Grinsekatze geht ins Netz

Quitter oder was? Erste Erfahrungsberichte aus dem Twitter-Exil.

Haben Sie auch schon ein neues soziales Netzwerk im Auge, jetzt, wo Twitter uns plötzlich unsere Basis, die frei gewählte, chronologische Timeline entziehen will? Sich gar schon irgendwo angemeldet? Ich (@keinzahnkatzen) auch, gestern, und heute muss ich unbedingt davon erzählen.

Meine Damen und Herren,
liebe alte Freunde bei Twitter,
liebe neue Freunde bei Quitter,

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Die Katze auf dem heißen Schwebebalken – Nur weil ich über meine Witze lache, sind sie noch lange nicht komisch!

Ich gehöre zu den Menschen, denen man einen eher individuellen Sinn für Humor nachsagt. Das hat zum Beispiel damit zu tun, dass ich regelmäßig – und oft in krassem Missverhältnis zu der Mühe, die ich mir damit mache, mich so klar wie möglich auszudrücken – immer mal wieder missverstanden werde. Auf Twitter und in diesem Blog ebenso wie im sogenannten wirklichen Leben. Was ich umwerfend und zum Brüllen komisch finde, bringt manchmal niemanden in meinem Umfeld zum Lachen. Das war schon immer so und wird sich vermutlich auch zu meinen Lebzeiten nicht mehr ändern.

Diesen Tweet fand offenbar keiner witzig… außer mir!

Ebenso wird meine Sichtweise auf die verschiedenen Aspekte des Online-Datings gelegentlich missinterpretiert. Was sicherlich damit zu tun hat, dass diese Sicht von zwei sehr unterschiedlichen Hauptbestandteilen genährt wird. Nämlich
1) von dem schlichten und ernsthaften Wunsch, auf diese Weise Männer ausfindig zu machen, die mir ohne Dating-Plattform aller Wahrscheinlichkeit nach nicht begegnen würden, und festzustellen, ob es unter ihnen vielleicht einen gibt, den ich toll finde und der das wiederum nicht schrecklich findet;
2) von der Hoffnung, dass bei dieser Suche der Weg zu einem nicht unerheblichen Teil das Ziel sein kann. Wohl wissend, dass die für mich geeigneten Männer nicht gerade an jeder Ecke warten und dass der Findungsprozess sich noch etwas hinziehen kann (mal davon abgesehen, dass es keine Erfolgsgarantie gibt), halte ich es für nicht nur legitim, sondern geradezu für lebenswichtig, Freude an dem zu haben, was ich da tue.

Diese zwei Komponenten bestimmen mein Vorgehen beim Online-Dating in gleicher Weise wie mein Schreiben über das Thema. Der Grinsekatzen-Roman, der sich ja mehr oder weniger als ein Online-Tagebuch meiner Anfänge auf diesem Gebiet präsentiert, ist noch ganz stark von der ersten Komponente, der Suche nach dem passenden Partner, bestimmt und zum Teil mit viel Emotion und wenig Abstand geschrieben worden. Die als Einleitung zu den Roman-Kapiteln veröffentlichten und mehr noch die späteren Artikel in diesem Blog hingegen finden ihre Inhalte und auch ihre Perspektive überwiegend durch die zweite Komponente: Seit meine Beschäftigung mit dem Grinsekatzen-Roman (zunächst einmal) abgeschlossen ist, greife ich unterschiedliche Aspekte des Online-Datings auf, die mir persönlich wichtig sind und zu denen ich etwas zu sagen habe. Mal mit mehr, mal mit weniger Emotion und mal mit mehr, mal mit weniger Humor.


Nicht witzig? Echt nicht?

Gemein ist allen Artikeln in diesem Blog der „therapeutische Hintergrund“ meines Schreibens – so wie übrigens auch mein Online-Dating selbst zu Beginn so eine Art selbstverordnete Therapie darstellte. Was Männer, Liebe und Sexualität anging, war ich schlicht total planlos, bevor ich auf die hervorragende Idee kam, es mit dem Online-Dating zu probieren. Meine langjährige Beziehung war aufgrund der Erkrankung meines Freundes und der Nebenwirkungen seiner Therapie zu einer „Freundschaft minus“ geworden. Ziemlich lange war ich darüber so sehr im Schock, dass ich nichts vermisste… oder zu vermissen meinte. Dann nahm ich allmählich wieder Bedürfnisse meinerseits wahr – und hatte zunächst keine Idee, wie ich damit umgehen sollte. Bis ich mich beim Joyclub anmeldete… daraufhin hatte ich endlich wieder konkrete Probleme…

Die Sache ist nämlich die: Wenn ich mich aufs Online-Dating auch emotional einlasse, werde ich früher und/oder später auch mal enttäuscht und verletzt. Es fühlt sich schon eigenartig an, wenn ein interessanter Mann mir ein paar Tage oder Wochen lang schreibt, mir Komplimente macht und dann plötzlich ohne Abschied aus meiner Kontaktleiste verschwindet. Wenn ich aber sogar ein Treffen mit diesem interessanten Mann verabrede, dieses Treffen tatsächlich stattfindet, für beide Seiten erfolgreich verläuft und der Mann sich anschließend trotzdem nie wieder meldet (und auf eine eventuelle Nachfrage meinerseits gar nicht oder höchst abwehrend reagiert), fühlt sich das nicht nur eigenartig, sondern ziemlich mies an. Und sobald eine Online-Dating-Geschichte vom virtuellen ins sogenannte wirkliche Leben überführt wird, ist eine Abfuhr – Überraschung! – genauso schlimm wie im wirklichen Leben.

Und noch einer, über den keiner gelacht hat…

Wenn ich mich aufs Online-Dating aber nicht emotional einlasse, sondern immer schön meine Distanz wahre (zu den Männern ebenso wie zu meiner Gefühlswelt), dann wird das Ganze sehr schnell sehr beliebig. Wenn mir die Männer sowieso egal bleiben, egal wie toll sie sind, dann müssen sie ja auch gar nicht so toll sein. Hauptsache, es gibt keine Tage, an denen mein Posteingang leer bleibt und mir niemand Komplimente macht. Lieber ein paar Männer mehr als weniger in der Warteschleife; dann ist es auch nicht so schlimm, wenn mal einer wegbleibt. Aber ist es wirklich eine gute Idee, sich online ausführlich mit Männern auszutauschen, von denen man genau weiß, dass man, träfe man sie in einer Kneipe oder im Supermarkt, nach fünf Minuten aus der Unterhaltung aussteigen würde, weil es einfach nicht passt? Es bleibt ja meistens nicht beim Schreiben, früher oder später fragen die meisten Herren nach einem Date. Und dann? Sagen: Ach, du bist überhaupt nicht mein Typ, ich habe dir nur immer diese ausführlichen und lustigen Mails geschrieben, weil mein Fernseher kaputt ist? Oder sich treffen mit einem Mann, der nicht passt, und ihm dann sagen: Du bist genau, wie ich erwartet habe – nämlich der Falsche für mich? Oder mit dem falschen Typen bedeutungslosen Sex haben?

Ich fürchte, man stumpft in dieser Hinsicht schneller ab, als man gemeinhin so denkt. Ich auf jeden Fall. Nicht erstrebenswert. Und außerdem habe ich mit dem Online-Dating angefangen, um wieder mit meinem Gefühlsleben am selben Strang zu ziehen – es kann also nicht Sinn der Sache für mich sein, mich grundsätzlich emotional nicht auf das, was ich mache, einzulassen. Da ich mich andererseits aber auch nicht ständig prophylaktisch in einem Mann verlieben will, mit dem sich dann doch nicht viel ergibt, um anschließend unglücklich sein zu können, gilt es, einen Mittelweg zu finden. Die Männer im Großen und Ganzen ernst zu nehmen und manchmal sogar mich selbst. Aber nicht so ernst, dass ich nicht auch die komischen und skurrilen Momente zu schätzen wüsste, die sich auch in den schönsten und romantischen Momenten unweigerlich ergeben.

Ach, Menno!

Einen Mittelweg, auf dem ich einerseits offen für mein Gefühlsleben (und vielleicht sogar für die Gefühle meines Gegenübers) sein kann und andererseits nicht hilf-, schutz- und distanzlos meinen Emotionen ausgeliefert bin. Das ist gar nicht so einfach. Ich muss für jeden Mann, mit dem ich zu tun habe, meine Position neu und individuell bestimmen. Klappt mal besser, mal weniger gut. Was dabei hilft: Spaß daran zu haben. An dem, was ich erlebe, und daran, wie ich das Erlebte verarbeite. An den Sachen, die gut laufen, und auch an den Sachen, die überhaupt nicht gut laufen. Nach einem vergurkten Date nach Hause kommen und denken: „Na warte, darüber werde ich schreiben! Du wirst dich wundern!“ Nach einem geglückten Date nach Hause kommen und denken: „Na warte… oh, Moment, darüber sollte ich wohl besser nicht schreiben! Wie wunderbar.“

Und dabei sollen Witze mit Tieren doch immer gehen…

Für mich funktioniert es so. Wenn ich das Online-Dating einerseits ganz ernst nehme und andererseits immer nach den Aspekten (vor allem) meines Daseins Ausschau halte, über die ich mich lustig machen kann, dann kann der sorgsam erarbeitete Mittelweg sogar ein Schwebebalken sein, von dem ich – voller Freude – gelegentlich kopfüber abstürze: Der therapeutische Effekt bleibt erhalten. Und die Freude an dem, was ich da mache, auch. Selbst wenn mal wieder niemand über meine Witze lacht.

Da ideale Profil – Zielgruppenforschung und die Folgen

Auf jeder guten Dating-Plattform werden neu angemeldete Mitglieder gleich zu Beginn aufgefordert, ihr eigenes Profil zu erstellen, bevor sie die Seite detailliert erforschen. „Das Profil ist dein Aushängeschild“, heißt es da, „nur mit einem aussagekräftigen Profil wirst du Erfolg haben.“ Auch der Erfolg einer Dating-Plattform an sich bemisst sich zu einem nicht unerheblichen Teil aus der Qualität der dort angelegten Profile – je authentischer und interessanter die Benutzer einer Seite sind, desto länger verweile ich als User ja auch dort und klicke mal hier und mal da. Und weil mir die Argumentation einleuchtet, sorge ich – wie viele andere User, überwiegend Frauen – eben auch dafür, dass mein Profil in Text und Bild aktuell, ausführlich genug, fehlerfrei und ansprechend rüberkommt. Und die Männer? Sehen das möglicherweise ganz anders.

Die These
Bei Männern und Frauen sind Wahrnehmungen und Meinungen ja oft eher unterschiedlich, so ganz allgemein betrachtet. Im Hinblick auf Online-Dating schon ganz zu Beginn: Bei kaum einem Thema gehen die Ansichten so sehr auseinander wie bei der Frage, wie das ideale Online-Dating-Profil aussieht.

Anmerkung für Männer: Das war erst die Einleitung; die genauere Betrachtung des Themas hat noch nicht einmal begonnen.

Anmerkung für Frauen: Keine Angst: Der Artikel bleibt nicht so oberflächlich; ich groove mich gerade erst ein.

Für die Männer: Kommt jetzt erst einmal ein Bild, damit sie nicht direkt weiterklicken.
Profilfoto für den Frühling (gefällt Männern aber nicht!)

Die Sachlage
Ich bin eine Frau und möchte mich auf Online-Dating-Seiten mit einem ansprechenden und vor allem authentischen Profil präsentieren, um nach Möglichkeit die richtigen Männer auf mich aufmerksam zu machen. Alles andere wäre auf die Dauer kontraproduktiv. Ich bin eine komplexe, manchmal auch komplizierte Persönlichkeit und habe einiges über mich und meine Gründe für und meine Wünsche an das Online-Dating zu sagen – und das möchte ich auch, zumindest in den Grundzügen, in meinem Profiltext tun. Darüber hinaus möchte ich nicht schwafelig rüberkommen, versuche also üblicherweise, nicht mehr Worte als notwendig zu verbrauchen.

Das Problem
Meine Zielgruppe sind Männer. Das sind – im Allgemeinen – die Mitmenschen mit der kürzeren Aufmerksamkeitsspanne. Praktisch heißt das: Männer landen auf einem Profiltext und schauen sich zunächst die vorhandenen Bilder an. Erst dann entscheiden sie, ob sie den Profiltext überhaupt eines Blickes würdigen. Falls ja, ist noch lange nicht davon auszugehen, dass sie mehr als die ersten drei Sätze lesen. Danach klicken sie entweder direkt wieder weg oder schauen am unteren Ende des Profils, was frau bei Vorlieben und Abneigungen so angeklickt hat. Alles in allem brauchen sie zum Sichten eines durchschnittlichen Frauenprofils und für die Entscheidung, ob sie in irgendeiner Weise Interesse bekunden sollen, maximal 60 Sekunden.

Anmerkung für Frauen: Wirklich, so ist es! Habt ihr mal einem Mann beim Sichten und Bearbeiten seines vollen Online-Dating-Posteingangs zugeschaut? Ich habe! Unglaublich – so eine Effizienz bei der Auswertung der eingegangenen „Bewerbungen“ stünde vielen von uns im Job gut an! Ich sitze da wirklich nur mit offenem Mund daneben und staune.

Um sicher zu sein, habe ich dann bei einem Herrn nachgefragt; es entspann sich – ungefähr – der folgende Dialog:
Ich: „Was gefällt dir denn am besten an meinem Profil?“
Er: „Die Bilder!“
Ich: „Äh, klar. Aber am Profiltext?“
Er: „Äh… die Bilder…?“
Ich: „TEXT! Das sind die kleinen schwarzen Dinger auf weißem Grund!“
Er: „Ach, das… wo bei dir die Smileys fehlen!“
Ich: „Ja, genau. Du kannst doch lesen, oder?“
Er: „Natürlich. Aber ich lese keine so langen Texte.“
Ich: „Aber mein Text ist doch gar nicht so lang.“
Er: „Äh… na ja. Aber okay, er ist witzig. Das ist schon in Ordnung.“
Ich: „Aber du hättest ihn nicht gebraucht…?“
Er: „Nun ja… nicht so ausführlich….“
Ich: „Aber du hast ihn gelesen?“
Er: „Ich glaube. Also, die ersten drei Sätze bestimmt. Kommt danach noch was Wichtiges?“
Ich: „Nein, sicher nicht. Mach dir keine Sorgen. Da steht nur, dass ich mich bei Vollmond in einen Werwolf verwandele und meine Männer im Keller ankette, um ihnen Grimms Märchen vorzulesen.“
Er: „Cool. Wenn du dabei das Outfit von dem dritten Foto trägst… das mit den roten Strümpfen…“

Anmerkung für Männer: Ich suche euch gleich noch ein Foto raus. Habt noch einen kleinen Moment Geduld.

Anmerkung für Frauen: Sich mit Männern zu unterhalten, ist im Wesentlichen nicht anders, als sich mit Katzen zu unterhalten. Oder mit Bäumen. Die hören ja auch nur, was ihnen passt.

Auswertung des kleinen Dialogs
Das Gute: Mein Gesprächspartner zeigt aufrichtiges Interesse und bemüht sich redlich, meine Fragen zu beantworten. Ich werde mir also Mühe geben, ihn nicht zu vergraulen.
Nicht so gut: Ich möchte nicht, dass Männer nur die ersten drei Sätze und damit nur etwa ein Drittel meines Profiltextes lesen.

Lösungsansätze
Erstens: Der Profiltext muss noch knackiger, komprimierter und lesefreundlicher werden. Aber wie? Aufzählungen mit Spiegelstrichen und Smileys sind keine Option. Der Text muss also immer wieder überprüft und nach Möglichkeit gestrafft werden.
Zweitens: Im Web 2.0 werden ausführliche Beiträge von ungeduldigen Lesern gelegentlich mit „TL; DR“ („Too Long; Didn’t Read“) kommentiert. Was wiederum dazu führt, dass vorausschauende Blogger ihre Beiträge mit einer kleinen Zusammenfassung unter dem Schlagwort „TLDR“ ergänzen, die dem eigentlichen (vermeintlich zu langen) Beitrag entweder vorangestellt wird oder ihn abschließt. Das finde ich einen guten Ansatz, der vielleicht auch dafür taugen könnte, ein Online-Dating-Profil „zielgruppentauglicher“ zu machen. Werde ich mal probieren, denke ich.

Anmerkung für Männer:
Einer von diesen Schuhen, mit denen ich nicht laufen kann (aber toll aussehe!).

Anmerkung für Frauen:
Tut mir Leid, Mädels, aber so ist es. Machts was draus!

TLDR – Zusammenfassung für die Ungeduldigen unter uns
Egal wie kurz eine Frau sich fasst, für einen Mann ist ihr Profiltext wahrscheinlich noch immer zu lang. Das inoffizielle Motto des Profils sollte also „Kasse dich furz!“ sein. Oder so ähnlich. Und Bilder braucht das Profil; Faustregel: Ein Bild pro Textzeile. Mindestens.

Triff mich im wirklichen Leben! – Von der ersten Mail zum ersten Date

Beim Online-Dating wird uns ja – und das aus guten Gründen – dazu geraten, immer mehrere Eisen im Feuer zu haben und nicht gleich alles auf eine Karte zu setzen. Dass das wirklich sinnvoll ist, musste ich auch erst lernen. Zumindest, solange man sich noch „nur schreibt“ – und frau sollte davon ausgehen, dass Männer das auch so machen: Es kommt immer mal wieder vor, dass ich mit einem Typen einen sehr unterhaltsamen Mailkontakt habe, der dann plötzlich abreißt, statt in ein meinerseits bereits angedachtes Treffen zu münden. Das hat nicht unbedingt was Schlimmes zu bedeuten, sondern im Allgemeinen nur, dass der Mann sich wahrscheinlich gerade mit einer anderen Frau trifft, die er parallel zu mir angeschrieben hatte. Oft hat sich das dann nach dem ersten Date schon wieder erledigt; dann schreibt er mir wieder… meistens so, als hätte es nie eine Unterbrechung gegeben.

Seit ich das selbst so oder ähnlich handhabe, ist es kein Problem mehr für mich. Ergiebiger Briefverkehr mit verschiedenen Männern ist, solange die Anzahl (der Männer) im einstelligen Bereich bleibt, eher unproblematisch, wenn man ein halbwegs gutes Gedächtnis mitbringt und am besten gar nicht erst anfängt, den verschiedenen Männern voneinander abweichende biographische Details zu erzählen.

In den allermeisten Fällen folgt auf eine erfreuliche und sich in die richtige Richtung entwickelnde Korrespondenz der Moment, in dem einer der beiden Korrespondenten (in meinem Leben meistens der Mann) ein Treffen im sogenannten wirklichen Leben vorschlägt. Was ja eine gute Sache ist – aber in dem Moment ist dann der Punkt erreicht, an dem man – zumindest ich mache das so – kurz innehalten und überlegen sollte: Dass ich mit mehreren Männer gleichzeitig Mails wechseln kann, weiß ich schon. Dass ich mich mit einem Mann verabreden und gleichzeitig mit mehreren anderen Männern schreiben kann, halte ich für sehr wahrscheinlich. Was ich aber lieber nicht ausprobieren möchte, ist, mit mehreren neuen Männern gleichzeitig erste Dates zu planen und durchzuführen. Ein bisschen Exklusivität ist mir dann doch wichtig, wenigstens für die paar Tage, die normalerweise zwischen der Zeremonie des Verabredens, dem ersten Date selbst und der sich normalerweise anschließenden Entwarnung für die anderen Männer, die – wissentlich oder auch nicht – in der Warteschleife hängen.

Den meisten Mailpartnern erzähle ich nicht, dass ich kurz davor oder gerade dabei bin, mich mit einem anderen Mann (der vielleicht gar nicht attraktiver ist, aber frecher, und deshalb früher gefragt hat) zu verabreden. Will die Herren und unsere Unterhaltung nicht mit so komplizierten Inhalten belasten – und außerdem (siehe oben) hat sich die Sache häufig ja mit dem ersten Date auch schon wieder erledigt.

Wenn Männer mich zu Beginn unseres Schriftwechsels fragen, wonach ich suche, sage ich üblicherweise, dass ich mir eine „Freundschaft plus“ vorstellen kann. Der freundschaftliche Aspekt ist mir wichtig, unabhängig davon, wie eng ein Kontakt bzw. eine Verbindung dann wird. Das „Plus“ ist fast noch wichtiger: Platonische Freunde habe ich nämlich schon. Die logische Konsequenz eigentlich: Ohne „Plus“ keine Freundschaft. Was für mich bedeutet, dass in dem einem Treffen vorausgehenden Mailaustausch die Frage, ob man miteinander guten Sex haben kann und (wiederholt) haben möchte, durchaus im Vordergrund stehen darf.

Auf dieser Grundlage bin ich absolut offen auch für eine raffinierte Anmache per Mail. Jemand, der schreibend (und ohne dabei primitiv zu werden) mein Kopfkino zum Rattern bringt, hat auf jeden Fall gute Karten, wenn er mir dann zeitnah ein Treffen im sogenannten wirklichen Leben vorschlägt.

In einem guten Flirt per E-Mail werden dieselben Stationen durchlaufen wie bei einem direkten persönlichen Kennenlernen: Man interessiert sich für jemanden, fühlt sich von ihm/ihr angezogen und tauscht sich aus, letztendlich in der Absicht, gemeinsamen Grund zu finden. Worüber, das ist individuell verschieden: Kochrezepte, gemeinsame Hobbies, Tagespolitik, sexuelle Wünsche und Vorlieben… das Wohlgefühl darüber, eine Übereinstimmung gefunden zu haben, kann sich auf allen möglichen Gebieten einstellen. Und von diesem Punkt aus sucht man dann weitere Gemeinsamkeiten – oder Unterschiede, die eventuell sogar noch mehr Reibungswärme erzeugen. Meist früher als später entsteht dann auch der Wunsch, dem Menschen am anderen Ende des Internets persönlich zu begegnen und herauszufinden, ob man sich auch ohne Tastatur und Monitor verständigen kann und will.

So ein Treffen nach einem vielversprechenden Online-Vorspiel kann großartig sein – oder total ernüchternd. Wahr ist, dass es bisher noch nicht gelungen ist, ein Verfahren zu entwickeln, mit dem man einigermaßen sicher prognostizieren kann, ob es beim ersten Date funken wird oder eben nicht. Wahr ist auch, dass die ersten fünf gemeinsam verbrachten Minuten uns in dieser Hinsicht im Allgemeinen Klarheit verschaffen. Und das unabhängig davon, wie perfekt der E-Mail-Austausch vorher verlaufen ist. Ich sehe einen Mann, höre seine Stimme, berühre seine Hand oder umarme ihn zur Begrüßung – und meine innere Stimme sagt: „Ach ja, das könnte was sein! Schüttel noch mal die Haare und mach den Schal ab, so dass er dir in den Ausschnitt gucken kann!“ oder: „Um Gottes willen! Musstest du nicht noch ganz dringend ein Buch in die Bücherei zurückbringen?“

Ist das nicht ein Argument gegen eine lange Korrespondenz? Wozu ist es gut, dass ein Mann nach drei Wochen fleißigem Mailen weiß, wie meine Katzen heißen, wenn ich doch nach einem ersten Blick weiß, dass ich nichts von ihm will? Hätte ich mich da nicht direkt nach einem Blick auf sein Profilfoto (und ein, zwei Mails, die mich hinsichtlich der Frage beruhigen, ob er vielleicht ein Vollpfosten, ein Hochstapler oder ein Triebtäter sein könnte) mit ihm verabreden sollen? Hätte das nicht, statt gesteigerter Erwartung auf der Grundlage eines harmonischen Mailwechsels und der folgenden Enttäuschung, den Ball etwas flacher halten können? Klar, im Nachhinein kann man das so sehen.

Weiterhin gilt: Auch bei Männern, die sich schließlich in einem Treffen als „richtig“ erweisen, kann die vorhergehende Korrespondenz wenig erhellend verlaufen und Frauen, die sehr viel Wert aufs Schreiben legen, durchaus entmutigen. Manche Männer haben einfach keinen Spaß daran, sich schriftlich allzu ausführlich zu äußern. Das heißt nicht zwangsläufig, dass sie nichts zu erzählen haben, wirklich nicht – aber das erfährt man eben erst, wenn man ihnen in der Realität gegenüber sitzt. Ist mir schon mehrmals passiert. Ich folge in solchen Fällen – ein grundsätzlich gutes Gefühl bei wenig greifbaren Belegen dafür, dass ein Mann ein Glückstreffer sein könnte – meinem Bauch (der bei ein bisschen Motivation sehr wohl in der Lage ist, Daumen hoch oder Daumen runter zu sagen). Hat durchaus schon geklappt und manche Männer, die keine tollen Mails schreiben, sind live und offline interessante und unterhaltsame Überraschungen. Auch in diesem Fall kann und sollte frau sich eine lange Wartezeit bis zum ersten Date sparen.

Im Zweifel entscheide ich, wenn es um die Frage „Treffen: Ja oder Nein“ geht, für den Mann, der sich ins Zeug legt: Wenn er immerhin glaubt, dass aus uns was werde könnte – auch wenn ich mir da noch nicht so sicher sein sollte – lasse ich mich schon mal zu einem Treffen überreden. In einem solchen Fall aber lieber früher als später, damit sich bis zum Treffen möglichst keine großen Erwartungen aufbauen. Auf beiden Seiten, versteht sich.

Träumen tue ich übrigens von einem Mann, mit dem ich mir ganz lange ganz vorzügliche Mails schreibe. In denen wir nicht über Kochrezepte und Hobbies reden müssen, sondern über alles und nichts. Eben das, was so in meinem und seinem Kopf rumgeistert. Dazu gehören natürlich, wenn es denn gut läuft, auch unsere erotischen und sonstigen Fantasien und Wünsche – die vielleicht überhaupt, durch die Korrespondenz inspiriert, überhaupt erst in den Vordergrund des Bewusstseins vordringen. Ein Mann, der bei mir schon bei dem grundsätzlichen Gedanken, ihn zu treffen, eine Gänsehaut und Schweißausbrüche verursacht: Aus Begeisterung und sich steigernder Lust, aber auch vor Angst, dass sich in einer Offline-Begegnung zeigen könnte, dass doch nichts zwischen uns laufen wird. Wer weiß denn, ob eine Offline-Begegnung mit dem mithalten kann, was mein Kopfkino mir vorher an Ideen und Erwartungen ins Bewusstsein gespült hat? Ein Zurück zum fantasieanregenden Schreiben gibt es nicht (zumindest ist mir kein Fall bekannt, in dem auf ein enttäuschendes Treffen eine nennenswerte Fortsetzung des Schriftverkehrs gefolgt wäre).

Leider kann es wirklich passieren, dass man sich dann offline gegenseitig nicht toll findet, auch wenn man online total ineinander verknallt war. Ein Mittel dagegen gibt es, soweit ich weiß, nicht, auch wenn es nicht unbedingt wahrscheinlich ist, dass auf eine wirklich perfekte Korrespondenz eine komplette Enttäuschung im sogenannten wirklichen Leben folgt. Ein Restrisiko bleibt – aber ein erstes Treffen, bei dem man einer Internet-Bekanntschaft gegenübersteht und denkt: „Wow, du bist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe – aber auch ganz anders! Ich glaube, du bist toll. Und außerdem finde ich dich wahnsinnig sexy!“… Das ist einfach eine unbezahlbare Erfahrung!

Es wird Frühling, Männer und Zugvögel kommen zurück. Und: Tweets, die dann doch nicht das Licht der Welt erblickten.

Es wird offenbar Frühling. Die Temperaturen pendeln sich in den letzten Tagen im einstelligen Plusbereich ein und die ersten Krokusse recken todesmutig ihre Köpfchen aus dem nicht mehr steinharten Erdboden. Was ich, weil es gelegentlich draußen richtig hell wird, sogar sehen kann. Schön.

Auch schön ist, dass vermehrt Männer aus dem Winterschlaf erwachen und sich wieder mit den wichtigen Dingen des Lebens beschäftigen (im Allgemeinen Fußball, Frauen, Bier – die Reihenfolge variiert von Typ zu Typ). In den letzten Tagen sind mir schon ganz unterschiedliche Spielarten des „Mannes im Frühlingsrausch“ begegnet und ich habe mal – nur aufgrund meiner eigenen Erfahrungen – eine kleine Typologie erstellt (und erste Vorschläge zur Behandlung der auffälligsten Symptome erarbeitet).

Typ 1: Der verirrte Zeitreisende
Gibt sich nach durchaus ergiebigem Mailen mit Anspruch und viel gegenseitiger Sympathie unendlich viel Mühe, frau schon beim ersten Date auf charmante Weise ins Bett zu kriegen. Hört sich dafür stundenlang ihre mäßig lustigen Geschichten an, zahlt ihre sämtlichen Caipirinhas sowie zuckerfreie Red Bulls und tut geradezu verliebt. Stellt sich im Bett gar nicht mal ungeschickt an, kommt auch – eigenen Aussagen zufolge – voll auf seine Kosten. Verabschiedet sich mit dem Subtext „Dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“… um am nächsten Tag nichts von sich hören zu lassen. Auf Nachfrage dann zwei Tage später der Hinweis, für einen Kontakt mit gelegentlichem Drübersteigen und sonst nichts sei er sich zu schade. Frau unterdrückt nur mühsam den Drang, sich mit einem Tweet

„Irgendwas mit Männern, Sex beim ersten Date, Doppelmoral, Heuchelei und: Ich prangere das an!“

Luft zu machen.
Diesem Typ Mann hilft man am besten, indem man ihm zeigt, wo er seine Zeitmaschine geparkt hat, und ihn in die 60er-Jahre (welchen Jahrhunderts auch immer) zurückschickt.

Typ 2: „Mein Kopfkino hat einen Filmriss“
Mann präsentiert ein ansprechendes Profil, schickt ein Foto, auf dem er ganz attraktiv rüberkommt, freut sich über eine ermutigende Antwort auf seine Erst-Nachricht – und möchte sich am liebsten noch am selben Abend treffen. Das passiert meistens so gegen 23 Uhr am Sonntagabend, wenn frau mit Haarkur und Gesichtsmaske in dicken Socken auf dem Sofa sitzt und die Zeit zwischen Tatort und Schlafengehen mit dem Surfen auf fremden Männerprofilen überbrückt. Auf den freundlichen Hinweis, heute sei es nicht so gut für ein spontanes Treffen, kommen eine enttäuschte Antwort und die nächste Frage: „Dann morgen? Wann passt es bei dir? Wo wohnst du? Ich komme vorbei.“ Frau sagt, freundlich: „Morgen passt es auch nicht. Überhaupt treffe ich mich erst mit Männern, wenn sie mein Interesse ein bisschen geschürt haben. Mach mal ein bisschen Werbung für dich!“ Mann schreibt, leicht verwirrt: „Häh? Und nächste Woche?“ Frau, leicht ungehalten: „Erzähl mir was von dir, was meine Fantasie in Gang bringt!“ Mann, sehr verwirrt und ebenfalls leicht ungehalten: „Ich habe keine Fantasie, wenn ich vor dem Rechner sitze. Dazu müsste ich vor dir sitzen. Sorry.“ Frau schreibt keinen Tweet über

„Männer, die internetsüchtige Frauen anbaggern und dann nicht mal Mails schreiben wollen. In meinem Posteingang. Dauernd.“

Diesem Typ Mann hilft man manchmal sehr effektiv, indem man ihn auf das sogenannte wirkliche Leben und die Möglichkeit, Frauen offline zu treffen (z. B. beim Single-Abend im Supermarkt oder beim Makramee-Kurs in der Volkshochschule), aufmerksam macht.

Typ 3: Der notgeile Draufgänger
Bestimmt ohne eigenes Zutun ist Mann in die Situation geraten, viel zu lange keinen Sex gehabt zu haben. Trotz eines eigentlich ansprechenden Profils und untadeliger Optik macht er nur Komplimente für aufreizende Fotos und liest allerhöchstens das Motto, nicht aber den mehrzeiligen Profiltext einer Frau, bevor er sie anschreibt. Spätestens in der dritten Mail wird er direkt: „Willst du vögeln, du heiße Frau? Ich bin schon viel zu lange ohne Sex.“ Frau überlegt kurz, ob sie im Männerprofil eine Haftanstalt als vorübergehenden Aufenthaltsort überlesen haben könnte. Ein kurzer Chat mit eingeschalteter Webcam zeigt aber, dass Mann sehr wohl ein Heim hat und eben einfach – warum auch immer – an nichts anderes denken kann als an Sex. Mit wem auch immer. Frau verkneift sich einen Tweet

(„Was nicht fehlt: Männer, die bestimmt 100 unanständige Synonyme für Beischlaf kennen – und zu faul sind, mehr als eins davon zu benutzen.“)

und denkt darüber nach, wie sie aus dieser Geschichte möglichst schnell wieder herauskommt.
Frau sollte nicht versuchen, diesem Typ Mann zu helfen. Einfach ignorieren.

Typ 4: Der sympathische Rumschwafler
Ein eigentlich netter Kerl, mit dem man wochenlang Nachrichten schreiben kann, und zwar über jede noch so belanglose Kleinigkeit des Lebens. Mal mehrere Nachrichten täglich, dann wieder ein paar Tage gar nicht. Er ist nicht begriffsstutzig, kann um die Ecke denken, versteht auch sehr dezente Anspielungen – und lässt sich trotzdem nicht aus der Reserve locken. Schreibt total entspannt übers Wetter, über Flora und Fauna, auf Wunsch sogar über An- und Auszügliches und kommt einfach nicht auf den Punkt. Oder irgendeinen Punkt. Frau findet ihn sympathisch, aber leider kein Stück mysteriös. Versucht gar nicht erst, ihn zu irgendeiner deutlichen Äußerung zu drängen, sondern verbucht ihn im Geiste als „Für wenn mal gar kein anderer mehr da ist!“ Nicht mal zu einem Tweet wie

„Was macht man denn mit einem Mann, der über Bienchen und Blümchen redet und auch Bienchen und Blümchen meint? Frage für eine Ungeduldige.“

reicht es.
Diesem Mann muss möglicherweise gar nicht geholfen werden. Oder vielleicht doch; die Medikation sollte aber nur unter Aufsicht eines Facharztes geändert werden.

Typ 5: Der Möchtegern-Pornostar
Baggert per Mail und per Chat wie ein Großer. Nichts ist ihm unständig, sündig und verrucht genug. Alles, was frau tut oder auch nicht tut, löst bei ihm eine – laufend kommunizierte – Dauergeilheit aus, die er kaum noch kontrollieren kann. Da er davon abgesehen einen zugewandten und zivilisierten Eindruck macht und frau nicht grundsätzlich was dagegen hat, dass ein Mann auf ihre Reize reagiert, kommt es relativ bald zu einem Treffen. Für das frau sich – auf seinen Wunsch – in ihre schönste Wäsche und die High Heels kleidet, die er auf ihren Fotos so bewundert hat. Nach der Ankündigung, wie sehr er sich freue, es ihr jetzt richtig besorgen zu können, reißt er sich seine Jeans vom Leibe – und stolziert im knallroten Tanga vor ihr auf und ab. Frau unterdrückt ihren Drang, über diese überraschende Entwicklung zu twittern, und lässt sich statt dessen aufs Bett werfen. Der Tanga fliegt zu Boden und der Mann präsentiert… äh… Frau kneift die Augen zusammen, um besser sehen zu können, und sieht… was Kleines, Weißes, Zusammengerolltes. Denkt: „Bratwurstschnecke!“ Sagt nichts. Zeigt Verständnis. Lässt sich sogar auf sowas wie Kuscheln (igitt!) ein. Stunden später, die Reizwäsche ist längst ausgezogen und das Licht gelöscht, kommt Mann dann endlich doch in Gang. Macht seine Sache noch nicht mal schlecht, wenn auch auf arg emotionale und anhängliche Weise. Macht frau am nächsten Morgen mehr oder weniger einen Antrag – um anschließend auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Frau twittert wieder nicht

(„Hätte ich geahnt, dass dem Typen seine Impotenz so peinlich ist, dass er untertaucht, hätte ich ihm nicht noch die Pfandflaschen mitgegeben.“)

und streicht die vegetarischen Würstchen für die nächsten Wochen vom Speiseplan.
Dieser Typ Mann braucht dringend Hilfe. Von wem auch immer. Man kann auch wirklich gut mit ihm reden. Aber lasst ihn bloß nicht – niemals nicht! – die Jeans ausziehen.

Gut, da ich nicht großkotzig (und/oder wahllos) wirken möchte, höre ich jetzt mal auf. Aber da, wo diese fünf Typen in den letzten Wochen hergekommen sind, lauern noch einige… und es werden täglich und mit jedem Sonnenstrahl mehr. (Auf Wunsch sicher auch in eurem Posteingang.) Es besteht also die Chance, dass diese Serie in Kürze fortgesetzt wird. Für Hinweise und Tipps, was Haltung und Pflege von Männer im Frühlingsrausch angeht, bin ich wie immer empfänglich. Und die unveröffentlichten Tweets suchen auch noch ein schönes Heim.

Jüngere Männer? Niemals! (Wofür gibt es schließlich Prinzipien? – Zum Überbordwerfen, genau!)

Sich selbst und seine Grundsätze immer mal wieder in Frage zu stellen, ist ja eine gute Sache. Meistens wenigstens. Nicht, dass es so wahnsinnig viele Grundsätze in meinem Leben gäbe – in den meisten Bereichen bin ich durchaus offen für Neues (und wenn auch manchmal nur, weil mir bisher einfach noch kein Standpunkt überzeugend genug war, um ihn gegen Anfeindungen zu verteidigen). Auch was Männer angeht, eigentlich: Ich haben keinen bevorzugten Typ oder so was. Die Männer, die mir bisher so gefallen haben, sahen alle sehr unterschiedlich aus und auch ihre Persönlichkeiten waren ganz verschieden.

 
Ein verbindendes Merkmal gab es: Die Männer, die mir gefielen, waren fast alle erheblich älter als ich. Von Anfang an übrigens: Meinen ersten Crush hatte ich – mit zwölf Jahren – für meinen Deutschlehrer. Es folgten weitere Lehrer, ein Opernsänger, ein Jurist, ein Taxifahrer. Alle älter als ich. Ein Filmschauspieler, der sogar schon tot war (ja, ich war ein merkwürdiges Kind!). Ein einziger Gleichaltriger kurz dazwischen, ein Kollege vom Theater, der aber dann doch lieber schwul wurde. Meine bisher längste Beziehung (wenn man sie so nennen will): mit einem über zwanzig Jahre älteren Mann.
 
Jüngere und gleichaltrige Jungs bzw. Männer wollten nie was von mir – und ich nichts von ihnen. Daran hatte sich auch nach über dreißig Jahren im mehr oder weniger geschlechtsreifen Zustand für mich nichts geändert: Manche Tatsachen sind eben einfach feststehende Tatsachen.
 
Ich war ein dicker, witziger, kreativer, unerschrockener und durchaus beliebter Teenager. Eigentlich dekorativ, aber definitiv anders als alle anderen Mädchen. Ich konnte fast alles, nur nicht in der Menge untergehen. In einer feindlichen Natur, in der Lebewesen sich zum Überleben anpassen müssen, wäre ich schneller ausgestorben gewesen als ein Säbelzahntiger im Salatbeet. Das Prinzip „Wer sich anpassen kann, hat es gelegentlich leichter! “ fand in meinem Leben keine Anwendung. Schüchtern und extrovertiert – eine tödliche Mischung. Jungs betrachteten mich mit einer Mischung aus Bewunderung und Panik, aber ganz sicher nicht als potentielle Beute. Niemals. Nicht, dass ich was von diesen kleinen pickligen Kerlchen gewollt hätte… ich wollte einen erwachsenen Mann, der keine Angst vor mir hatte.
 
Als ich mit dem Online-Dating anfing, hatte sich an dieser Einstellung noch nicht viel geändert. Gut, die Stimme der Vernunft gab zu bedenken, dass für eine Frau von 45 Jahren ein zwanzig Jahre älterer Mann wohl keine gute Idee mehr sei – und wurde erhört. In meiner Suchmaske gab ich also 45 bis 55 Jahre ein; Männer dieser Altersgruppe waren im Joyclub reichlich angemeldet, wie eine kleine Feldstudie ergab. Und sie schrieben mich auch an, zum Glück, denn ich war ja bekanntlich noch nicht mutig genug, um selbst aktiv zu werden. Ich ließ mich lieber finden, überwiegend tatsächlich von den Männern der von mir gewählten Zielgruppe. Die zwei oder drei jüngeren Männer, die mir interessierte Nachrichten schrieben, hielt ich mehr oder weniger für Irrläufer, mit denen ich mich auf keinen ausführlichen Austausch einlassen wollte oder musste.
 
Weil ich anfing, alles über das Thema Online-Dating zu lesen, stolperte ich dann im Netz über einen Artikel, der sich mit den Schwierigkeiten von Frauen über 40, einen neuen Partner zu finden, befasste. Sehr überrascht las ich, dass wir, die Ü-40-Frauen, als schwer vermittelbar gelten (wie z. B. auch Männer, die kleiner als 1,65 Meter sind!). Das war mir noch gar nicht so aufgefallen… wurde in dem Artikel aber als Fakt gehandelt: Frauen zwischen 30 und 40 haben noch reichliche Auswahl und Frauen ab… äh… nun, dem Punkt, wo sie keine Bedenken mehr haben, sich auf einer Senioren-Seite anzumelden, auch. Dazwischen… na ja, das könnte schwierig werden. Bringen Sie viel Geduld mit und schrauben Sie Ihre Ansprüche herunter.
 
Genau das wollen Frauen ab 40 nicht hören: Wir haben keine Zeit mehr, geduldig zu warten: Wer weiß denn, wann die Wechseljahre zuschlagen und was sie mit uns und aus uns machen? Und unsere Ansprüche herunterschrauben… jetzt, wo wir uns endlich soweit sortiert und eingerichtet haben, dass wir das Leben genießen können? Wo wir uns mühsam an den Punkt vorgearbeitet haben, an dem wir einen Mann in unserem Leben nicht mehr unbedingt brauchen (weil wir uns ohne ihn nicht vollwertig fühlen), sondern ihn uns nur wünschen (weil manche Sachen mit einem Mann einfach mehr Spaß machen als mit einem Hund, der besten Freundin oder einem Vibrator)? Da wollen wir doch nicht unsere Ansprüche herunterschrauben und uns mit irgendeinem Typen zufriedengeben, der seinerseits nichts Besseres kriegen kann. Nicht mein Ansatz, wirklich nicht.
 
Ein anderer Artikel riet der Ü-40-Problemgruppe ganz fröhlich, den eigenen Horizont zu erweitern und offener zu sein für die Männer, die auf den ersten Blick nicht ins Beuteschema passen. Aha. Und das wären welche Männer?
 
Kurze Analyse der vorhandenen Bestände und des sich daraus ergebenden Bedarfs:
• Junge Frauen suchen im Allgemeinen junge Männer, die keine Angst vor Frauen haben, die eine Beziehung suchen und vermutlich früher oder später eine Familie gründen möchten.
• Ältere Frauen suchen im Allgemeinen gleichaltrige oder geringfügig ältere Männer, die nach Möglichkeit gut in Form, ungebunden, (finanziell) unabhängig, attraktiv und beziehungsfähig sein sollen.
• Junge Männer suchen im Allgemeinen junge Frauen. Der Wunsch nach einer festen Beziehung und Familiengründung ist bei den meisten Exemplaren häufig noch nicht so ausgeprägt wie bei den gleichaltrigen Frauen, aber doch zumindest latent vorhanden. Außer bei den jungen Männern, die – aus Gründen – eben das vermeiden wollen.
• Ältere Männer suchen im Allgemeinen… junge Frauen. Oft haben sie eine Beziehung mit einer gleichaltrigen Frau hinter sich – und möchten jetzt etwas anderes. Die Tatsache, dass jüngere Frauen mit Familienwunsch sich für sie interessieren, schmeichelt durchaus ihrer Eitel- und Männlichkeit. Da es genügend junge Frauen gibt, die für den Charme eines reiferen Mannes anfällig sind, haben zumindest die attraktiven und finanziell unabhängigen Herren auch reichlich Auswahl.
Und – wer hat’s bemerkt? Genau: Die Interessen der jungen und der älteren Frauen überschneiden sich an dieser Stelle.
 
Wer ist also noch nicht vermittelt? Natürlich: Die älteren Frauen. Wer noch? Richtig: Die jungen Männer, die bei den jungen Frauen nicht landen können (z. B. weil sie schon Kinder aus einer früheren Beziehung mitbringen, finanziell klamm oder zu ungeschickt und unerfahren im Umgang mit Frauen sind) oder wollen (z. B. weil ihnen gerade ihre eigene Karriere wichtiger als ist als die Selbstverwirklichung ihrer Partnerin und sie sich deshalb nicht dauerhaft binden wollen).
 
Gibt es Alternativen für die älteren Frauen? Sicher. Bestimmt einer von hundert reiferen Männern entscheidet sich bei der Frage, ob er lieber eine attraktive Mittdreißigerin oder eine nicht minder attraktive Mittvierzigerin will, für die ältere Frau. Mehr nicht? Doch, klar: Es bleibt noch eine (gar nicht mal so kleine) Gruppe von Männern, die – sterbenslangweilig, obwohl vielleicht auch erst 45 – bei einer Frau, die ihren neugierigen Blick über das Online-Profil schweifen lässt, nur eine Reaktion hervorruft: „Was willst du denn? Restpflege?“ Diese Männer wollen wir mal außen vor lassen, okay?
 
Kommen wir zurück zu den beiden großen, noch nicht vermittelten Gruppen: Den jungen Männern ohne Familiengründungswunsch und den älteren Frauen (ebenfalls ohne Familiengründungswunsch; dieser ist entweder bereits verwirklicht oder mittlerweile abgehakt). Möglicherweise ist die Schnittmenge an Gemeinsamkeiten viel größer als gedacht. Lustigerweise scheinen die Männer dies eher zu realisieren (obwohl Frauen sicher viel mehr über diese Themen nachdenken): Nur wenige reifere Frauen schreiben aktiv jüngere Männer an; umgekehrt werden es täglich mehr junge Männer, die ihr Beuteschema erweitern und ihr Glück bei Frauen versuchen, die zehn oder fünfzehn Jahre älter sind als sie.
 
Es ist in der Grinsekatze nachzulesen: In meine erste Begegnung mit einem jüngeren Mann bin ich irgendwie so reingestolpert. Nummer 4 (der in die Gruppe der jungen Männer gehört, die keine Zeit für eine Beziehung haben) wollte nur spielen und ich hatte gerade nichts Besseres zu tun und habe mitgespielt. Dass sich daraus eine so große Geschichte entwickelt, war weder abzusehen noch geplant. Über den Altersunterschied haben wir nie gesprochen. Als ich letzten Sommer, des Ja-und-Nein-Spiels mit Nummer 4 vorübergehend müde, mal wieder Männerprofile durchforstete, war ich noch der festen Ansicht, dass dieser eine junge Mann ein Ausrutscher war und eine Ausnahme bleiben würde (dementsprechend wies ich die mich zwischendurch immer mal wieder anschreibenden jungen Männer ohne genauere Überprüfung ab).
 
Zu dieser Zeit überarbeitete ich auch meinen Profiltext im Joyclub: Mein Profil wurde weniger harmlos und sympathisch und dafür sehr viel frecher und herausfordernder. Entsprechend veränderten sich auch die Zuschriften bzw. die Männer, die mir schrieben. Plötzlich schienen das Gros der interessierten Männer nicht mehr in die Gruppe der Junggesellen zwischen 45 und 55 zu passen: Mindestens die Hälfte der Männer war jünger als ich und die meisten älteren Männer, die mir noch schrieben, gaben „Feste Beziehung“ als Status an. Da ich gebundene Männer grundsätzlich aussortiere (das hatte ich vor meinen Online-Dating-Zeiten schon mal und brauche ich nicht wieder), blieben überwiegend jüngere Männer übrig, die meisten zwischen 35 und 40. Und mir wurde plötzlich klar, dass die auch schon erwachsen sind! Was für eine Erkenntnis – und was sagt die über mich??? (Memo an mich selbst: Diesen Gedanken besser nicht weiter verfolgen!)!
 
Die jüngeren Männer unterscheiden sich von den älteren Männern im Großen und Ganzen vor allem durch ihren Blick aufs Leben. Die, mit denen ich bisher zu tun hatte, sind alle recht erfolgreich in ihrem Beruf und scheinen auch sonst mit ihrem Leben ganz gut klarzukommen. Was mir an ihnen sehr angenehm auffällt: Sie sind nicht ständig auf der Suche nach Lob und Bestätigung, weder durch mich noch durch andere. Da sie an mir meistens meinen extrem feinsinnigen und geistreichen Humor schätzen (neben meinen optischen Vorzügen, versteht sich), lassen sie es sich gefallen, dass ich sie nicht immer ernst nehme und manchmal sogar ein bisschen verschaukele. Entsprechend verschaukeln sie mich dann auch, vor allem, wenn sie erst mal gemerkt haben, dass ich Frechheit durchaus zu schätzen weiß. Auf die Weise sind eigentlich die bisher ergiebigsten Mailwechsel entstanden – unabhängig davon, ob man sich dann später trifft oder nicht.
 
Natürlich schrieben und schreiben mir auch weiterhin die Männer aus meiner ursprünglichen Zielgruppe. Und ich überrasche mich selbst beim Lesen ihrer Zuschriften und ihrer Profile immer häufiger bei dem Gedanken: „Was willst du alter Knacker eigentlich von mir?“ Dann gucke ich noch mal schnell auf die Altersangabe, denke „Ups, zwei Jahre jünger als ich! “ und trete mich innerlich in den Allerwertesten. Schreibe freundlich und ermutigend zurück und stelle immer mal wieder fest, dass auch Männer über 40 oder gar 45 noch ganz unterhaltsam sein können – auch wenn sie oft keine Lust auf lange Korrespondenz haben (was vielleicht auch daran liegt, dass sie zum Schreiben eigentlich eine Sekretärin brauchen) und sich stattdessen so schnell wie möglich treffen wollen.
 

Letztendlich sollte meine Devise wahrscheinlich lauten: Flexibel bleiben und offen für alles! Ich mag nun mal Männer, die (noch) nicht alles so ernst nehmen, die Freude an den Dingen haben, mit denen sie sich umgeben und die mit wachem Interesse und einer gesunden Neugier in die Zukunft schauen. Klagen wie „Früher war mehr Lametta!“ und „Ich glaube, diese Schmerzen im Rücken sind jetzt chronisch!“ lassen sich bei Twitter gut verwerten, sind aber im wirklichen Leben eher unsexy. Meine Meinung. Natürlich leide ich auch mal am Leben und jammere sowieso total gerne rum. Aber dafür habe ich doch Familie und Kollegen und nicht die Männer, die ich gerade erst kennen lerne und denen ich gefallen möchte. Ich hatte schon viel Spaß im Leben, mit oder ohne Männer. Ich brauche keinen Mann, um mich zu amüsieren, aber manche Sachen… ach, siehe oben! Ich bin 47 – alt und langweilig werde ich von ganz alleine. Aber bis es so weit ist, können ruhig noch ein paar Typen kommen und mich ein Stückchen auf meinem Weg begleiten, möglichst ohne mein Leben dadurch langweiliger zu machen. Wo das alles enden soll? Keine Ahnung. Hauptsache, es endet nicht zu schnell!

Was ist „Grinsekatze geht ins Netz“?

„Grinsekatze geht ins Netz“ ist ein Blogroman (oder Romanblog?), in dem ich über mein Leben und insbesondere über meine Erlebnisse und Erfahrungen beim Online-Dating berichten werde.

 

Seit Oktober 2010 bin ich bei einer Dating-Community angemeldet, wo ich mit verschiedenen Männern sehr anregende und unterhaltsame E-Mails ausgetauscht habe. Von Anfang an war ich davon überzeugt, dass diese sich stetig vermehrende Korrespondenz eine wunderbare Grundlage für einen „modernen Briefroman“ zum Thema Online-Dating sein müsste – und so begann ich, die vorhandenen Mails zu bearbeiten und durch weitere Elemente und Handlungsstränge zu ergänzen.
 
Mittlerweile habe ich mich mit fünf Männern auch im wirklichen Leben getroffen; den drei ersten Kapiteln, die diese Woche ins Netz gehen, werden also noch einige weitere folgen – und obwohl ich im Moment nicht auf der Suche nach „Nachschub“ bin (Nummer vier beschäftigt mich nämlich schon seit einiger Zeit), steht zu befürchten, dass diese Geschichte eine unendliche werden könnte. Schon aus diesem Grund scheint mir ein Blog, in dem ich einfach ein Kapitel nach dem nächsten online stellen kann, das perfekte Medium zu sein.
 
Beim Lesen viel Vergnügen! Kommentare und Rückmeldungen sind erwünscht!
 
Bettina Kok
Juli 2011

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