Grinsekatze geht ins Netz

Jüngere Männer? Niemals! (Wofür gibt es schließlich Prinzipien? – Zum Überbordwerfen, genau!)

Sich selbst und seine Grundsätze immer mal wieder in Frage zu stellen, ist ja eine gute Sache. Meistens wenigstens. Nicht, dass es so wahnsinnig viele Grundsätze in meinem Leben gäbe – in den meisten Bereichen bin ich durchaus offen für Neues (und wenn auch manchmal nur, weil mir bisher einfach noch kein Standpunkt überzeugend genug war, um ihn gegen Anfeindungen zu verteidigen). Auch was Männer angeht, eigentlich: Ich haben keinen bevorzugten Typ oder so was. Die Männer, die mir bisher so gefallen haben, sahen alle sehr unterschiedlich aus und auch ihre Persönlichkeiten waren ganz verschieden.

 
Ein verbindendes Merkmal gab es: Die Männer, die mir gefielen, waren fast alle erheblich älter als ich. Von Anfang an übrigens: Meinen ersten Crush hatte ich – mit zwölf Jahren – für meinen Deutschlehrer. Es folgten weitere Lehrer, ein Opernsänger, ein Jurist, ein Taxifahrer. Alle älter als ich. Ein Filmschauspieler, der sogar schon tot war (ja, ich war ein merkwürdiges Kind!). Ein einziger Gleichaltriger kurz dazwischen, ein Kollege vom Theater, der aber dann doch lieber schwul wurde. Meine bisher längste Beziehung (wenn man sie so nennen will): mit einem über zwanzig Jahre älteren Mann.
 
Jüngere und gleichaltrige Jungs bzw. Männer wollten nie was von mir – und ich nichts von ihnen. Daran hatte sich auch nach über dreißig Jahren im mehr oder weniger geschlechtsreifen Zustand für mich nichts geändert: Manche Tatsachen sind eben einfach feststehende Tatsachen.
 
Ich war ein dicker, witziger, kreativer, unerschrockener und durchaus beliebter Teenager. Eigentlich dekorativ, aber definitiv anders als alle anderen Mädchen. Ich konnte fast alles, nur nicht in der Menge untergehen. In einer feindlichen Natur, in der Lebewesen sich zum Überleben anpassen müssen, wäre ich schneller ausgestorben gewesen als ein Säbelzahntiger im Salatbeet. Das Prinzip „Wer sich anpassen kann, hat es gelegentlich leichter! “ fand in meinem Leben keine Anwendung. Schüchtern und extrovertiert – eine tödliche Mischung. Jungs betrachteten mich mit einer Mischung aus Bewunderung und Panik, aber ganz sicher nicht als potentielle Beute. Niemals. Nicht, dass ich was von diesen kleinen pickligen Kerlchen gewollt hätte… ich wollte einen erwachsenen Mann, der keine Angst vor mir hatte.
 
Als ich mit dem Online-Dating anfing, hatte sich an dieser Einstellung noch nicht viel geändert. Gut, die Stimme der Vernunft gab zu bedenken, dass für eine Frau von 45 Jahren ein zwanzig Jahre älterer Mann wohl keine gute Idee mehr sei – und wurde erhört. In meiner Suchmaske gab ich also 45 bis 55 Jahre ein; Männer dieser Altersgruppe waren im Joyclub reichlich angemeldet, wie eine kleine Feldstudie ergab. Und sie schrieben mich auch an, zum Glück, denn ich war ja bekanntlich noch nicht mutig genug, um selbst aktiv zu werden. Ich ließ mich lieber finden, überwiegend tatsächlich von den Männern der von mir gewählten Zielgruppe. Die zwei oder drei jüngeren Männer, die mir interessierte Nachrichten schrieben, hielt ich mehr oder weniger für Irrläufer, mit denen ich mich auf keinen ausführlichen Austausch einlassen wollte oder musste.
 
Weil ich anfing, alles über das Thema Online-Dating zu lesen, stolperte ich dann im Netz über einen Artikel, der sich mit den Schwierigkeiten von Frauen über 40, einen neuen Partner zu finden, befasste. Sehr überrascht las ich, dass wir, die Ü-40-Frauen, als schwer vermittelbar gelten (wie z. B. auch Männer, die kleiner als 1,65 Meter sind!). Das war mir noch gar nicht so aufgefallen… wurde in dem Artikel aber als Fakt gehandelt: Frauen zwischen 30 und 40 haben noch reichliche Auswahl und Frauen ab… äh… nun, dem Punkt, wo sie keine Bedenken mehr haben, sich auf einer Senioren-Seite anzumelden, auch. Dazwischen… na ja, das könnte schwierig werden. Bringen Sie viel Geduld mit und schrauben Sie Ihre Ansprüche herunter.
 
Genau das wollen Frauen ab 40 nicht hören: Wir haben keine Zeit mehr, geduldig zu warten: Wer weiß denn, wann die Wechseljahre zuschlagen und was sie mit uns und aus uns machen? Und unsere Ansprüche herunterschrauben… jetzt, wo wir uns endlich soweit sortiert und eingerichtet haben, dass wir das Leben genießen können? Wo wir uns mühsam an den Punkt vorgearbeitet haben, an dem wir einen Mann in unserem Leben nicht mehr unbedingt brauchen (weil wir uns ohne ihn nicht vollwertig fühlen), sondern ihn uns nur wünschen (weil manche Sachen mit einem Mann einfach mehr Spaß machen als mit einem Hund, der besten Freundin oder einem Vibrator)? Da wollen wir doch nicht unsere Ansprüche herunterschrauben und uns mit irgendeinem Typen zufriedengeben, der seinerseits nichts Besseres kriegen kann. Nicht mein Ansatz, wirklich nicht.
 
Ein anderer Artikel riet der Ü-40-Problemgruppe ganz fröhlich, den eigenen Horizont zu erweitern und offener zu sein für die Männer, die auf den ersten Blick nicht ins Beuteschema passen. Aha. Und das wären welche Männer?
 
Kurze Analyse der vorhandenen Bestände und des sich daraus ergebenden Bedarfs:
• Junge Frauen suchen im Allgemeinen junge Männer, die keine Angst vor Frauen haben, die eine Beziehung suchen und vermutlich früher oder später eine Familie gründen möchten.
• Ältere Frauen suchen im Allgemeinen gleichaltrige oder geringfügig ältere Männer, die nach Möglichkeit gut in Form, ungebunden, (finanziell) unabhängig, attraktiv und beziehungsfähig sein sollen.
• Junge Männer suchen im Allgemeinen junge Frauen. Der Wunsch nach einer festen Beziehung und Familiengründung ist bei den meisten Exemplaren häufig noch nicht so ausgeprägt wie bei den gleichaltrigen Frauen, aber doch zumindest latent vorhanden. Außer bei den jungen Männern, die – aus Gründen – eben das vermeiden wollen.
• Ältere Männer suchen im Allgemeinen… junge Frauen. Oft haben sie eine Beziehung mit einer gleichaltrigen Frau hinter sich – und möchten jetzt etwas anderes. Die Tatsache, dass jüngere Frauen mit Familienwunsch sich für sie interessieren, schmeichelt durchaus ihrer Eitel- und Männlichkeit. Da es genügend junge Frauen gibt, die für den Charme eines reiferen Mannes anfällig sind, haben zumindest die attraktiven und finanziell unabhängigen Herren auch reichlich Auswahl.
Und – wer hat’s bemerkt? Genau: Die Interessen der jungen und der älteren Frauen überschneiden sich an dieser Stelle.
 
Wer ist also noch nicht vermittelt? Natürlich: Die älteren Frauen. Wer noch? Richtig: Die jungen Männer, die bei den jungen Frauen nicht landen können (z. B. weil sie schon Kinder aus einer früheren Beziehung mitbringen, finanziell klamm oder zu ungeschickt und unerfahren im Umgang mit Frauen sind) oder wollen (z. B. weil ihnen gerade ihre eigene Karriere wichtiger als ist als die Selbstverwirklichung ihrer Partnerin und sie sich deshalb nicht dauerhaft binden wollen).
 
Gibt es Alternativen für die älteren Frauen? Sicher. Bestimmt einer von hundert reiferen Männern entscheidet sich bei der Frage, ob er lieber eine attraktive Mittdreißigerin oder eine nicht minder attraktive Mittvierzigerin will, für die ältere Frau. Mehr nicht? Doch, klar: Es bleibt noch eine (gar nicht mal so kleine) Gruppe von Männern, die – sterbenslangweilig, obwohl vielleicht auch erst 45 – bei einer Frau, die ihren neugierigen Blick über das Online-Profil schweifen lässt, nur eine Reaktion hervorruft: „Was willst du denn? Restpflege?“ Diese Männer wollen wir mal außen vor lassen, okay?
 
Kommen wir zurück zu den beiden großen, noch nicht vermittelten Gruppen: Den jungen Männern ohne Familiengründungswunsch und den älteren Frauen (ebenfalls ohne Familiengründungswunsch; dieser ist entweder bereits verwirklicht oder mittlerweile abgehakt). Möglicherweise ist die Schnittmenge an Gemeinsamkeiten viel größer als gedacht. Lustigerweise scheinen die Männer dies eher zu realisieren (obwohl Frauen sicher viel mehr über diese Themen nachdenken): Nur wenige reifere Frauen schreiben aktiv jüngere Männer an; umgekehrt werden es täglich mehr junge Männer, die ihr Beuteschema erweitern und ihr Glück bei Frauen versuchen, die zehn oder fünfzehn Jahre älter sind als sie.
 
Es ist in der Grinsekatze nachzulesen: In meine erste Begegnung mit einem jüngeren Mann bin ich irgendwie so reingestolpert. Nummer 4 (der in die Gruppe der jungen Männer gehört, die keine Zeit für eine Beziehung haben) wollte nur spielen und ich hatte gerade nichts Besseres zu tun und habe mitgespielt. Dass sich daraus eine so große Geschichte entwickelt, war weder abzusehen noch geplant. Über den Altersunterschied haben wir nie gesprochen. Als ich letzten Sommer, des Ja-und-Nein-Spiels mit Nummer 4 vorübergehend müde, mal wieder Männerprofile durchforstete, war ich noch der festen Ansicht, dass dieser eine junge Mann ein Ausrutscher war und eine Ausnahme bleiben würde (dementsprechend wies ich die mich zwischendurch immer mal wieder anschreibenden jungen Männer ohne genauere Überprüfung ab).
 
Zu dieser Zeit überarbeitete ich auch meinen Profiltext im Joyclub: Mein Profil wurde weniger harmlos und sympathisch und dafür sehr viel frecher und herausfordernder. Entsprechend veränderten sich auch die Zuschriften bzw. die Männer, die mir schrieben. Plötzlich schienen das Gros der interessierten Männer nicht mehr in die Gruppe der Junggesellen zwischen 45 und 55 zu passen: Mindestens die Hälfte der Männer war jünger als ich und die meisten älteren Männer, die mir noch schrieben, gaben „Feste Beziehung“ als Status an. Da ich gebundene Männer grundsätzlich aussortiere (das hatte ich vor meinen Online-Dating-Zeiten schon mal und brauche ich nicht wieder), blieben überwiegend jüngere Männer übrig, die meisten zwischen 35 und 40. Und mir wurde plötzlich klar, dass die auch schon erwachsen sind! Was für eine Erkenntnis – und was sagt die über mich??? (Memo an mich selbst: Diesen Gedanken besser nicht weiter verfolgen!)!
 
Die jüngeren Männer unterscheiden sich von den älteren Männern im Großen und Ganzen vor allem durch ihren Blick aufs Leben. Die, mit denen ich bisher zu tun hatte, sind alle recht erfolgreich in ihrem Beruf und scheinen auch sonst mit ihrem Leben ganz gut klarzukommen. Was mir an ihnen sehr angenehm auffällt: Sie sind nicht ständig auf der Suche nach Lob und Bestätigung, weder durch mich noch durch andere. Da sie an mir meistens meinen extrem feinsinnigen und geistreichen Humor schätzen (neben meinen optischen Vorzügen, versteht sich), lassen sie es sich gefallen, dass ich sie nicht immer ernst nehme und manchmal sogar ein bisschen verschaukele. Entsprechend verschaukeln sie mich dann auch, vor allem, wenn sie erst mal gemerkt haben, dass ich Frechheit durchaus zu schätzen weiß. Auf die Weise sind eigentlich die bisher ergiebigsten Mailwechsel entstanden – unabhängig davon, ob man sich dann später trifft oder nicht.
 
Natürlich schrieben und schreiben mir auch weiterhin die Männer aus meiner ursprünglichen Zielgruppe. Und ich überrasche mich selbst beim Lesen ihrer Zuschriften und ihrer Profile immer häufiger bei dem Gedanken: „Was willst du alter Knacker eigentlich von mir?“ Dann gucke ich noch mal schnell auf die Altersangabe, denke „Ups, zwei Jahre jünger als ich! “ und trete mich innerlich in den Allerwertesten. Schreibe freundlich und ermutigend zurück und stelle immer mal wieder fest, dass auch Männer über 40 oder gar 45 noch ganz unterhaltsam sein können – auch wenn sie oft keine Lust auf lange Korrespondenz haben (was vielleicht auch daran liegt, dass sie zum Schreiben eigentlich eine Sekretärin brauchen) und sich stattdessen so schnell wie möglich treffen wollen.
 

Letztendlich sollte meine Devise wahrscheinlich lauten: Flexibel bleiben und offen für alles! Ich mag nun mal Männer, die (noch) nicht alles so ernst nehmen, die Freude an den Dingen haben, mit denen sie sich umgeben und die mit wachem Interesse und einer gesunden Neugier in die Zukunft schauen. Klagen wie „Früher war mehr Lametta!“ und „Ich glaube, diese Schmerzen im Rücken sind jetzt chronisch!“ lassen sich bei Twitter gut verwerten, sind aber im wirklichen Leben eher unsexy. Meine Meinung. Natürlich leide ich auch mal am Leben und jammere sowieso total gerne rum. Aber dafür habe ich doch Familie und Kollegen und nicht die Männer, die ich gerade erst kennen lerne und denen ich gefallen möchte. Ich hatte schon viel Spaß im Leben, mit oder ohne Männer. Ich brauche keinen Mann, um mich zu amüsieren, aber manche Sachen… ach, siehe oben! Ich bin 47 – alt und langweilig werde ich von ganz alleine. Aber bis es so weit ist, können ruhig noch ein paar Typen kommen und mich ein Stückchen auf meinem Weg begleiten, möglichst ohne mein Leben dadurch langweiliger zu machen. Wo das alles enden soll? Keine Ahnung. Hauptsache, es endet nicht zu schnell!

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