Grinsekatze geht ins Netz

Triff mich im wirklichen Leben! – Von der ersten Mail zum ersten Date

Beim Online-Dating wird uns ja – und das aus guten Gründen – dazu geraten, immer mehrere Eisen im Feuer zu haben und nicht gleich alles auf eine Karte zu setzen. Dass das wirklich sinnvoll ist, musste ich auch erst lernen. Zumindest, solange man sich noch „nur schreibt“ – und frau sollte davon ausgehen, dass Männer das auch so machen: Es kommt immer mal wieder vor, dass ich mit einem Typen einen sehr unterhaltsamen Mailkontakt habe, der dann plötzlich abreißt, statt in ein meinerseits bereits angedachtes Treffen zu münden. Das hat nicht unbedingt was Schlimmes zu bedeuten, sondern im Allgemeinen nur, dass der Mann sich wahrscheinlich gerade mit einer anderen Frau trifft, die er parallel zu mir angeschrieben hatte. Oft hat sich das dann nach dem ersten Date schon wieder erledigt; dann schreibt er mir wieder… meistens so, als hätte es nie eine Unterbrechung gegeben.

Seit ich das selbst so oder ähnlich handhabe, ist es kein Problem mehr für mich. Ergiebiger Briefverkehr mit verschiedenen Männern ist, solange die Anzahl (der Männer) im einstelligen Bereich bleibt, eher unproblematisch, wenn man ein halbwegs gutes Gedächtnis mitbringt und am besten gar nicht erst anfängt, den verschiedenen Männern voneinander abweichende biographische Details zu erzählen.

In den allermeisten Fällen folgt auf eine erfreuliche und sich in die richtige Richtung entwickelnde Korrespondenz der Moment, in dem einer der beiden Korrespondenten (in meinem Leben meistens der Mann) ein Treffen im sogenannten wirklichen Leben vorschlägt. Was ja eine gute Sache ist – aber in dem Moment ist dann der Punkt erreicht, an dem man – zumindest ich mache das so – kurz innehalten und überlegen sollte: Dass ich mit mehreren Männer gleichzeitig Mails wechseln kann, weiß ich schon. Dass ich mich mit einem Mann verabreden und gleichzeitig mit mehreren anderen Männern schreiben kann, halte ich für sehr wahrscheinlich. Was ich aber lieber nicht ausprobieren möchte, ist, mit mehreren neuen Männern gleichzeitig erste Dates zu planen und durchzuführen. Ein bisschen Exklusivität ist mir dann doch wichtig, wenigstens für die paar Tage, die normalerweise zwischen der Zeremonie des Verabredens, dem ersten Date selbst und der sich normalerweise anschließenden Entwarnung für die anderen Männer, die – wissentlich oder auch nicht – in der Warteschleife hängen.

Den meisten Mailpartnern erzähle ich nicht, dass ich kurz davor oder gerade dabei bin, mich mit einem anderen Mann (der vielleicht gar nicht attraktiver ist, aber frecher, und deshalb früher gefragt hat) zu verabreden. Will die Herren und unsere Unterhaltung nicht mit so komplizierten Inhalten belasten – und außerdem (siehe oben) hat sich die Sache häufig ja mit dem ersten Date auch schon wieder erledigt.

Wenn Männer mich zu Beginn unseres Schriftwechsels fragen, wonach ich suche, sage ich üblicherweise, dass ich mir eine „Freundschaft plus“ vorstellen kann. Der freundschaftliche Aspekt ist mir wichtig, unabhängig davon, wie eng ein Kontakt bzw. eine Verbindung dann wird. Das „Plus“ ist fast noch wichtiger: Platonische Freunde habe ich nämlich schon. Die logische Konsequenz eigentlich: Ohne „Plus“ keine Freundschaft. Was für mich bedeutet, dass in dem einem Treffen vorausgehenden Mailaustausch die Frage, ob man miteinander guten Sex haben kann und (wiederholt) haben möchte, durchaus im Vordergrund stehen darf.

Auf dieser Grundlage bin ich absolut offen auch für eine raffinierte Anmache per Mail. Jemand, der schreibend (und ohne dabei primitiv zu werden) mein Kopfkino zum Rattern bringt, hat auf jeden Fall gute Karten, wenn er mir dann zeitnah ein Treffen im sogenannten wirklichen Leben vorschlägt.

In einem guten Flirt per E-Mail werden dieselben Stationen durchlaufen wie bei einem direkten persönlichen Kennenlernen: Man interessiert sich für jemanden, fühlt sich von ihm/ihr angezogen und tauscht sich aus, letztendlich in der Absicht, gemeinsamen Grund zu finden. Worüber, das ist individuell verschieden: Kochrezepte, gemeinsame Hobbies, Tagespolitik, sexuelle Wünsche und Vorlieben… das Wohlgefühl darüber, eine Übereinstimmung gefunden zu haben, kann sich auf allen möglichen Gebieten einstellen. Und von diesem Punkt aus sucht man dann weitere Gemeinsamkeiten – oder Unterschiede, die eventuell sogar noch mehr Reibungswärme erzeugen. Meist früher als später entsteht dann auch der Wunsch, dem Menschen am anderen Ende des Internets persönlich zu begegnen und herauszufinden, ob man sich auch ohne Tastatur und Monitor verständigen kann und will.

So ein Treffen nach einem vielversprechenden Online-Vorspiel kann großartig sein – oder total ernüchternd. Wahr ist, dass es bisher noch nicht gelungen ist, ein Verfahren zu entwickeln, mit dem man einigermaßen sicher prognostizieren kann, ob es beim ersten Date funken wird oder eben nicht. Wahr ist auch, dass die ersten fünf gemeinsam verbrachten Minuten uns in dieser Hinsicht im Allgemeinen Klarheit verschaffen. Und das unabhängig davon, wie perfekt der E-Mail-Austausch vorher verlaufen ist. Ich sehe einen Mann, höre seine Stimme, berühre seine Hand oder umarme ihn zur Begrüßung – und meine innere Stimme sagt: „Ach ja, das könnte was sein! Schüttel noch mal die Haare und mach den Schal ab, so dass er dir in den Ausschnitt gucken kann!“ oder: „Um Gottes willen! Musstest du nicht noch ganz dringend ein Buch in die Bücherei zurückbringen?“

Ist das nicht ein Argument gegen eine lange Korrespondenz? Wozu ist es gut, dass ein Mann nach drei Wochen fleißigem Mailen weiß, wie meine Katzen heißen, wenn ich doch nach einem ersten Blick weiß, dass ich nichts von ihm will? Hätte ich mich da nicht direkt nach einem Blick auf sein Profilfoto (und ein, zwei Mails, die mich hinsichtlich der Frage beruhigen, ob er vielleicht ein Vollpfosten, ein Hochstapler oder ein Triebtäter sein könnte) mit ihm verabreden sollen? Hätte das nicht, statt gesteigerter Erwartung auf der Grundlage eines harmonischen Mailwechsels und der folgenden Enttäuschung, den Ball etwas flacher halten können? Klar, im Nachhinein kann man das so sehen.

Weiterhin gilt: Auch bei Männern, die sich schließlich in einem Treffen als „richtig“ erweisen, kann die vorhergehende Korrespondenz wenig erhellend verlaufen und Frauen, die sehr viel Wert aufs Schreiben legen, durchaus entmutigen. Manche Männer haben einfach keinen Spaß daran, sich schriftlich allzu ausführlich zu äußern. Das heißt nicht zwangsläufig, dass sie nichts zu erzählen haben, wirklich nicht – aber das erfährt man eben erst, wenn man ihnen in der Realität gegenüber sitzt. Ist mir schon mehrmals passiert. Ich folge in solchen Fällen – ein grundsätzlich gutes Gefühl bei wenig greifbaren Belegen dafür, dass ein Mann ein Glückstreffer sein könnte – meinem Bauch (der bei ein bisschen Motivation sehr wohl in der Lage ist, Daumen hoch oder Daumen runter zu sagen). Hat durchaus schon geklappt und manche Männer, die keine tollen Mails schreiben, sind live und offline interessante und unterhaltsame Überraschungen. Auch in diesem Fall kann und sollte frau sich eine lange Wartezeit bis zum ersten Date sparen.

Im Zweifel entscheide ich, wenn es um die Frage „Treffen: Ja oder Nein“ geht, für den Mann, der sich ins Zeug legt: Wenn er immerhin glaubt, dass aus uns was werde könnte – auch wenn ich mir da noch nicht so sicher sein sollte – lasse ich mich schon mal zu einem Treffen überreden. In einem solchen Fall aber lieber früher als später, damit sich bis zum Treffen möglichst keine großen Erwartungen aufbauen. Auf beiden Seiten, versteht sich.

Träumen tue ich übrigens von einem Mann, mit dem ich mir ganz lange ganz vorzügliche Mails schreibe. In denen wir nicht über Kochrezepte und Hobbies reden müssen, sondern über alles und nichts. Eben das, was so in meinem und seinem Kopf rumgeistert. Dazu gehören natürlich, wenn es denn gut läuft, auch unsere erotischen und sonstigen Fantasien und Wünsche – die vielleicht überhaupt, durch die Korrespondenz inspiriert, überhaupt erst in den Vordergrund des Bewusstseins vordringen. Ein Mann, der bei mir schon bei dem grundsätzlichen Gedanken, ihn zu treffen, eine Gänsehaut und Schweißausbrüche verursacht: Aus Begeisterung und sich steigernder Lust, aber auch vor Angst, dass sich in einer Offline-Begegnung zeigen könnte, dass doch nichts zwischen uns laufen wird. Wer weiß denn, ob eine Offline-Begegnung mit dem mithalten kann, was mein Kopfkino mir vorher an Ideen und Erwartungen ins Bewusstsein gespült hat? Ein Zurück zum fantasieanregenden Schreiben gibt es nicht (zumindest ist mir kein Fall bekannt, in dem auf ein enttäuschendes Treffen eine nennenswerte Fortsetzung des Schriftverkehrs gefolgt wäre).

Leider kann es wirklich passieren, dass man sich dann offline gegenseitig nicht toll findet, auch wenn man online total ineinander verknallt war. Ein Mittel dagegen gibt es, soweit ich weiß, nicht, auch wenn es nicht unbedingt wahrscheinlich ist, dass auf eine wirklich perfekte Korrespondenz eine komplette Enttäuschung im sogenannten wirklichen Leben folgt. Ein Restrisiko bleibt – aber ein erstes Treffen, bei dem man einer Internet-Bekanntschaft gegenübersteht und denkt: „Wow, du bist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe – aber auch ganz anders! Ich glaube, du bist toll. Und außerdem finde ich dich wahnsinnig sexy!“… Das ist einfach eine unbezahlbare Erfahrung!

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