ein schmutziges Wort.
 
Ich weiß ja noch nicht einmal mit Sicherheit, ob ich nicht vielleicht doch irgendwann wieder dick werde. Im Moment glaube ich, dass ich den schützenden Fettpanzer nie wieder brauchen werde, aber wissen kann ich das doch nicht! Aber selbst wenn es so ist (und ich eines schönen Tages wieder Jeans in Viermannzeltgröße trage): Ich bin derselbe Mensch und dieselbe Frau. Ich bin nicht besser und nicht schlechter, nur weil ich dünner oder dicker bin. Nur eben dünner oder dicker. Und ihr könnt im Umgang mit mir auch einfach dieselben Menschen bleiben, dünner oder dicker, wie es bei euch gerade angesagt ist.
 
Übrigens: Wenn ich bei einer dieser angeblich manchmal vorbeikommenden guten Fee einen Wunsch frei hätte, würde ich mir statt der Gewissheit, nie wieder richtig dick zu werden, viel dringender wünschen, dass meine Haare nicht grau würden. Denn das ist was, wovor es mich wirklich ernsthaft gruselt – und ein anderes Thema, auf das ich eventuell zu einem anderen Zeitpunkt ausführlich zu sprechen kommen werde.
 

Hier ist die vorletzte Portion der Grinsekatzen-Story (Kapitel 36 und 37). In der nächsten Woche erwartet uns dann das große Finale. Ich bin schon so gespannt, wie die Geschichte ausgehen wird…

 

Kategorie: Persönliches

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