Grinsekatze geht ins Netz

Ein Regenbogen gegen die Sprachlosigkeit

Seit zwei Tagen ist bei Twitter das Wort „Regenbogen“ in den den Trending Topics (neben Tom Cruise, Fiskalpakt und Kanzlermehrheit). Das fällt auf, ebenso wie die Tatsache, dass viele bekannte Twitterpersönlichkeiten ihre Avatare, also Profilbilder, mit Regenbogen verziert haben. „Aha, ein Mem“, sagen die, die Twitter kennen, „aber warum ein Regenbogen?“

Dieser konkrete Regenbogen ist für eine schwer erkrankte Twitter-Kollegin, @hamtydamti. Ich kenne hamtydamti nicht persönlich, folge ihr nicht einmal; sie wird mir allerdings gelegentlich in meine Timeline retweetet. Sie sagt kluge Dinge und scheint keine Scheu zu haben, sich über ihre Erkrankung und damit verbundene Ängste mitzuteilen. Viel mehr weiß ich nicht von ihr, nur dass sie im Moment nicht aktiv ist, nicht aktiv sein kann offensichtlich. Und dass sie vermisst wird, von ihren Twitter-Freunden, von denen einige auch zu meinen Kreisen gehören. Und von diesen ist das Regenbogen-Mem gestartet worden, an dem sich inzwischen richtig viele deutsche Twitterer beteiligen.
 
Der Regenbogen ist ein Symbol. Für vieles, unter anderem für eine Brücke. Für zwei virtuelle Punkte, während der Regenbogen auch tatsächlich zu sehen ist, wenn auch meistens nur kurz und wenn man auf der richtigen Seite steht. Auf Twitter bzw. in der Welt der sozialen Netzwerke hingegen sind die Endpunkte, nämlich die Benutzeraccounts, sichtbar, während die Verbindung zwischen ihnen möglicherweise rein virtuell und unsichtbar bleibt. Wenn sich also zwei oder (viel) mehr Twitteraccounts mit Hilfe eines gemeinsamen Regenbogens verbinden, dann wird die Verbundenheit auf gewisse Weise sichtbar.
 
Dass dieses Sich-Verbinden den Twitteraccounts wichtig ist, liegt daran, dass diese im Allgemeinen von Menschen betrieben werden. Menschen, die bei, auf und mit Twitter einen Teil ihres Lebens verbringen, sich dort ausdrücken, unterhalten, belustigen, gegenseitig unterstützen und inspirieren. Menschen, die durch 140-Zeichen-Nachrichten Verbindung mit der Welt aufnehmen. Oftmals als Kunstfiguren: Haustiere, Superhelden oder das genaue Gegenteil davon. Manche zeigen sich als die Menschen, die sie vielleicht gerne wären, andere als die, die sie auf keinen Fall sein möchten. Bei einigen Twitterern weiß man so ungefähr, wer oder was hinter dem Benutzernamen steht, bei anderen bleibt dies komplett unklar.
 
Die meisten „Vollzeit-Twitterer“ (und damit meine ich die, die mehr oder weniger ihr ganzes Leben mit- und, auf welche Art auch immer, einbringen) haben keine Probleme, über fast alles zu twittern: Beziehungen, Kinder, Katzen, die Sache mit den Montagen, Bier und Mett und Nutella, Sex bzw. kein Sex, Kopfschmerzen, Geld, Fußball, Tatort, Bergwanderungen, Klogänge und vieles mehr. Wovor Twitterer – wie die meisten anderen Menschen auch – im ersten Moment zurückschrecken, sind zum Beispiel die Themen Tod und Krankheit. Zu groß ist die Sorge, bei dem Versuch, Gedankengänge zu diesen Themen in 140 Zeichen auszudrücken, zu scheitern bzw. banal, sentimental und unzulänglich rüberzukommen. Bevor wir Kalendersprüche oder sentimentale Gemeinplätze twittern, halten wir doch lieber die Klappe. Einerseits. Andererseits: Wir teilen hier doch sonst alles – fühlen wir uns mit einer selbstverordneten Schere im Kopf wohl?
 
Ich jedenfalls nicht. Gar nicht. Ich habe vor ein paar Wochen erst erfahren müssen, wie beschnitten ich mich fühle, wenn ich über etwas Schlimmes, das mein Dasein aktuell fast vollkommen bestimmt, nicht twittern kann bzw. mag. Eine enge und geliebte Kollegin war plötzlich und unerwartet gestorben, einfach so, im Schlaf. Der Schock machte mich für einige Tage sprachlos, ich konnte zunächst nur unter großer Anstrengung kommunizieren, egal worüber. Als der Schock dann langsam durch den Körper hindurchgegangen war, blieb das Gefühl, keine angemessenen Worte zu finden für das, was mich ständig beschäftigte. In meinem sogenannten wirklichen Leben habe ich diese Blockade zum Glück und mit der Hilfe meiner Umwelt schnell überwinden können. Ich habe – aus purer Notwendigkeit – über das Erlebte gesprochen, mit allen, die das wollten und mussten. Wir haben unsere Trauer geteilt und uns gegenseitig getröstet.
 
An der Situation selbst konnte ich natürlich nichts ändern, aber an der allgemeinen Sprachlosigkeit schon. Meine Kollegin war ein Kommunikationswunder, ein menschgewordenes soziales Netzwerk, wenn man so will – und Verstummen aufgrund der vermuteten Unfähigkeit, das Richtige richtig zu sagen, kam mir einfach nur falsch vor. Ich redete und schrieb also drauflos, verbreitete (hastig ergoogelte) Informationen über islamische Trauerfeiern, brachte Unterschriften- und Geldsammlungen ins Rollen, quatschte mit jedem über alles – und ermutigte meine unmittelbaren Kollegen, zum Glück sehr bald mit Erfolg, es ebenso zu machen.
 
Es kommt in solchen Momenten nicht darauf an, die perfekten Worte zu finden. Wichtig ist, überhaupt etwas zu sagen und anderen zuzuhören.
 
Das Feedback auf unsere Anstrengungen war einfach überwältigend. So viele Kollegen wie auf der Trauerfeier habe ich noch nie auf einmal gesehen, glaube ich. Und so ein Gefühl von Gemeinschaft haben wir vorher wohl selten empfunden. Das war, bei aller Traurigkeit, sehr tröstlich und sehr schön.
 
Getwittert habe ich über diese Erfahrungen nicht. Die Kollegin brauchte keine sozialen Netzwerke, sie pflegte ihre Kontakte perfekt mit Hilfe eines alten Nokia-Handys. Es wäre mir falsch vorgekommen, ihre Geschichte bei Twitter zu teilen – auch wenn es mir persönlich sicher viel gebracht hätte und ich einige Tage dort mehr oder weniger stumm bleiben musste.
 
Ich habe sogar überlegt, ob ich in diesem Blogartikel auch über meine Kollegin schreiben kann und soll… aber ich denke, der Regenbogen-Avatar bei Twitter würde ihr gefallen. Weil Regenbögen glitzern und weil das Avatar-Mem so eine einfache Geste ist, die eigene Sprachlosigkeit zu durchbrechen und uns selbst und andere an das zu erinnern, worum es in sozialen Netzwerken im Grunde geht: Menschen das Sich-Verbinden, das Teilen und das Anteilnehmen leichter zu machen.

  

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