Grinsekatze geht ins Netz

Was man probieren kann, wenn man etwas Zeit hat: Speed-Dating

Kürzlich loggte ich mich morgens in mein Singlebörsen-Profil ein und hatte keine neue Nachricht im Posteingang. Nicht eine. „Oh, da war wohl in der Nacht der Server down“, dachte ich, „gut, dass ich keine dringenden Flirtgeschäfte zu erledigen hatte. Sicher ist die Seite gerade erst wieder online und keiner der Männer, die mir dringend schreiben wollen, hat es mitgekriegt.“ Nichts Böses ahnend loggte ich mich aus und ging arbeiten. Um am Abend immer noch vor einem leeren Postfach zu sitzen. Am nächsten Morgen, in den Ecken des elektronischen Briefkastens bildeten sich bereits Spinnenweben, dämmerte es mir dann: „Verdammt. Ich habe die Singlebörse durchgespielt!“

In der Tat bestätigte ein kurzer Einsatz der Suchfunktion mit meinen voreingestellten Parametern meine Vermutung: Ich kenne mittlerweile alle Männer, die theoretisch meinem Beuteschema entsprechen! Nicht alle persönlich (nicht mal annähernd), aber ich habe mir die Profile angesehen und die meisten haben auch mein Profil schon einmal in Augenschein genommen. Und dann hatten wir entweder Kontakt oder auch nicht. Denn manchmal „passt“ es ja nur theoretisch und praktisch denkt man „Och nö, bitte nicht!“. Die Typen mindestens ebenso häufig wie ich – ich war immer „special interest“ und nicht massentauglich. Und das ist auch völlig in Ordnung. Es gab aber definitiv keine bisher übersehenen Profile mehr, die bei mir den starken Wunsch ausgelöst hätten, Kontakt herzustellen. Und – so lallte ein leises und fast nicht mehr verständliches Echo in meinem Postfach – offenbar auch keine Männer, die mich bisher übersehen hatten und trotzdem unbedingt Kontakt mit mir wollten.

Was tun? Männer anschreiben, die mich eigentlich nicht interessieren? Lieber nicht. Mal wieder eine andere Singlebörse ausprobieren? Im Prinzip ja, aber welche? Bei den meisten war ich ja schon einmal angemeldet und dann schnell – aus Gründen – wieder weg. Im sogenannten wirklichen Leben versuchen, Männer kennenzulernen? Haha. Ha… ha.

Mal was anderes versuchen? Warum nicht? Das Konzept des Speed-Datings fand ich schon immer clever und interessant. Sieben Frauen, sieben Männer und jeder hat sieben Minuten mit jedem, um rauszufinden, ob sich ein ausführlicheres Kennenlernen lohnen könnte. Basierend auf der Annahme, dass wir Menschen grundsätzlich innerhalb von Minuten (oder noch schneller wissen), ob wir unser Gegenüber interessant und attraktiv finden. Zwar konnte ich mir nicht wirklich vorstellen, bei einer solchen Gelegenheit einen Mann (oder gar mehrere) zu treffen, mit denen ich mir irgendwas vorstellen kann – mein Geschmack ist schließlich auch sehr speziell – aber mal ausprobieren wollte ich das doch gerne. Schon um zu sehen, wie ich mit so einer Situation klarkomme, ob ich mich wohlfühle und so zeigen kann, wie ich bin. Oder wie ich sein möchte, je nachdem…

Eine kurze Recherche ergab, dass es in Hamburg verschiedene Anbieter für Speed-Dating-Veranstaltungen gibt, sie unterscheiden sich nicht groß voneinander, was Aufmachung, Verfahrensweisen und Kosten anging. Ich entschied mich für den größten bzw. in der Suchmaschine zuerst genannten Anbieter, weil dort noch eine kurzfristige Anmeldung für das kommende Wochenende möglich war. Dieser Veranstalter bietet Speed-Dating regelmäßig jeden Sonntag in einer zentral gelegenen Location an, Kostenpunkt: 19 Euro. Die Teilnehmer werden nach Alter in drei Gruppen einsortiert – klar, dass ich mich für die Senioren anmelden musste. Auf der Website ist zu sehen, ob eine Veranstaltung, schlecht, normal oder sehr gut besucht sein wird… theoretisch. Praktisch drücken das gelbe Männchen und das gelbe Frauchen, die eigentlich ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis und genügend Anmeldungen symbolisieren sollen, vielleicht eher das Wunschdenken der Veranstalter aus. Jedenfalls wurde die Veranstaltung am Freitagabend um eine Woche verschoben, weil sich nicht genügend Teilnehmer angemeldet hatten.

Pech, dachte ich, ausgerechnet wenn ich mal Zeit habe, kann kein anderer. Na ja, dann eben nächsten Sonntag – immerhin leitet der Veranstalter ja jetzt „eine geeignete Marketingmaßnahme“ ein. Umso überraschender, dass auch am nächsten Wochenende nicht genügend Anmeldungen vorlagen. Ebenso am Sonntag darauf und… schneller Vorlauf bitte… sechs Wochen später, ich sage gerade zu meinen Kollegen: „Bestimmt wird das Speed-Dating wieder abgesagt, dann kann ich am Sonntagabend!“, da bekomme ich eine Bestätigungsmail des Veranstalters! Also doch! Und nun?

Unnötig zu erwähnen, dass sich im Laufe der sechs Wochen doch wieder die eine oder andere Mail in mein Singlebörsen-Postfach verirrt hat; ich bin eigentlich wieder ganz gut im Geschäft. Und außerdem ist dieser Sonntag der letzte vor meinem sechswöchigen Urlaub und ich bin abends mit meinen Kollegen verabredet. Aber jetzt von mir aus das Speed-Dating absagen bzw. verschieben? Wer weiß, wann das nächste Mal eine Veranstaltung zustande kommt? Und überhaupt: Je weniger nötig ich das Ganze habe, desto weniger nervös bin ich. Also los.

Am Sonntagabend ziehe ich also, für meine Verhältnisse eher dezent aufgebrezelt, in das angegebene Lokal, so ein Multifunktions-Ketten-Dings, das von allem ein bisschen und nichts richtig bietet. Essen würde ich hier ungern, aber darum geht es ja heute nicht. Ich bin, eine gute Viertelstunde vor Beginn, die erste Teilnehmerin und treffe den „Love Angel“, eine sympathische junge Frau, die die Mistress of Ceremonies gibt, noch allein an. Sie zeigt mir „unseren Bereich“ im Restaurant, fünf Zweiertische in einer Ecke. Mit sieben Männern und sieben Frauen ist also wohl trotz aller geeigneten Marketingmaßnahmen nicht zu rechnen.

Ich sichere mir einen Randplatz auf der Bank („Die Damen dürfen sitzen bleiben, die Herren werden nach jeweils sieben Minuten aufgefordert, einen Tisch weiter zu rücken.“) und suche dann die Nebenräume auf. Ohne Spinat zwischen den Zähnen und andere kleine Pannen im Outfit flirtet es sich doch leichter. Als ich zurückkomme, sind bereits ein Herr und zwei weitere Damen eingetroffen. Der Herr, ein nicht unattraktiv aussehendes Exemplar und sichtlich nervös, sitzt an meinem Tisch und hantiert mit Sichthüllen und Zetteln. Offenbar ein Perfektionist. Ich habe zwar, wie erbeten, mein eigenes Schreibwerkzeug dabei, bin sonst aber weitgehend unvorbereitet. Der „Bewertungsbogen“ kommt vom Veranstalter, so war es angekündigt, und ich habe mich gegen einen schriftlichen Fragenkatalog entschieden. Ein Gegenüber bei Bedarf einschüchtern kann ich auch ohne solche Hilfsmittel, da bin ich sicher.

Während weitere Teilnehmer beiderlei Geschlechts eintreffen und ein etwas arroganter Kellner unsere Getränkebestellungen aufnimmt, entwickeln sich schon die ersten Gespräche. Natürlich nur unter den aufgeschlosseneren Teilnehmern – und denen, bei denen sich Nervosität durch Sabbeln entlädt. Mein Gegenüber hantiert noch immer eher einsilbig mit seinen Utensilien, aber am Nachbartisch hat ein Typ Platz genommen, der nach eigener Aussage sehr nervös ist, sich davon aber nicht in seinen kommunikativen Bedürfnissen einschränken lässt. Lustiger Typ, aber mir zu klein, glaube ich. Und außerdem spricht er etwas, das sich anhört wie ein Schwabe, der von einer Sächsin großgezogen wurde. Seufz. Klar, dass er damit aus der engeren Wahl schon rausfällt, bevor der offizielle Teil des Abends überhaupt begonnen hat. Sagt er sogar selbst.

Die weiblichen Teilnehmer an dieser Veranstaltung sind bereits vollzählig, alle mehr oder weniger in meinem Alter und auf ihre Weise attraktiv, zum Glück auch alle sehr unterschiedlich. Eine kleine Pummelige, eine mit Wischmopp auf dem Kopf (mit Haarschleife drin!) und sehr hübscher Figur, eine mit Schalfransenfummelzwang und eine, die eigentlich nur Erika Mustermann heißen kann. Keine, die mir Komplexe einflößt, und keine, die mir leid tut. Fast wie im wirklichen Leben.

Unser Love Angel ergreift nun das Wort, begrüßt uns und erklärt noch einmal kurz die Spielregeln. Jeder von uns hat sich bei der Anmeldung ein Pseudonym ausgesucht, mit dem soll er sich seinen Gesprächspartnern jetzt vorstellen und später dann für die Auswertung auf der Website des Veranstalters einloggen. Der offizielle Ablauf geht nämlich so, dass wir uns jetzt mit jedem potenziellen Partner sieben („Na ja, da wir heute nur vier Männer und fünf Frauen haben, können wir das auch auf jeweils zehn Minuten erweitern!“) Minuten unterhalten und dann schnell – natürlich unter dem richtigen Pseudonym – Notizen machen. Im Anschluss an die Veranstaltung loggt man sich dann auf der Website ein, geht in seinen „persönlichen Bereich“ und findet da die Pseudonyme wieder. Man entscheidet sich, ob und wem man seine Kontaktdaten geben möchte, und klickt die Namen entsprechend an. Oder auch nicht. Nur wenn das angeklickte Pseudonym auch an weiterem Kontakt interessiert ist, werden tatsächlich Kontaktdaten weitergegeben. Wenn ich jemanden nicht anklicke und er mich, werde ich darüber nicht informiert, und umgekehrt natürlich auch nicht. Klingt fair, finde ich.

Dann geht es los. Vier Männer und fünf Frauen – der Love Angel betätigt sich als Platzhalter und ersetzt den fehlenden Mann – beginnen, sich ihre Pseudonyme zuzubrüllen. Der Lärmpegel steigt in Sekundenschnelle. Mein Pseudonym ist „Kurvenstar“ – warum, erklärt sich ja wohl von selbst. Dachte ich. Der gut vorbereitete Mann mir gegenüber trägt dies gewissenhaft auf seiner selbst erstellten Fragetabelle ein und stellt mir die erste Frage: „Bist du aus Hamburg?“ Gefolgt von: „Darf ich dich fragen, in welcher Branche du arbeitest? Vollzeit oder Teilzeit?“

Ich gebe bereitwillig Auskunft, frage auch gelegentlich zurück: „Und du?“, schrecke aber davor zurück, das Gespräch an mich zu reißen. Nachher sind unsere zehn Minuten um und er hat die Frage, ob ich lieber hart- oder weichgekochte Eier esse, noch nicht stellen können. Und daran scheitert dann möglicherweise unsere junge Liebe! Langweile mich aber, obwohl ich den Typen nett und auch nicht unpfiffig finde, ob seiner Vorgehensweise ein bisschen. Aber wahrscheinlich liegt das daran, dass er ganz klar etwas anderes sucht als mich. Was will ein alleinerziehender Vater, der sich für Sport begeistert und Musik, obwohl aktiv ausgeübt, als Hobby bezeichnet, denn wohl mit mir, der durchgeknallten Kuh ohne Übergangsjacke, anfangen???

Tatsächlich sind wir erst in der Mitte des Fragenkatalogs, als das Signal ertönt („Ich habe keine Klingel, also klopfe ich mal auf den Tisch!“) und mein Gesprächspartner mir untreu werden muss, um einen Tisch weiter zu ziehen. Mir gegenüber nimmt ein großer, schlaksiger Typ mit ohne Haare Platz, der sich gleich mit seinem Vornamen vorstellt und sein Pseudonym („Anfangsbuchstabe und Geburtsdatum“) erklärt. Er ist kein Speed-Dating-Novize und macht einen etwas resignierten Eindruck. Bricht dann schier zusammen, als ich ihm erkläre, dass Sport, außer vielleicht Ritter Sport, in meinem Leben keinen Platz hat und unter keinen Umständen in Frage kommt. Es tut mir ja auch leid, aber soll ich bei so einer wichtigen Frage lügen?

Der dritte Partner ist ein untersetzter Außendienstler, der ganz offensichtlich so eingeschüchtert von meiner Ausstrahlung ist, dass er nur mit Mühe auf meine Gesprächsangebote reagiert. Und dabei habe ich ihm gar nichts getan. Wir plaudern über Urlaub im Grünen und sind beide sehr erleichtert, als auf den Tisch geklopft wird. Er verschwindet grußlos in einer Staubwolke, äh, am Nebentisch.

Zwischendurch bin ich auch mal diejenige, die keinen Mann abkriegt und sich stattdessen mit dem Love Angel unterhalten darf. Auch sehr nett, so rein von der Qualität unseres Austauschs her gedacht, wäre sie die Partnerin der Wahl. Aber sie hat offensichtlich, ebenso wie ich wohlgemerkt, kein Interesse an Frauen.

Zum Schluss kommt der sächselnde Schwabe, der am Nebentisch gestartet war, zu mir. Nachdem wir noch einmal geklärt haben, dass wir uns nichts zu sagen haben, unterhalten wir uns sehr entspannt und fröhlich über völlig unwichtige Sachen. Der Typ ist eigentlich recht cool und bringt mich sogar so zum Lachen, so dass wir auch nach dem offiziellen Ende unserer zehn Minuten noch weiterplaudern, schon, weil es jetzt nicht mehr drauf ankommt. Zwei der Männer rennen direkt raus, noch vor dem Love Angel, der uns dann auch mit einem „Wenn ihr noch mögt, könnt ihr euch natürlich weiter unterhalten. Ich verabschiede mich dann, absichtlich aber nicht mit ‚Bis zum nächsten Mal!'“ verlässt.

Der gut Vorbereite ist auch noch da, sitzt aber mit dem Rücken zu meinem Tisch, unterhält aber – keine doofe Idee! – seine derzeitige Dame mit Kartentricks! Die restlichen Frauen unterhalten sich gegenseitig. Der Schwabe verabschiedet sich als nächster, ich gebe ihm zwei Minuten Vorsprung und gehe dann auch.

Kurz nach neun stehe ich wieder auf der Straße und kann gleich weitergehen zu der Abschiedsparty, auf der ich meine Kollegen treffen will. Alles in allem bin ich ganz zufrieden mit dem Verlauf des Abends, habe mich ziemlich entspannt gefühlt. Was aber auch damit zu tun hat, dass mir kein Mann gegenüber gesessen hat, bei dem ich gedacht hätte: „Obacht, der könnte es sein. Reiß dich zusammen und gib alles… aber auf gar keinen Fall zu viel!“

Die Auswertung des Speed-Datings wird bis morgen warten müssen. 48 Stunden haben wir offiziell Zeit – „Denkt daran, die anderen warten ja auf eure Bewertung!“ Muss mir auch überlegen, was ich da eingeben will. Möchte ich einen der Herren wiedersehen? Glaube ich, dass einer der Herren mich wiedersehen will? Was ist, wenn mich niemand wiedersehen will? Wenn ich keinen anklicke, bleibt mir diese Schmach erspart – aber will ich auf diese Weise sicher gehen?

Noch mal einen Schritt zurück. Im Grunde ist es so, wie ich es erwartet hatte: Keiner der vier Männer passt wirklich in mein Beuteschema. Keiner gefällt mir rein, was Äußerlichkeiten und Sympathie angeht, so unglaublich gut, dass ich alles versuchen würde, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Von allen sexuellen Fragen, die an diesem Abend komplett außen vor blieben, mal abgesehen… glaube aber auch nicht, dass in der Hinsicht einer in mein Beuteschema passt. Sie machen alle einen eher braven Eindruck, auch was die Erotik angeht.

Rein optisch gefällt mir Kandidat 1 am besten. Bin aber fast sicher, dass er nicht an mir interessiert ist, der sucht eher eine berechenbare Größe und nicht so eine durchgeknallte Tussi wie mich. Kandidat 2 und 3 kann ich vernachlässigen, die spielen nicht in meiner Liga, das steht auch fest. Kandidat 4 sollte nicht so viel reden, sagt er (tut er aber trotzdem), war jedoch am unkonventionellsten und am wenigsten fixiert auf schnelle Ergebnisse. Würde ich mal denken. Schon allein, um ihm zu sagen, dass das Gespräch mit ihm das netteste des Abends war, würde ich ihm meine Kontaktdaten geben wollen.

Am nächsten Morgen gehe ich in meinen „persönlichen Bereich“ auf der Website des Veranstalters, klicke auf „Auswahl der Teilnehmer“ und finde die vier Pseudonyme von gestern vor. Klicke kurzentschlossen auf die Kandidaten 1 und 4. Nichts passiert. Okay… mal sehen, wo die Ergebnisse aufscheinen. Weiter unten auf der Seite eine Zwischenbilanz: Zwei von vier Teilnehmern haben bereits ihre Bewertung abgegeben, null von vier Teilnehmern wollen dich wiedersehen, Erfolgsbilanz: Nullkommanull Prozent.

Oh. Ganz so unfreundlich müsst ihr mir das doch nicht sagen, oder? Ich klicke noch etwas ziellos auf der Seite rum, aber mehr Informationen gibt es nicht. Zwei von vier Teilnehmern haben ihre Bewertungen bereits abgegeben. Wenn das die Kandidaten 2 und 3 waren, ist es ja völlig unerheblich, ob sie mich wiedersehen wollen, denn ich habe sie ja nicht als wiedersehenswürdig markiert. Insofern spricht nichts gegen die Annahme, dass sie mich auf jeden Fall wiedersehen wollten. Wenn diese Bewertungen aber von den Kandidaten 1 und 4 stammen, dann wird meine Erfolgsbilanz bei nullkommanull bleiben, egal, was die Herren 2 und 3 zu sagen haben. Das muss ich nicht gut finden, oder? Egal, im Moment kann ich nichts tun und zur Panik gibt es noch fast keinen Grund!

Ich konzentriere mich auf meinen ersten Urlaubstag (und das Date, das ich am Abend – auf ganz normale Weise über die Singlebörse verabredet – habe) und bemühe mich, nicht weiter an das Speed-Dating zu denken. Bin umso erfreuter, am Nachmittag eine E-Mail mit „Es gibt eine Übereinstimmung“ zu erhalten. Natürlich ohne weitere Angaben, dafür muss ich mich wieder auf der Website einloggen. Es ist Kandidat 4, dessen E-Mail-Adresse mir jetzt feierlich übergeben wird. Schön, ich freue mich. Nicht, dass ich jetzt Zeit dafür hätte, oder dass ich wüsste, was ich mit dem Typen soll. Aber immerhin. Meine Erfolgsbilanz steht jetzt bei fünfundzwanzig Prozent.

Anmerkung 1: Bei Redaktionsschluss (Dienstag, 16 Uhr) liegen auf der Website weiterhin nur drei von vier Bewertungen vor. Die vorgegebenen 48 Stunden sind ja bald um. Hoffentlich ist keiner der Kandidaten auf der Rückreise vom Speed-Dating verhaftet worden.

Anmerkung 2: Von Kandidat 4 habe ich noch nichts gehört. Aber natürlich habe ich ihm auch nicht geschrieben. Vielleicht reicht ja uns beiden der Gedanke, dass wir es könnten…

Anmerkung 3: Ich esse weder hart- noch weichgekochte Eier. Omelette oder Pfannkuchen finde ich gut, alles andere ist in meinen Augen Verschwendung.

  

Dating sollte wie Fußball sein. Oder wie Twitter. Auf jeden Fall mit Katzen, Eisbären und Wollmäusen.

Jetzt sind schon vier von meinen sechs Urlaubswochen rum. Wahnsinn. Eigentlich habe ich mich von Anfang an entspannt und erholt gefühlt – und mich nur gelegentlich ein bisschen gewundert, dass ich so viel schlafen und essen muss und irgendwie nichts geregelt kriege. Von meiner To-Do-Liste mit zehn Hauptanliegen habe ich etwa zweidreiviertel Punkte abgearbeitet. Das ist nicht gerade die beste aller möglichen Ausbeuten. Weder habe ich bei schönem Wetter spontan schöne Ausflüge gemacht, noch bei schlechtem Wetter endlich den Keller aufgeräumt. Ich war zwar zweimal bei Ikea, habe aber die Hälfte der notwendigen Kleinigkeiten vergessen – weil ich es nicht geschafft habe, mir einen Einkaufszettel zu schreiben…

Apropos schreiben… auch da fehlt mir im Moment sowas von der nötige Drang. Schrecklich: Ich habe so viele gute Sachen im Kopf, fürs Blog und auch für eine längere Geschichte, aber ich bin einfach zu unkonzentriert und zu lahm, um auch nur halbwegs in Gang zu kommen.

Zwei Dinge gibt es (immerhin), die diesen Sommer trotz aller Erschöpfung echt gut für mich laufen: Twitter und Online-Dating.

Twitter ist großartig, es erfordert keine sehr große Aufmerksamkeitsspanne – 140 Zeichen pro Meldung kriege ich noch gerade so hin. Und ich werde offenbar besser; meine Tweets, die (überraschenderweise) zum größten Teil von Katzen, Eisbären, Wollmäusen und Online-Dating handeln, werden gelesen… und bekommen Sternchen von anderen Twitterern. Gestern hat ein Tweet von mir zum ersten Mal im Laufe nur eines Tages mehr als 50 Sterne bekommen – boah, war ich stolz!
 


 
Das Online-Dating läuft auch super. Echt. In den letzten Wochen habe ich mehr Männer getroffen als in den knapp 40 Millionen Jahren vorher… und dabei hatte ich noch eine Menge Spaß. So langsam habe ich den Dreh nämlich raus: Der ganze Vorgang, bestehend aus Anlocken (oder Anschreiben) von Männern, längerer oder kürzerer Korrespondenz, dem Planen von Verabredungen und dem Date selbst, macht mir erheblich mehr Vergnügen als Mühe – unabhängig davon übrigens, wie erfolgreich die Treffen dann so laufen.

Und die meisten Dates laufen gut. In letzter Zeit erwische ich zunehmend interessante und liebenswürdige Männer (und einige davon sogar in meinem Alter). Die meisten dieser Männer sind, wenn man sie fragt, auf der Suche nach dem, was sich eben ergibt. Damit meinen sie im Allgemeinen, dass sie sich, wenn es nicht unbedingt nötig ist, nicht auf irgendwas, sei es die Frau oder eine bestimmte Vertragslaufzeit, festlegen wollen. Sie wollen in allererster Linie ihr Vergnügen, je nach Veranlagung und Sozialisation mit wechselnden oder auch wiederkehrenden Partnerinnen. Eine festere Bindung schließen sie nicht grundsätzlich aus, suchen aber, so zumindest meine Erfahrung, auch nicht gezielt danach – was passiert, passiert (und wenn es nicht passiert, ist es auch gut).

Ich habe festgestellt, dass sich das mit meinen Wünschen und Vorstellungen ohne Weiteres in Einklang bringen lässt. Ich bin mittlerweile ein glücklicher Single und friste mein Dasein mit den weltbesten haarigen Mitbewohnerinnen, einem ziemlich unterhaltsamen Job nebst fantastischen Kollegen, dem besten Twitter von allen und noch ein paar anderen „Kleinigkeiten“ wie Familie und Freunden, die mein Leben lebenswert machen. Einen festen Freund hätte ich auf die Dauer schon gerne wieder – nicht unbedingt zum Zusammenleben und so, aber schon als regelmäßigen Bestandteil meines Lebens. Und bis sich da einer findet, der gut für mich ist und für den ich gut bin, habe ich Spaß… in wechselnder Besetzung. Je häufiger ich mir die Chance gebe, einen neuen Mann kennenzulernen, desto höher ist doch die Wahrscheinlichkeit, dass sich einer findet, mit dem es nicht beim Kennenlernen bleibt.
 


 
Nicht dass ich viel Ahnung vom Fußball hätte, aber: Wer gar nicht erst aufs Tor schießt, wird das Tor nicht treffen – darauf können wir uns wohl verständigen. Ein Spieler, der aufs Tor schießt, so oft sich eine Gelegenheit ergibt, auch mal spontan und aus einer eigentlich ungünstigen Position heraus, der wird sicher häufig danebenschießen, immer mal wieder gegen die Latte oder den Pfosten knallen, aber auch von Zeit zu Zeit an einem überraschten und sich nicht rührenden Torwart vorbei einen Treffer landen. Und selbst in den Spielen, in denen aus 35 Torschüssen pro Halbzeit kein einziges Tor entsteht, gibt es für Beteiligte und Zuschauer selten Grund zur Langeweile. Wer immer nur seine Defensive sortiert und auf den perfekten Moment zum Angriff wartet, wartet gelegentlich vergebens… und wird dabei immer langweiliger. Und langweilig möchte ich nicht so gerne sein.
 


 
Wenn sich ein Flirt nach dem ersten Date erledigt hat, dann wird eben ein Auswechselspieler von der Bank geholt, kein Problem. Da sitzen zum Glück meistens ein paar gut trainierte Ersatzmänner und warten auf ihren Einsatz. Und einer von ihnen ist vielleicht noch frei für die Saison, passt auf die freie Position und erweist sich als Volltreffer. Das zeigt sich aber erst im Spiel, denn schließlich suche ich keinen netten, harmlosen Mann, der so schnell wie möglich wieder in eine feste Beziehung möchte: Weil er es nicht anders kennt, weil er sich sonst fürchtet und weil er nicht genau weiß, wie die Waschmaschine funktioniert. Das wäre zu wenig. Zu wenig Abenteuer, zu wenig Spaß, zu wenig Torschüsse.

Ich will lieber einen Hallodri, einen Beziehungsphobiker oder einen Spinner. Einen, der nicht immer sofort den Ball abgibt, sondern auch mal losstürmt – auch wenn er dabei ins Abseits gerät.

Vielleicht einen, mit dem man sich in eigentlich eindeutiger Absicht trifft und eigentlich nur als Vorspiel erst noch in der Kneipe vorher einen Wein trinkt… um dann in einer großartigen alkohollastigen und fußballguckenden Unterhaltung zu versacken und das eigentliche Vorhaben komplett aus den Augen zu verlieren.

Oder auch einen, mit dem das Schreiben zur Vorbereitung des ersten Treffens so perfekt ist, dass das Treffen selbst nur ins Auge gehen kann – um dann dranzubleiben, Missverständnisse je nach Tagesform zu vertiefen oder auszuräumen und nach stundenlanger Diskussion doch wieder im Bett zu landen.

Wenn’s sein muss, auch einen, der von Anfang mehr will, der mich in meiner Unentschiedenheit auf einen unbekannte Pfad lockt, um dann, wenn ich auf den Geschmack komme und langsam bereit bin, mich auf mehr einzulassen, einen vorläufigen (oder endgültigen) Rückzieher einzuleiten, weil er plötzlich auch wieder unsicher ist über das, was er will und kann.

Eine solche Erfahrung ist nicht so richtig lustig, führt sie mir doch mit erschreckender Deutlichkeit vor Augen, dass meine Gefühle noch immer oder wieder dicht unter der Oberfläche liegen und dass jedes Match damit enden kann, dass ich heulend auf dem verlassenen Spielfeld sitze und mich frage, was da eigentlich passiert ist. Aber das ist auch gut so, denn mir geht es – bei allem Spaß und der gebotenen Coolness – nicht um Unverbindlichkeit und möglichst viele Kerben im Bettrahmen (wobei: Ja, es stimmt, ich habe inzwischen ein Verzeichnis angelegt, damit ich nicht durcheinander komme!), sondern um ehrlichen Austausch und das sogenannte wirkliche Leben mit allen seinen Facetten.
 


 
Und mal ehrlich: Wer beim Fußball noch nie heulend vor Wut und Selbstmitleid vom Platz gegangen ist, der hat doch auch nicht wirklich erfasst, worum es beim Fußball geht und was daran so toll ist, oder? Oder?

  

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