Grinsekatze geht ins Netz

Ist es was Ernstes? Nein, es ist Online-Dating!

Im sogenannten wirklichen Leben dreht sich ja beim Kennenlernen eines eventuellen neuen Partners und wenn es tatsächlich „ernst“ wird, vieles um die Exklusivität. „Warum soll ich denn noch andere treffen, wenn ich dich habe?“ versichert man sich und: „Mit den anderen und mehreren gleichzeitig, das war, bevor ich dich kannte.“ Zweisamkeit ist automatisch auch Ausschließlichkeit. Wer verliebt ist, braucht nur noch das Objekt der Verliebtheit und sonst nichts mehr. Kein Essen, kein Fernsehen, keine Frauen- bzw. Männerabende – und erst recht keine weiteren potenziellen Partner. Für die nächsten drei bis vierundzwanzig Monate zumindest. Wer zu schnell wieder fragt, was es zum Mittagessen gibt, der war gar nicht ernstlich verliebt.

Allein das erklärt, warum ich im Grunde nie eine ernsthafte Beziehung hatte: Ich denke eigentlich immer ans Essen. Sogar beim Sex und wenn dieser sich vorteilhaft entwickelt, geht mir manchmal die Frage durch den Kopf, ob zu Hause noch Brot ist und was ich da wohl draufmachen könnte, wenn ich nachher nach Hause komme. Das tut dem Sex übrigens keinen Abbruch. Wenn in meinem Leben Platz für Romantik ist, dann nach dem Sex, viel später, mit den Katzen und einem Käsebrot in der Küche. Hach.

Da mir nachweislich die sittliche Reife für den Ernst des Lebens in der Liebe fehlt, war ich auch nicht sonderlich beunruhigt, als ich in der Singlebörse lernte, dass Exklusivität und verliebte Ausschließlichkeit gar nicht wünschenswert sind. Zu Beginn meiner Online-Dating-Karriere konzentrierte ich mich eine Weile tatsächlich immer nur auf einen Mann, mit dem ich eine Weile schrieb und dann ein erstes Treffen plante. Zum Teil aus Unsicherheit und weil ich meine peinlichen Anfängerfehler nicht breiter streuen wollte als notwendig, aber zum Teil auch aus „Gründen der Fairness“, in leicht umnachteter Naivität davon ausgehend, dass Männer ebenso verfahren und meine Enthaltsamkeit gutheißen.

Schön blöd, wie ich bald bemerkte. Die Männer, mit denen ich es zu tun bekam, flirteten nicht nur nicht nur mit mir, nein, sie fanden es auch überhaupt nicht schön, wenn ich meine Aufmerksamkeit nur ihnen widmete. Im Gegenteil, sie fühlten sich davon eher eingeengt und unter Druck gesetzt.

„War geil mit uns“, bekam ich zu hören. „und wir müssen uns unbedingt wiedersehen. Aber du siehst doch auch andere Männer zwischendurch, oder?“ „Ja, natürlich“, lernte ich darauf schnell zu erwidern.“Diese Woche noch zwei und für nächste Woche habe ich so viele Anfragen, dass ich noch überhaupt nicht weiß, wie ich die Typen alle treffen soll.“

Was meistens sogar stimmt. Seit mein Singlebörsen-Profil halbwegs ziemlich authentisch ist und somit hinreichend abenteuerlustig rüberkommt, interessieren sich weit mehr Männer für mich als in den vierzig Millionen Jahren vorher. Nicht alle dieser Männer kommen auch mir interessant vor, aber es gibt durchaus eine mit bloßem Auge sichtbare Schnittmenge… man lernt ja dazu, was die zielgruppengerechte Profilgestaltung angeht! Es gibt also Zeiten, in denen ich die gesteigerte Nachfrage unter Einhaltung des Prinzips der seriellen Monogamie nicht befriedigen kann. Entsprechend schreibe ich mittlerweile doch, wenn es sich gerade so ergibt, mit mehreren Männern parallel und plane auch die Dates so, wie sie sich halbwegs sinnvoll umeinander herum gruppieren lassen.

Die Männer machen es ja schließlich genauso. (Vorausgesetzt, sie kriegen auf ihre Zuschriften überhaupt Antworten und es gibt mehr als eine Frau, die sich mit ihnen treffen will.)

Das Mehrfachdating funktioniert auch ganz gut, wenn man nur fest genug an zwei Dinge glaubt:
• Erstens: Dating an sich ist eine gute Sache, macht Spaß und bereichert das Leben, unabhängig vom Ergebnis.
• Zweitens: Falls irgendwann mal der EINE UNTER TAUSENDEN dabei sein sollte, mit dem es wirklich (so wie im wirklichen Leben) passen könnte und mit dem man sich mehr (also etwas fast Ernstes) vorstellen könnte, DANN WERDE ICH DEN SCHON BEMERKEN! UND ER MICH AUCH!

Erstens ist übrigens kein Problem: Dating macht Spaß, ist gut fürs Selbstwertgefühl und trainiert das Feingefühl, die Beckenbodenmuskulator sowie den Sinn für Situationskomik.

Bei Zweitens bin ich nicht ganz so sicher: Ab und zu ist zwischen den Männern, mit denen ich es zu tun bekomme, mal einer dabei, von dem ich denke: „Och, der wäre aber ein ganz guter Fang.“ Um mich sofort selbst zur Ordnung zu rufen: „Fangen? Du willst doch niemanden fangen! Vielleicht noch zähmen, was? Haha. Nimm doch gleich das elendige ‚Wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen!‘ als Motto für dein Singlebörsenprofil – und schau mal, ob dir dann noch einer schreibt!“ Verdammte Schere im Kopf. Aber recht hat sie natürlich. Mit dem „Kleinen Prinzen“ und pseudoromantischen Besitzsanspruchsbegrifflichkeiten kommen wir nicht weiter. – Wo war ich? Keine Ahnung! Und das, GENAU DAS, ist das Problem!

Die Menge macht es. Die Menge macht was? Mich wahnsinnig. Zum Beispiel.

Im Moment habe ich drei Profile bei zwei Singlebörsen. Und denke über ein viertes (bei einer dritten Singlebörse) nach. Jedes Profil hat zwischen drei und fünf „Favoriten“ mit mehr oder weniger regelmäßigem Mail- oder Real-Kontakt. Mal kommt einer dazu oder ein anderer verabschiedet sich. Schizophrene Momente ergeben sich regelmäßig, wenn mich ein Typ, den ich von einem meiner Profile kenne, auf einem anderen auch anschreibt (meistens ohne zu wissen, dass er mich schon kennt). Noch etwas beknackter finde ich mich, wenn ich jemanden, zum Beispiel weil er raucht oder kein Single ist, auf meinem „Ganzjahresprofil“ nicht haben will, ihn aber trotzdem interessant finde und überlege, wie ich ihn elegant an eine meiner Nebenpersönlichkeiten weiterschieben kann…

Aber mein größtes Problem ist die schiere Anzahl von Männern, mit denen ich zu tun habe. Bei jedem einzelnen halte ich es schließlich zu Beginn für möglich, wenigstens ein bisschen, dass er „derjenige welche“ sein könnte – und kann nur hoffen, dass er das dann, gegebenenfalls, auch sein möchte. Also für mich und in diesem Leben. Ohne Erfolgsdruck und ohne Verbiegen. Einfach so, weil es sich ergibt.

Wenn wir davon ausgehen, dass die Männer beim Online-Dating ähnlich vorgehen, hängen an jedem meiner Favoriten um die zehn Frauen, die auch wiederum jeweils mit zehn Männern parallel zu tun haben, die auch wieder… Sie verstehen, worauf ich hinaus will? An jeder meiner Verabredungen sind indirekt also zehn Männer und hundert Frauen beteiligt (oder sind es tausend Frauen und zehntausend Männer?) – und das ist nur bis ins zweite Glied gedacht! Natürlich sind auch Überschneidungen und Mehrfach-Vernetzungen möglich und wahrscheinlich… falls mal jemand ein Organigramm anlegen möchte, kann er sich um die Menschheit verdient machen.

Worum es mir hier gerade geht: Es ist doch kein Wunder, wenn die meisten Dates letztendlich nicht zustande kommen oder jedenfalls nicht unter den gewünschten Umständen, zur selben Zeit, am richtigen Ort und mit zwei Teilnehmern in aufnahmefähigem Zustand!

Viele Männer, mit denen ich diese grundsätzlich-philosophischen Fragen anspreche, haben eine ähnliche Auffassung der Dinge: Eine Beziehung wäre für sie denkbar, aber eben auch nur dann, wenn es wirklich passt. Und bis dahin ist eben Spaß angesagt und alles, was zur Instandhaltung der körperlichen und geistigen Funktionen notwendig ist. Ich kenne Männer meines Alters, die sich „richtig“ verliebt haben, durch Online-Dating und über eine Singlebörse, deren Schwerpunkt im Erotikbereich liegt. Es scheint also möglich zu sein. Aber so richtig wissen, wie man möglichst viele potenzielle Partner kennenlernt, nacheinander oder parallel, ohne dabei entweder komplett hysterisch zu werden oder auf die Dauer abzustumpfen, tun sie auch nicht. Was ich einerseits beruhigend finde… aber eben nur einerseits.

Andererseits gibt es manchmal diese kurzen Momente, in denen ich denke: Lass es doch einfach, es führt doch alles zu nichts. Schreib einfach einen dreibändigen Erotikroman über das, was du alles erlebt hast („Fifty Shades of Haben Sie mich gerade nett genannt?“) und bereite dich auf die dritte Lebenshälfte als Crazy Cat Lady vor. Dann fällt mir wieder ein, dass ich schon seit meinem zwölften Lebensjahr als Crazy Cat Lady gelte und dass es noch so viele erotische Abenteuer gibt, über die ich gern schreiben möchte, aber erst, wenn ich sie auch erlebt habe. Und dann lade ich ein paar neue Fotos in meine Profile hoch, um ein paar neue Kerle anzulocken, bestelle zwei bis vier Paar Schuhe, um meine Nerven zu beruhigen, und hoffe, dass ich es bemerke, wenn bei den bestimmt gleich eingehenden Komplimenten für die Fotos etwas dabei ist, was mein Herz höher schlagen lassen sollte.

  

  • Brunoremix sagt:

    Wunderbar. So ist es wohl. Zumindest habe ich das in meiner Onlinebörsenzeit auch so ähnlich erlebt. Bis eben die Richtige kam. Wir haben die 24 Monate schon längst überschritten. Es kann also funktionieren. Und wir haben beide keine Katze. Aber Mäuse.
    Viel Glück!

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